Eine Ménage à trois mit Falte

17. April 2011, 18:53
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Laurent Chétouanes jüngstes Stück "horizon(s)" als Uraufführung im Tanzquartier Wien

Wien - Die Stücke des Choreografen und Regisseurs Laurent Chétouane spalten das Publikum. Sie faszinieren oder verärgern. Die Uraufführung seiner jüngsten Arbeit horizon(s) am Wochenende im Tanzquartier Wien wurde von ihren Besuchern überwiegend freundlich aufgenommen.

Beifall oder Erregung sagen viel über das Publikum aus. Denn das Publikum ist mehr als eine Ansammlung von Zeugen. Es ist Teil des Tathergangs. Der 1973 im französischen Soyaux geborene, heute in Berlin lebende und arbeitende Chétouane scheint dies in seine Produktion miteinzukalkulieren.

Stillstand aus Prinzip

Daher hat er vor allem in seiner Theaterarbeit erst einmal den Stillstand eingeführt. Don Carlos, fünf Stunden, kaum eine Bewegung. Ebenso in Inszenierungen von Goethe, Büchner, Jelinek und Heiner Müller an renommierten Bühnen. Vor etwa vier Jahren begann der Künstler, sich mit Choreografie auseinanderzusetzen. Einige seiner "Tanzstücke" waren auch in Wien zu sehen. Doch erst in horizon(s) tanzen seine Darsteller "richtig" - was auch immer das heißen soll. Das ist ein Statement. Gerade von einem, der die Bühne bisher in strikter Sparsamkeit mit der Intensität des gesprochenen Wortes oder der einfachen Körperpräsenz aufgeladen hat. So reagiert Chétouane auf die aktuelle, oft verkrampft wirkende Tendenz zur Wiederversinnlichung des zeitgenössischen Tanzes.

Bei horizon(s) wird als Horizont eine Ménage à trois angeboten. Zwei Frauen, ein Mann, ausgezeichnet verkörpert von Sigal Zouk, Anna MacRae und Matthieu Burner. Wechselseitige Zugeneigtheit, Distanzierung und Unentschlossenheit. Eine klassische Konstellation, in deren Verlauf allerdings die Frage immer dringlicher wird, worauf das alles hinauslaufen soll. Und hier lässt der Künstler seine Zuschauer genüsslich auflaufen. Das vermeintlich konkrete Motiv ist bloß eine Konstruktion. Darin zeichnen die Bewegungsmuster und Gesten der Tänzer den erzählerischen Horizont als etwas, das sich unentwegt verschiebt.

Dem literarischen Motiv des Beziehungsdreiecks ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Doch der ganze Tanz, der sich in seinen Hintergründen, Falten und Subtexten halb verborgen ereignet, ist vielleicht noch nicht auserzählt. Darauf greift Laurent Chétouane zu. Und ironisiert mit seinem ganz und gar unpsychologischen Spiel die Gier des Publikums auf die Wiederholung des Immergleichen in abgewandelter Form. (Helmut Ploebst/

  • Nähe als Konstruktion: "horizon(s)"
    foto: würdinger

    Nähe als Konstruktion: "horizon(s)"

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