Analyse: Finnland fürchtet um Ruf eines europäischen Musterlandes

17. April 2011, 20:58
101 Postings

Neue Regierung kämpft mit Sparzwang, Arbeitslosigkeit

Die neue Regierung in Helsinki steht in den kommenden Jahren vor Herausforderungen, deren Bewältigung für das zuletzt erfolgsverwöhnte und sich im Ruf eines Musterlandes sonnende Finnland wohl kein Spaziergang werden wird. Bereits im Wahlkampf haben die einzelnen Parteien ihre Wähler auf kommende Steuererhöhungen und Einsparungen vorbereitet.

Noch in dieser Woche wird das Flaggschiff des finnischen Wirtschaftswunders, Nokia, aller Voraussicht nach die Kündigung tausender Mitarbeiter im eigenen Land bekanntgeben. Der Handy-Konzern ist in den vergangenen Jahren als Vorreiter der technischen und kommerziellen Entwicklung der Branche zusehends ins Hintertreffen geraten. Die Wahl des Kanadiers Stephen Elop zum CEO und die Quasi-Ehe mit Microsoft haben die Transformation von einem finnischen Traditionsunternehmen zu einem de facto nordamerikanischen Multi noch beschleunigt.

Lahmes Wachstum

Die gesamte Wirtschaft Finnlands läuft seit der Finanzkrise von 2008 nicht mehr reibungslos. Die Arbeitslosigkeit ist mit 8,4 Prozent nach der Krise immer noch hoch, das erneute Wirtschaftswachstum erwies sich als noch flügellahmer als befürchtet. Die Verschuldung von Staat und Haushalten steigt weiterhin - und die seit Jahren als Problem erkannte Überalterung der rund 5,3 Millionen starken Bevölkerung schreitet fort.

Auch die Atomkatastrophe im japanischen Fukushima wird auf die Ausbaupläne der finnischen Atomkraft nicht ohne Folgen bleiben, die von der Industrie vorangetrieben werden - trotz zunächst gegenteiliger Beteuerungen der bisherigen Regierung. Hinter mehr oder weniger vorgehaltener Hand räumen Politiker aller Parteien ein, dass die endgültigen Baugenehmigungen für zwei bereits beschlossene Reaktoren sowie die Entscheidung für ein weiteres Kraftwerk in der kommenden Legislaturperiode vermutlich nicht stattfinden werden.

Die international bisher wenig beachteten Korruptions- und Wahlkampfspendenskandale der vergangenen Jahre werfen angesichts des Aufschwungs der Rechtspopulisten einen plötzlich sichtbaren Schatten auf die scheinbar weiße Weste des Landes. Ein unscharf formuliertes Gesetz über die Parteienfinanzierung ermöglichte es bisher allen Parteien inklusive der rechtspopulistischen "Wahren Finnen" von Timo Soini sowie einzeln wahlwerbenden Politikern, ihre Geldgeber weitgehend zu verschleiern.

Schließlich ist sogar das Herzeigeobjekt Nummer eins des Landes nach Meinung einiger Experten in Gefahr. Strukturelle Probleme wie zu große Klassen durch Schulenzusammenlegungen und drohende Einsparungen im Bildungsbudget könnten Finnland in den nächsten Pisa-Studien der OECD empfindlich zurückfallen lassen. (Andreas Stangl aus Helsinki/DER STANDARD, Printausgabe, 18.4.2011)

Share if you care.