Wall Street und Sesamstraße

17. April 2011, 17:50
posten

Österreichs Erstaufführung von "Enron" glitzert in Graz

Graz - "Wir sind nur wegen dem Champagner da", ruft ein Enron-Mitarbeiter im ersten Teil des gleichnamigen Stücks der 30-jährigen Britin Lucy Prebble, das am Freitag seine österreichische Erstaufführung erlebte. Enron und die unglaubliche Geschichte des texanischen Energiekonzerns, der der Welt eine(n) der spektakulärsten Pleiten und Finanzskandale der Geschichte servierte, kennt man. Durch kriminelles Blendwerk erlebte die "großartigste Firma der Welt" Höhenflüge an der Börse, bevor sie 2001 unter Jeffrey Skilling, der heute in einem Gefängnis in Denver einsitzt, abstürzte. Massive Bilanzfälschungen hatten 21.000 Mitarbeiter ihre Jobs und Anlegern Milliarden gekostet.

Prebbles Stück, das am Londoner Westend und am Broadway Erfolge feiert, ist eine böse und informative Satire auf die Finanzwelt. Die Inszenierung von Cornelia Crombholz im Grazer Schauspielhaus und Michael Raabs Übersetzung schwächeln aber leider. Das unnötig auf drei Stunden ausgewalzte Stück mit übertrieben viel Musik- sowie Choreografie-Einlagen scheint alle Beteiligten ein bisschen zu überfordern. Auf der Bühne hechelt man dem vorgegebenen Tempo hinterher. Im Publikum hingegen bekommt man jeden Sachverhalt erst im Text (was völlig ausreichen würde), dann im (zugegebenermaßen wunderschönen) Jazz-Gesang von Irina Karamarkovic und Jelena Bukusic und schließlich in Metaphern wie Geld fressenden Dinosauriern mehrmals erzählt. Sesamstraße für Neulinge in der Welt der Finanz-Trickser.

Ballons und Blasen

Dabei hat man schon zu Anfang kapiert - Ballons und Seifenblasen da (Achtung: Finanzblase!), Glittergirls und Lehman Brothers in Goldanzügen dort -, dass es hier nicht um greifbare Werte, sondern um eine kriminelle Show ging. Im Theater noch einmal vor allen Dingen diese Glitzerwelt des Betrugs in den Vordergrund zu schieben und das Bild des Golds, das glänzt, aber keines ist, zu strapazieren ist unbefriedigend. Vielmehr will man doch im Theater hinter den Kulissen des Unternehmens sitzen dürfen und Einblicke ebendort hinein haben, wo es über Sexaffären von Vorstandsmitgliedern hinausgeht.

Einigermaßen tapfer im ganzen Gehüpfe und Musizieren halten sich da noch Sebastian Reiß als Enron-Präsident Skilling, der Gewissen mit Magengeschwüren tauscht, Gerhard Balluch als dessen überväterlicher Vorstandsvorsitzender Ken Lay und Gustav Koenigs als ausgekochter Enron-Finanzchef Andy Fastow. (Colette M. Schmid/DER STANDARD, Printausgabe, 18. 4. 2011)

Share if you care.