Auf zur Treibjagd, rumtata

17. April 2011, 18:44
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Uraufführung von "Grillenparz" im Schauspielhaus Wien

Wien - Dass sich beim "Ins-Hoamatlond-Schaun" und Heimatliederpfeifen von Anfang an keine heiter-beschwingte Stimmung einstellt, dafür sorgt die beklemmende und "stumme" Sprache des oberösterreichischen Dramatikers Thomas Arzt, der Grillenparz am Schauspielhaus Wien, wo er diesjähriger Hausautor ist, zur Uraufführung brachte. Auf ebenjenem Hügel Grillenparz trifft sich die Firmenriege eines Unternehmens zu ihrer jährlichen Betriebsfeier, um Geschäfte mit ausländischen Investoren anzuzetteln. Vor einer die gesamte Bühne (Jessica Rockstroh) einnehmenden Almhütte werden Bekanntschaften und Erinnerungen aus dem Vorjahr aufgefrischt und wird die gespenstische Natur ausgekundschaftet.

Da kann man nur saufen: Kaum aus ihrer biederen Alltagswelt heraußen und mit den "eigenen Gesetzen der Natur" in Berührung gekommen - die Fremden im ländlichen Idyll, ein Topos der österreichischen Nachkriegsliteratur - fallen bei ausgelassenem Alkoholkonsum die hierarchischen Masken zwischen der Personalchefin Hirsch (Barbara Horvath), dem Betriebsrat Stieringer (Thiemo Strutzenberger) und den Angestellten Winni (Vincent Glander), Bambi (Veronika Glatzner) und der schweigsam-lyrischen Flora (Franziska Hackl), deren entsetzliches Schicksal nach und nach zutage tritt. Die Feier wird zur Treibjagd-Party mit tierischem Rumtatata-Refrain, in die das intim gedrängte Publikum involviert ist. Bald brechen seelische Abgründe auf und fördern ein aggressives Gewaltpotenzial, die Katastrophe kann nur teilweise vertuscht werden.

In der ideenreichen und atmosphärisch dichten Inszenierung der Tiroler Regisseurin Nora Schlocker, die das Team der durchwegs jungen Theatermacher komplettiert, verstört der von Kopf bis Fuß mit Erde beschmierte Jäger namens Fischer (Max Mayer) die Gesellschaft. Er wird zum Fremden in seiner Waldwelt und zweifelt in philosophischen, stilisierten Monologen an der Kommunikation der Menschen.

Der Name des titelgebenden Hügels erinnert natürlich an Grillparzer, den zum Nationaldichter verklärten Autor. Die Auseinandersetzung mit der Heimat ist eine zutiefst österreichische Thematik mit langer Tradition und beharrlicher Kontinuität, die Arzt aufnimmt und weiterführt. Im "Heimat"-Stück Grillenparz weisen neben (dialektalen) Liedern (Musik: Hannes Marek) Volksstück-Elemente à la Anzengruber darauf hin, Stille-Momente und künstliche Dialoge deuten auf Horváth hin. Langer Applaus. (Sebastian Gilli/DER STANDARD, Printausgabe, 18. 4. 2011)

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