Erste Karte im Clásico-Quartett - hat alles, aber ohne Spitzenwert gewinnt man nicht(s)

17. April 2011, 20:40
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4 Clásicos in 3 Wettbewerben innerhalb von 18 Tagen. Aus technisch-taktischer und sportpsychologischer Sicht gab es vielleicht noch nie zuvor eine interessantere Ausgangslage für einzelne Fußballspiele. Wenn die beiden von den vielleicht größten Trainer-Perfektionisten des Weltfußballs geführten Teams so aufeinander treffen, geht es unbedingt auch um Fragen von „Tarnen und Täuschen", Blöff und Kalkül. Trotz aller Nebengeräusche traditioneller, historischer oder politischer Natur und dem Siegzwang den diese Umstände den beiden Klubs auferlegen. Laut Johan Cruijff muss der FC Barcelona nur das zweite (Finale der Copa del Rey) und das vierte Spiel (CL-Rückspiel im Camp Nou) gewinnen. Vor Spiel eins stellt sich also die Frage: Legt auch José Mourinho bewusst den Fokus auf eines oder zwei Spiele? Pep Guardiola erklärt vor der ersten Partie im Bernabeu den Gegner zum Favoriten. Ein Blick auf die strategische Ausrichtung der beiden Teams soll uns helfen, die Psychospiele zu durchschauen.

Schablone gegen taktische Raffinesse?

Dass Pepe bei Real vor der Abwehr spielt - wie nicht selten für Portugal - hat sich in der spanischen Sportpresse am Spieltag angekündigt. Dass Puyol spielt, ist die Überraschung des Abends. Guardiola rechnete also mit einem sehr defensiven Madrid und bringt dagegen die „Stammelf" - dazu braucht er Busquets vor der Abwehr. Mourinho möchte von Anfang an den Raum zwischen Innenverteidigern und zentralem Mittelfeld zustellen. Das schafft Real bis zum Ausschluss Albiols nahezu fehlerlos. Xavi und Iniesta werden weit vom Tor ferngehalten, Messi kann nur ein einziges Mal vor den Beinen von Carvalho und Albiol zwei Doppelpässe spielen und muss trotzdem noch die Abwehr quer überlaufen, um zum Abschluss zu kommen. Iniesta gelingt in der „Primera Temporada" ein guter hoher Ball über die Viererkette, Real presst ihn und Xavi in ungefährliche Räume, wo sich die beiden 8er noch dazu den Ball mit dem Rücken zum Real-Tor von Piqué und Puyol abholen müssen. Läufe durch die Schnittstellen von Villa oder Pedro finden nicht statt, weil Sergio Ramos und Marcelo sehr defensiv und sehr stark im 1:1 agieren. „Die Drei" im Mittelfeld der Blancos stellen gemeinsam mit ihren Flügeln Überzahlsituationen her, so dass die Außen der Blaugrana gar nicht angespielt werden - vor allem um sie nicht in aussichtslose (= Ballverlust) Situationen zu bringen.

Wie man 4-3-3 spielen kann

Das Spiel zeigt exemplarisch die unterschiedliche Interpretation von Raumbesetzung mit demselben System. In beiden Teams werden laufend Positionen getauscht, allerdings mit so hoher Geschwindigkeit und Präzision, dass niemals Raum frei bleibt - die Grundzüge des 4-3-3 sind bei beiden klar vorhanden. Die Unterschiede liegen in der Feldposition und jener des zentralen Offensivmannes: während Real mit Benzema „den Punkt vorne hat", wie die Niederländer zu sagen pflegen, lässt sich Messi oft auf eine klassische Spielmacherposition fallen, bildet also in seiner Dreiherreihe den Punkt hinten. Dem internationalen Trend vom „falschen 9er" zu sprechen, kann in diesem Fall nicht gefolgt werden: Messi bekommt wenige Bälle und kann diese auch kaum nach hinten oder zur Seite prallen lassen, Real stellt wie oben beschrieben alle Pass-, Dribbling- oder Laufwege zu. Dass Barca vom Gegner so in ein fast schon klassisches 4-4-2 mit Raute gezwungen wird, ist ein spannender Nebeneffekt. Wenn Real das System ändert, dann bewusster, quasi „freiwillig" - natürlich immer innerhalb der Entscheidung für Defensiv- und Mittelfeldpressing. Dieses Pressing erledigen die drei Sechser in einer Kombination aus „Mann im Raum" und Manndeckung, wenn ein Barca-Spieler den Ball aus der Zone führt.

