Inspektor Columbo ermittelt zwischen Tütüs

18. April 2011, 17:13
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Höchst unterhaltsame Premiere: Das Wiener Staatsballett zeigt "Le Concours" von Maurice Béjart als liebenswerten Krimispaß und raffinierte Leistungsschau

Wien - Eine kluge Idee des neuen Ballettdirektors Manuel Legris, den Neoklassiker von 1985 als dritte Premiere in der Volksoper anzusetzen: Das Ballettstück Le Concours ist eine amüsante Melange aus Krimi, Persiflage und Komödie. Und gleichzeitig eine Choreografie, die Tänzern Gelegenheit bietet, ihr Können zu zeigen. Fazit: Das Wiener Staatsballett kann sich sehen lassen.

Aus dem Bühnennebel taucht allmählich eine goldene Ballettstange auf. Immer mehr junge Leute scharen sich um diese, umrunden diese wie Skifahrer, die den Rennkurs besichtigen. Flugs wechseln sie die Kleidung und werfen sich in Trainingsklamotten, um kurz darauf an die Stange zu eilen und mit den Exercises zu beginnen. Emsig wie im Bienenstock werden Beine hochgeschmissen und Arme gereckt.

Eine skurrile sechsköpfige Jury hält Ansprachen mit russischem, französischem, englischem und japanischem Akzent - der Wettbewerb ist eröffnet. Mehrere Runden sind zu absolvieren, in denen ständig jemand eliminiert wird, bis der Sieger übrigbleibt, dem als Preis die Ballettstange winkt.

Die Ballerina fällt tot um

In den 1980er-Jahren waren Tanzfilme sehr angesagt, und da besonders Storys über Auditions, siehe A Chorus Line oder Fame. Diesem Zeitgeist entspricht Le Concours, den der großartige französische Choreograf Maurice Béjart (1927-2007) auch für den klassischen Tanz einfing. Le Concours kann als typisches Béjart-Stück gelten: dynamisch, üppig, witzig und theatral bis filmisch.

Da passt der Plot des Mordes an der ehrgeizigen Concours-Teilnehmerin Ada (Olga Esina) wunderbar hinein, der die Story zum Krimi werden lässt: Ein Schuss - und die Ballerina fällt tot um. Der Mörder muss natürlich ermittelt werden: In der gelungenen Wiener Einstudierung von Bertrand d'Art tanzt Publikumsliebling Gregor Hatala den Inspektor. Im Trenchcoat, Tabak qualmend à la Columbo beginnt er seine Untersuchungen rund um Adas Vergangenheit, zumeist mit den Händen in den Manteltaschen tanzend.

Mehrere Verdächtige müssen zum Verhör: die Mutter Adas, selbst Ballerina wie ihre ungeliebte Tochter (Dagmar Kronberger), Adas romantischer Lover Ivy (Kamil Pavelka), ein zackiger TV-Choreograf (Eno Peci), ein windiger Magier (Igor Milos), ein Punk-Popstar im Billy-Idol-Look (Alexandru Tcacenco) und Adas Lehrerin Miss Maud (die wunderbare ehemalige Staatsopern-Primaballerina Susanne Kirnbauer).

In Rückblenden erfährt man über deren jeweilige Beziehungen zum Opfer. Dazu gibt es jede Menge Gags und ausgezeichnete tänzerische Darbietungen zur Musik, einer Collage aus berühmten Ballettwerken, u. a. von Tschaikowski, Minkus, Rossini, Johann Strauß, und einer Komposition für Le Concours von Hugues Le Bars.

Béjart, ein Gegner von Tanzwettbewerben, kostete seine satirische Neigung besonders im Einsatz der Musikstücke aus. Dazwischen die rhythmische Musik von Le Bars, die mitunter an eine Mischung aus Baumaschinenlärm und Schlumpfgesängen erinnert. Sie passt gut zur Tanzsprache Béjarts, die klassische Ballettfiguren mit zeitgenössischem Bewegungsmaterial verbindet.

Die Auflösung ist ein bisschen enttäuschend, denn keiner der Verdächtigen ist der Mörder, sondern eine Freundin, die nach dem tödlichen Schuss den Verlust Adas weinend beklagt hatte. Ihr widmete Béjart allerdings im Gegensatz zu den vom Inspektor Verhörten keine ausführliche Sequenz, sondern charakterisiert sie am Ende als eifersüchtig auf die erfolgreichere Konkurrentin.

Wettgemacht wird die simple Lösung durch die dynamische Schlussszene, in der aus dem Ballettsaal ein prächtiger Ballsaal wird. In lieblichen Tütüs (Kostüme Catherine Verneuil) defiliert das Ensemble der Reihe nach über die Bühne (Claude Tissier). Großer Applaus für ein hoch motiviertes Ensemble. (Barbara Freitag, DER STANDARD - Printausgabe, 19. April 2011)

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    Der mörderische Tanz um die goldene Ballettstange: das Staatsballett mit "Le Concours" von Maurice Béjart in der Wiener Volksoper.

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