Pragmatisch und leidenschaftslos

17. April 2011, 18:26
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Der Nachwuchs, der in der ÖVP zum Zug kommt, sieht ziemlich alt aus

Maria Fekter ist ein wahrer Tausendsassa - seit sie als Finanzministerin im Gespräch ist, zeigt sie einer staunenden Öffentlichkeit, dass sie auch recht sympathisch sein kann. So wirkten - aus nicht immer ganz nachvollziehbaren Gründen - alle möglichen Amtsvorgänger, von Josef Klaus bis Viktor Klima, von Hannes Androsch bis Karl-Heinz Grasser, im Krisenjahr 2009 auch Josef Pröll. Allerdings haben Prölls Umfragewerte in letzter Zeit ebenso gelitten wie seine gesunde Jugendlichkeit.

Aber Jugend ist ohnehin kein Wert an sich, ein bürgerlicher sowieso nicht. Das sieht man auch daran, wie jetzt die Personalsuche in der ÖVP läuft: Auf den 43-jährigen Parteichef Josef Pröll folgt der 51-jährige Michael Spindelegger. Auf den 43-jährigen Finanzminister folgt die 55 Jahre alte Frau Fekter. Wo sind die Jungen?

Lange war spekuliert worden, ob Fekter nicht die 44 Jahre alte Justizministerin beerben sollte - aber da tauchte am Wochenende noch eine weitere Inkarnation des Senioritätsprinzips auf: Franz Fiedler würde den Job doch gut beherrschen, der Ex-Rechnungshofpräsident ist kürzlich 67 Jahre alt geworden und doch noch recht herzeigbar! Hat Spindelegger eigentlich schon mit Andreas Khol gesprochen? Der hat den mitgliederstarken Seniorenbund hinter und den 70. Geburtstag noch vor sich, wenn auch knapp.

Alle Genannten sind exzellente Politik-Profis mit reichem Erfahrungsschatz. Tatsächlich hat Maria Fekter bewiesen, dass sie ohne Einarbeitungszeit in jede politische Rolle schlüpfen kann: Sie war eine sympathische Tourismus-Staatssekretärin, sie hat als Justizsprecherin kompetent und als Volksanwältin ebenso mitfühlend wie als Innenministerin hartherzig gewirkt. Immer pragmatisch, immer leidenschaftslos - ein Polit-Profi eben. Wollen wir von solchen Leuten regiert werden?

Wahrscheinlich schon, so traurig das auf den ersten Blick aussieht. Auf den zweiten Blick rücken aber die Quereinsteiger-Schicksale ins Bild: Wie tief ist die einst hochgelobte Ministerin Claudia Bandion-Ortner in der Gunst von Medien und Partei gesunken! Wie kläglich ist der fähige Manager Raimund Solonar als Generalsekretär gescheitert! Wie haben Sportler, Journalisten und andere Prominente erfahren müssen, dass die Gestaltungsspielräume in einer Partei klein, die Rivalitäten aber groß sind!

Wenn es mit dem Quereinstieg nicht klappt, dann vielleicht auf dem traditionellen Weg? Also: Parteiarbeit machen, die Basis betreuen, die Basis vertreten - und dann irgendwann in der Hierarchie aufrücken. So etwas funktioniert vielleicht in Großparteien, aber die gibt es heute nicht mehr: In der geschrumpften ÖVP bleibt das Stammpersonal unter sich, die Rekrutierungwege sind weitgehend verstopft. Kommt in der komplizierten Organisationsstruktur doch einmal jemand Neuer nach oben, so wird ihm oder ihr vorgeworfen, unerfahren zu sein. Verena Remler könnte wohl ein Lied davon singen - aber der Staatssekretärin will ohnehin keiner zuhören.

Was also können Spindelegger und sein Team tun? Naheliegend wäre: allen Widrigkeiten zum Trotz erst einmal überzeugende Sacharbeit machen; die in einer Koalition ohnehin bescheidenen Möglichkeiten nutzen, die eigene Handschrift zu zeigen. Engagiert streiten - aber nicht miteinander, sondern mit der Opposition, fallweise mit dem Koalitionspartner.

Und Nachwuchs aufbauen, der ab 2013 zum Zug kommen könnte. (Conrad Seidl, STANDARD-Printausgabe, 18.4.2011)

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