Respekt

Der bestimmende Faktor für die Wirkung eines Spiels, ist das Tempo. Der bestimmende Faktor für das Tempo des ersten Clàssics, wie die Katalanen sagen, war der Respekt Reals vor Xavi und Iniesta und jener Barcelonas vor Di María und Ronaldo. Diese vier Spieler sind fast immer die prägenden Elemente ihres mannschaftstypischen Spiels. Und die Gegenstrategien der beiden Trainer wirken. Xabi Alonso, Khedira und vor allem Pepe attackieren die Spielmacher-Zwillinge des Gegners im richtigen Moment, der Sekunde bevor das Spiel diagonal-vertikal und schnell gemacht werden soll. Barca-Linksverteidiger Adriano und sein Pendant rechts, der sonst so unwiderstehliche Dani Alves, stehen - ebenso wie ihre Außenverteidigerkollegen beim Gegner - sowohl bei eigenem, als auch bei gegnerischem Ballbesitz so tief wie sonst nie. Real gelingen durch Ramos und Alonso zwei, drei präzise Diagonalwechsel auf Angel Di María und Cristiano Ronaldo, die sich aber gegen eine Übermacht nicht entscheidend durchsetzen können. Im Pressing Madrids wechseln sich vor allem Pepe und Khedira ab, Pepe tauscht mit Xabi Alonso häufig Platz, um den ballführenden Flügel bei Barca anstechen zu können, Alonso lässt sich in der Mitte ab und an - ebenso wie Pepe - wie schon im Hinspiel zwischen die Innenverteidiger fallen.

Ausgebremst

Alonso sieht wenige Bälle, die „deeplying position" ist für seine bekannten Seitenwechsel in diesem Spiel zu extrem. Auch anderen werden ihre Stärken genommen: Villa erarbeitet zwar den Elfmeter, doch weil er für Barca-Verhältnisse fast schon zu sehr und weit vorne den 9er spielt, findet er keinen Platz für Bewegung. Pedro wird von Marcelo und Khedira unsichtbar gemacht. Zwar nimmt er nach hinten eine offene Stellung zur Ballannahme ein, kann sich dadurch aber nicht nach vorne bewegen, Marcelo hat es einfach, wenn ihm sein Gegenspieler den Rücken oder die Seite zuwendet. Zwei Deutsche drücken dem Spiel ihren Stempel auf: Sami Khedira mit dynamischen Läufen ohne Ball, aber auch einigen Ballerverlusten, die auf dem ganzen Platz wohl keinem anderen Spieler passiert wären. Und dann kommt in der zweiten Halbzeit der Auftritt von Mesut Özil. War er im ersten Clásico der Saison noch überfordert und wurde von Mourinho verheizt, so hat er gestern all seine Stärken gezeigt: ganz oben steht die richtige Einschätzung von Situationen. Özil weiß, wann ein Dribbling und wann ein Pass - mit der richtigen Richtung und Schärfe - angebracht ist. Sein Spiel verringert den defensiven Aufwand seiner Mannschaft und erhöht gleichzeitig die Geschwindigkeit der Angriffe. Mit Adebayor gibt es für diese eine optimale Anspielstation, die Real auch in Unterzahl nutzen kann. Das Spiel erinnert in dieser Phase an CL-Duelle zwischen Barca und Chelsea, in denen sich immer wieder zeigte, dass es für Katalanen schwierig ist, mit Druck auf die Innenverteidigung umzugehen, weil sie ihn nicht gewohnt sind. Ebenso ungewohnt scheint nach den Ballbesitzrekorden der letzten Halbsaison das „Zu-Ende-Spielen" von Kontersituationen. Iniesta und Xavi bremsen einige Male nach Ballgewinn ab, um dann (zu spät) mit einem langen Ball zu beschleunigen.

