Landidylle mit Autogestank und Großstadt nebenan

18. April 2011, 11:12
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Mit der Geschichte ihrer Wohnung in Wien musste sich die Schriftstellerin Julya Rabinowich erst arrangieren

Mit der Geschichte ihrer Wohnung in Wien musste sich die Schriftstellerin Julya Rabinowich erst arrangieren, erfuhr Michael Hausenblas bei einem Besuch. 

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"Ich wohne gemeinsam mit meiner 15-jährigen Tochter Naima seit zehn Jahren in einer 65 Quadratmeter großen Mietwohnung im 3. Bezirk - genaugenommen zu dritt mit unserer Hündin namens Moja. So wie ich ist sie eine wilde Mischung aus dem Osten. Mir ist es wichtig, hier im Grätzel zu bleiben, es bietet mir eine Kontinuität, die ich im Leben oft vermisse. Man könnte durchaus von einem dörflichen Gefühl sprechen, das sich mittlerweile eingestellt hat. Man könnte auch sagen: Landidylle mit Autogestank und Großstadt nebenan.

Der Dorfcharakter hat Vor- und Nachteile: Wenn man besoffen oder derangiert durch diese Gassen geht, weiß das spätestens am nächsten Tag jeder. Aber wenn man Hilfe braucht, ebenfalls. Schön ist auch das Bunte des Grätzels. Das Kulinarische prägt auch das soziale Miteinander. Die Treffen spielen sich zwischen unserem Türken, dem indischen Lokal Indus und dem klassischen Gasthaus Wild ab. Jeder geht zu jedem. Und alle kennen den Pfarrer, sogar ich. Und das heißt was. Denn ich gehe wirklich nicht in die Kirche. Doch dieser Pfarrer ist ein äußerst attraktiver Mann: elegant, fast modelmäßig, sehr wirkungsvoll.

Meine Tochter ist jetzt in einem Alter, das es schwieriger macht, die Wohnung richtig zu verteilen, da wir abgesehen von der Küche nur einen kleinen und einen sehr großen Raum haben. Gut, dass ich noch ein Atelier im 5. Bezirk besitze. In Zukunft werde ich es wohl als Partyausweichquartier brauchen können.

Es hat einige Jahre der Ertrutzung gebraucht, bis die Wohnung mir "gehört" hat. Die Geschichte des Hauses ist eine eher tragische. Eines Tages kam ich nach Hause und fand vor dem Eingangsbereich einen Berg weißer Rosen, an denen Zettelchen mit Namen befestigt waren, während vor anderen Häusern nur zwei oder drei oder keine Rosen lagen - eine Aktion, die noch vor den goldenen Pflastersteinen stattfand und die Häuser kennzeichnete in denen Menschen lebten, die während der NS-Zeit umgebracht oder deportiert wurden. Unser Gebäude diente als Sammellager für 380 Menschen, die von hier weggebracht wurden. Nur zwei davon überlebten.

Für mich war das durchaus eine Erklärung für die spürbare Dunkelheit dieses Hauses, die ich von Anfang an gefühlt habe. Meine Haltung war eine sehr trotzige. Ich wollte hierbleiben und es mir auch gutgehen lassen - anstelle der anderen dableiben. Ich habe versucht, die Geschichte aus diesen Räumen zu vertreiben. Das hat eine Weile gedauert. Im Stiegenhaus fühle ich mich immer noch sehr unwohl. Vor kurzem erst gab es einen Selbstmord und bald darauf einen Tod unter ungeklärten Umständen.

Es gibt keinen speziellen Platz, den ich zum Schreiben brauche. In der Wohnung arbeite ich meistens an einem kleinen Tisch am Fenster - neben meinem Scheidungsmöbel, das eigentlich ein Hochzeitsschrank ist. Ich schreibe aber auch gern drüben im Gasthaus. Dort arbeitet eine Freundin, der ich zwischendurch vorlesen kann. Der Lärm in einem vollbesetzten Lokal stört mich nicht. Er hilft mir manchmal sogar beim Abkapseln. Ich schreibe auch gern unterwegs, im Zug vor allem. Ein Großteil der Erdfresserin ist auf Reisen entstanden. Aber jede Reise sollte irgendwann in einem Zuhause münden, wenn sie keine Flucht bleiben will.

Wohnen bedeutet: mit sich und anderen leben. Wenn ich ausgehe, kann ich jederzeit flüchten. Wenn ich jemanden einlade, was manche als Biedermeierlichkeit interpretieren, hat das auch mit einer Verbindlichkeit, sogar mit einem Ausliefern einem Freund gegenüber zu tun. Ich als Russin würde kaum jemanden bitten zu gehen, auch wenn sich derjenige danebenbenimmt." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16./17.4.2011)

JULYA RABINOWICH wurde 1970 in St. Petersburg geboren. 1977 wurde sie, wie sie sagt, entwurzelt und nach Wien umgetopft. Sie studierte an der Universität für angewandte Kunst sowie an der Dolmetschuniversität Wien. Ab 2006 war sie als Simultanübersetzerin im Rahmen von Psychotherapie-Sitzungen mit Flüchtlingen tätig.

Rabinowich lebt heute als Malerin und freie Autorin in Wien. Für ihr Debüt Spaltkopf erhielt sie den Rauriser Literaturpreis 2009. Sie bekam das Elias-Canetti-Stipendium der Stadt Wien sowie ein Stipendium des BKA. Ihr Roman Herznovelle ist nun bei Deuticke erschienen.

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www.julya-rabinowich.com

  • Die Schriftstellerin und Malerin Julya Rabinowich schätzt an ihrer Wohnung im 3. Bezirk vor allem den dörflichen Charakter der Umgebung. 
(Foto: Lisi Specht)
    foto: lisi specht

    Die Schriftstellerin und Malerin Julya Rabinowich schätzt an ihrer Wohnung im 3. Bezirk vor allem den dörflichen Charakter der Umgebung.

    (Foto: Lisi Specht)

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