Die Unterlassungsmusiker

18. April 2011, 17:17
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Kaufmans "33 Variationen" im Wiener Volkstheater

Wien - Die Idee wäre: ein Stück. Denn während eine lateralsklerotisch erkrankte Beethoven-Forscherin (Maria Bill) ihrem Ende entgegentreibt, ein Bonner Komponist (Günter Franzmeier) namens Beethoven sich die Haare rauft, muss der Besucher des Wiener Volkstheaters sich eins plus eins zusammendenken. Die Idee lautet wie folgt: Ein relativ übler Broadway-Schreiber (Moisés Kaufman) verquickt das Wenige, was man von dem tauben Genie Beethoven weiß, mit dem Spärlichen, was eine degenerative Nervenerkrankung für Nachgeborene zu sagen übriglässt.

Stücke wie 33 Variationen sind daher vor allem Schwitzkastenanlässe: Sie nehmen das Darfürhalten des Publikums in Kauf, weil sie mit den angemaßten Würden "heikler" Themen jeden Widerstand im Keim ersticken.

Konkret weiß man gar nicht, was in Stephanie Mohrs in Teilen witziger Erstaufführungsinszenierung überhaupt erzählt wird. Gary McCann hat immerhin eine klassizistische Bühne hingestellt: Mama (Bill) macht sich Sorgen um den Bestand und die Form der Beethoven'schen Diabelli-Variationen. Sie ist unfähig, mit ihrer Tochter (Andrea Börderbauer) vernünftig zu kommunizieren. Sie spricht als Deklamationslaubfrosch an der Rampe. So wie immer in diesem "Stück" alle dasjenige sagen müssen, was sie tun, oder - mit Blick auf Beethoven - besser unterlassen.

Die Idee lautete noch immer: ein Stück. Es kommt nur kein Stück zustande. Stattdessen sehen wir einer zum Tode hin Nervenerkrankten beim Sterben zu. Sie durchforstet ein Archiv in Bonn, um auf Beethovens Kompositionsmotive (33 Variationen) zu stoßen, während hinten an der Wand und vorne zwischen den Portalbögen ein klassizistisches Land der Lügen erblüht.

Der Witz tobt quasi querüber: Spricht die Bill nicht, äußert sich Franzmeier als Beethoven. Die Gegenwart verdampft, weil sie in einer Idealgestalt des Biedermeier aufgeht. Die schlechte Pointe von Stephanie Mohrs Inszenierung - die gewiss aller Ehren wert ist - besteht nun darin, das Sterben-Müssen mit dem Kunst-Sollen zu verbinden: Nie war Franzmeier größer denn als Beethoven (und mit ihm Marcello de Nardo als Assistent Schindler: ein Marx-Brother). Warum kann dieses Haus nur nicht bessere Stücke spielen? Gute Aufführung. Und? (Ronald Pohl, DER STANDARD - Printausgabe, 19. April 2011)

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