Das Leben eines Auslandsstudenten

18. April 2011, 01:20
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"We strongly recommend you to get ready for a marathon of parties, trips and many different activities", stand in der E-Mail des offiziellen Erasmus Clubs meiner Universität

Eines muss ich schon zugeben: Noch bevor mein Auslandsaufenthalt angefangen hat, hatte ich gewisse Erwartungen, was wohl auf mich zukommen würde. Neben vielen Gesprächen über İstanbul hat mich vor allem eine E-Mail des offiziellen Erasmus Clubs meiner Universität geprägt. "We strongly recommend you to get ready for a marathon of parties, trips and many different activities", stand da drinnen. Ein Party- und Tripmarathon also. Mit letzterem sind übrigens Ausflüge, und nichts anders gemeint.

In der Tat kann das Leben für uns Auslandsstudierenden hier ein Partymarathon sein, wenn man das will. Es vergeht eigentlich kein Tag, an dem nicht irgendeine Einladung den Weg zu mir findet. İstanbul ist unwahrscheinlich groß. Es gibt eine endlos scheinende Zahl an kleinen und großen Bars, Cafes, Clubs, Restaurants etc. Manche davon sind fast schon versteckt in Seitengassen, von außen nicht als solche ersichtlich. Man findet sie nur, wenn man dorthin gebracht wird.

Da gibt es zum Beispiel eine Bar im vierten Stock eines Gebäudes in einer Seitengasse der Istiklal Straße (Foto). Nirgends befindet sich ein Hinweis, dass dort so eine Bar ist. Aber wenn man hineinkommt, fühlt man sich wie im Wohnzimmer eines alten Freundes.

İstanbul hat viele Gesichter

Es wäre aber unfair zu sagen, der Aufenthalt hier wäre eigentlich nur eine Belastungsprobe für die Leber und andere Entgiftungsorgane. Das kann es sein, muss es aber nicht. Ist es für viele der Studierenden auch nicht. İstanbul ist sehr vielseitig. Manche Gegenden sind sehr liberal geprägt, andere stark konservativ. Man kann sein Leben als ausländischer Studierender aber hier weitgehend so gestalten, wie man möchte.

Fastfood kann man bei "McDonalds" und anderen großen Ketten finden, oder man versucht zum Beispiel gefüllte Muscheln, die hier überall verkauft werden. Essen kann man beim "Wienerwald", genauso wie in traditionell türkischen Restaurants. Seinen Kaffee kann man bei "Starbucks" trinken, oder in türkischen Cafés.

Da gibt es zum Beispiel ein winziges Cafés mit höchstens einer Hand voll Stühlen. Wenn man sich dort hinsetzt, fragt der Kellner auch gar nicht was man will, sondern nur "wie viele". Es gibt dort nämlich nur türkischen Kaffee. Weil es eines der ältesten Cafés dieser Art ist, sind immer viele Leute dort. Meistens Einheimische. Ein generell guter Hinweis um die Qualität einer Location zu erahnen.

Viele der Auslandsstudierenden sind natürlich sehr neugierig, was neue Dinge betrifft. Wenig verwunderlich, sonst würden sie kein Auslandssemester machen. Aber auffällig ist, dass gar nicht wenige dieses "Neue" nur in kleinen Dosen vertragen. Zuviel "neu" auf einmal scheint zu überfordern. Eigentlich normal, denn in fremden Umgebungen sucht man Vertrautes, Dinge die man kennt.

Extrem müde schlafen gehen, müde aufwachen

Und dennoch kommt man mit viel Unbekanntem in Berührung. Auch ich, der ja die Kultur eigentlich schon vorher kannte. Neu deshalb, weil İstanbul auf seine eigene Art und Weise verrückt ist, aber auch deshalb, weil ich hier aus jeder Ecke Europas und darüber hinaus Menschen kennengelernt habe. Sich in einer Runde mit Franzosen, Italienern und Deutschen etwa über Europas "Ausländerprobleme" zu unterhalten eröffnet so manch neuen Blickwinkel.

Das alles zerrt aber an den Kräften. An manchen Tagen wache ich müde auf, weil ich wahnsinnig müde schlafen gegangen bin. Wieso nicht einfach länger schlafen? Nun, weil das nächste Event, das nächste Konzert, der nächste Kinofilm, die nächste entdeckte Bar, das nächste tolle Restaurant um die Ecke etc. schon warten. Und Vorlesungen gibt es ja auch noch.

Ja, die Universität. An der İstanbul Universität gibt es kaum englischsprachige Kurse. An anderen Universitäten ist die Situation anders. Da die meisten Auslandsstudierenden natürlich kein Türkisch können, sind sie auch nur selten auf der Uni. Sie müssen Semesterarbeiten schreiben, um die Kurse zu bestehen. Beurteilt wird eher mit einem Augenzwinkern, denn die ProfessorInnen wissen, dass wir eine bestimmte Anzahl an Prüfungen absolvieren müssen.

"Blaa blaa an der Universität"

Ich habe diesen Bonus nicht. Da ich die Sprache gut genug kann um den Unterricht zu folgen, werde ich nicht anders behandelt als Einheimische. Prüfungen inklusive.

Zu meiner Universität stand auch etwas in der eingangs erwähnten E-Mail:: "We also recommend you (but not so strongly) to be ready for the lectures and blaa blaa stuff in our university". Blaa blaa Zeug an der Uni also. Die Vorlesungen, die ich belege, sind jedenfalls interessant. Ich durfte sie mir auch im Gegensatz zu Einheimischen gänzlich frei aussuchen. Kommende Woche finden Prüfungen statt. Der "blaa blaa"-Gehalt wird sich dann wohl offenbaren. (Yilmaz Gülüm, 18. April 2011, daStandard.at)

  • Die berühmte Istiklal Straße Samstag Nachts...
    foto: yilmaz gülüm

    Die berühmte Istiklal Straße Samstag Nachts...

  • ...genau so voll ist sie aber auch Mittwoch Nachmittags.
    foto: yilmaz gülüm

    ...genau so voll ist sie aber auch Mittwoch Nachmittags.

  • In den Seitengassen der Istiklal Straße reiht sich eine Bar an die nächste.
    foto: yilmaz gülüm

    In den Seitengassen der Istiklal Straße reiht sich eine Bar an die nächste.

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