Bälle aus dem Stand

Wohin man auch schaut, die langen, die weiten, die scharfen Pässe, Schüsse, Abschläge - in diesem Spiel finden sie ihr Ziel zu selten. Iker Casillas schlägt schon vor der Pause fünf Mal zu einem Blauroten ab, seine Teamkollegen verzichten vor der Pause bei acht Möglichkeiten auf den langen oder schnellen Ball zum Konter. Bei Eckbällen schaut das Ganze nur etwas besser aus, aber nur wenn Di María, der, so lange er am Platz ist, alle Real-Corner tritt, auf die zweite Stange und den dort abspringenden Sergio Ramos spielt. Barca kommt nicht einmal dazu, Standards in Tornähe wie immer kurz abzuspielen, zu oft kommt das (wichtige) Foul der Madrilenos schon im Halbfeld. Allein in den ersten fünf Minuten, versuchen Pepe, Ronaldo und Marcelo mit regelwidrigem Wegstoßen den Gegner einzuschüchtern. Ein kurzer „Starschnitt": Ronaldo beweist mentale Stärke, den Elfmeter, diese oft unterschätzte und nur scheinbar banale Situation, meistert er großartig. In „El País" erschien am Samstag ein Artikel über seine Obsession im Pichichi-Duell mit Messi, Ronaldo hat eine Antwort gegeben und auch anderes bewiesen: das Foul sucht er offenbar nur im Angriffsdrittel, als Iniesta ihn tief in der Real-Hälfte zu Boden bringen will, läuft er weiter, wie er es weiter vorne wohl öfter tun sollte.

Studieren geht über Probieren

Es ist common sense, dass Barca sein Spiel durchzieht. Pep Guardiola ist aber auch ein Mann der mannschaftstaktischen Schachzüge, was er in Spiel eins (bewusst?) nicht zeigt: der sonst übliche Switch bei eigenem Ballbesitz, von 4-3-3 auf 3-4-3, findet auf Grund der Ausrichtung und Stärke(n) von Real Madrid nicht statt. Nur die Verletzung von Puyol zwingt zu einem anderen Wechsel als „Position für Position", Busquets fällt eine Reihe nach hinten neben Piqué, Keita kommt in die Zentrale. Ob dieses Rezept auch für das Finale der Copa am Mittwoch ausreicht? Denn Mourinhos Madrid hat bewiesen, dass es den FC Barcelona in Schwierigkeiten bringen kann, der Meisterschafts-Clásico wirkte wie ein Real-Testlauf für das Aufeinandertreffen im Mestalla. Die Kastilier wechselten von 4-3-3 zu 4-4-2 und zurück, nach Albiols Auschluss von 4-4-1 zu 4-3-2 und zurück, spielten mit verschiedenen Stürmertypen, mit unterschiedlichen Flügeln, 6ern und 8ern. Nur die Außenverteidiger wurden von Mourinho konstant gleich verwendet, alles andere schien sehr bewusst, immer für einige Minuten durchgezogen, um Barca vor neue Aufgaben zu stellen. Real Madrid hat sich zweifach einen Vorteil erarbeitet: einen psychologischen durch die Überwindung der letzten Niederlagen und das Wettmachen des Rückstands, und die Gewissheit, dass verschiedene personelle Strategien wirken. Der Test der Pläne könnte aber umsonst gewesen sein, denn Raúl Albiol ist am kommenden Mittwoch gesperrt, so wie Carvalho eine Woche darauf im CL-Hinspiel. Ob für die beiden jeweils Pepe, der außen exzellente Ramos oder back-up Garay in die Innenverteidigung rückt, wird die kommenden Spiele entscheidend beeinflussen. Es spricht Einiges für drei kommende Duelle mit anderem Charakter. A Miércoles/Dimecres.

  • Formation 1Bei Ballbesitz des FC Barcelona stellt Real Madrid in der ersten Hälfte im 4-3-3 jene Räume zu, aus denen die Blaugrana so gerne ihre Pässe in die Schnittstellen spielen würden.

    Formation 1
    Bei Ballbesitz des FC Barcelona stellt Real Madrid in der ersten Hälfte im 4-3-3 jene Räume zu, aus denen die Blaugrana so gerne ihre Pässe in die Schnittstellen spielen würden.

  • Formation 2Manchmal greift Real auch zum schon im ersten Clásico gesehen 5-4-1, Messi lässt sich zu weit fallen
 
    foto: derstandard.at

    Formation 2
    Manchmal greift Real auch zum schon im ersten Clásico gesehen 5-4-1, Messi lässt sich zu weit fallen

     

  • Formation 3Wenn Cristiano Ronaldo die Lust auf seine Aufgabe im Pressing verliert, sieht sich Barca auch einem 4-4-2 gegenüber
    foto: derstandard.at

    Formation 3
    Wenn Cristiano Ronaldo die Lust auf seine Aufgabe im Pressing verliert, sieht sich Barca auch einem 4-4-2 gegenüber

  • Formation 44-4-1 bei Real nach Ausschluss von Albiol
    foto: derstandard.at

    Formation 4
    4-4-1 bei Real nach Ausschluss von Albiol

  • Formation 5Özil bringt Entlastung
    foto: derstandard.at

    Formation 5
    Özil bringt Entlastung

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