Leben unter dem Pleitegeier

17. April 2011, 17:54
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In Portugal muss nicht nur der Staat kräftig sparen. Die Bürger, die Banken, ja die gesamte Wirtschaft wird auf Schrumpfkur geschickt

War's das mit dem Wohlstand? In Portugal muss nicht nur der Staat kräftig sparen. Die Bürger, die Banken, ja die gesamte Wirtschaft wird auf Schrumpfkur geschickt. Dabei breitet sich die Armut bereits aus.

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Lissabon - Fernando* hat die halbe Nacht nicht geschlafen, sondern gerechnet. Jetzt ist er ganz verbissen darauf, das Ergebnis zu präsentieren. Hektisch kritzelt er eine Formel auf ein Stück Papier. Er fügt Variable für Variable ein. Produktivität, Handelsbilanz, Defizit, Verschuldung. Dann grübelt er und rechnet noch einmal.

Es ist ein schwüler Morgen in Lissabon auf dem Luís-de-Camões-Platz. Studenten, einige Herren in Anzug und Krawatte, ein paar Pensionisten genießen im kleinen Kaffee die Sonne. Mitten am Platz thront übergroß in Bronze Nationaldichter Luís de Camões.

Fernando sticht aus diesem Ensemble heraus. Mit zerzaustem Haar und zerknittertem Hemd ist er der Prototyp eines zerstreuten Professors. Dabei ist er das nicht einmal. Er arbeitet in der Nationalbank in Lissabon und gilt dort als einer der klügsten Ökonomen. "Ich hab es", schreit er plötzlich auf. "Zwölf Prozent", verkündet er stolz die Lösung für seine magische Formel. "Um die Schuldenkrise zu bewältigen, muss der Staat und statistisch gesehen jeder Portugiese vom Baby bis zum Greis seinen Konsum um zwölf Prozent pro Jahr einschränken. Weniger Geld ausgeben für Autos, Wohnen, Reisen, Kleider. Und das für die nächsten zehn Jahre. Dann könnt es vielleicht klappen."

Seit vergangener Woche steht fest, dass Portugal unter den Euro-Rettungsschirm schlüpft. Von 80 Milliarden Euro ist die Rede. Fachleute des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der EU verhandeln in Lissabon mit der Regierung über ein Maßnahmenpaket. Es wird dabei darum gehen, das Land zurechtzustutzen. Finanziell betrachtet hat Portugal - wie Ökonomen so schön sagen - seit der Euro-Einführung 2002 über seine Verhältnisse gelebt. Nicht nur der Staat ist tief verschuldet, auch die Bürger sind es. Ständig fließt mehr Geld aus dem Land als hinein. Das EU/IWF-Programm soll beides korrigieren. Wo genau gespart wird, weiß niemand. Doch am Ende wird man sich Fernandos zwölf Prozent annähern.

So haben die Vorbereitungen auf die große Schrumpfkur begonnen. Die Protestbewegung steckt noch in den Kinderschuhen. Die Kommunisten, fast nirgends in der EU sind sie so stark wie hier, rufen zu einer "Empörungskampagne" auf. Eine Jugendbewegung Namens Geração à rasca (in etwa: verlorene Generation) hat Demos organisiert, ein Künstler hat in Lissabon Wegweiser mit der Aufschrift "IWF" platziert. Das war's auch schon mit dem Widerstand.

Szenenwechsel. Der frühere Finanzminister Jorge Braga de Macedo empfängt seine Gäste in einem imperialen Prunkbau am Ufer des Tejo-Flusses. Wo heute sein Forschungsinstitut ist, war einst die Sommerresidenz des Kardinals von Lissabon. Nach einer kurzen Schlosstour kommt Macedo rasch zur Sache. Portugals Probleme seien historisch bedingt. Der Weg des faschistischen Langzeitdiktators António Salazar (1932-1968) an die Spitze führte über das Finanzressort. "Das haben die Menschen nicht vergessen. Darum wollen dort viele keinen starken Mann", meint Macedo. Ansonsten plage das Land das übliche südeuropäische Leiden. Der Privatsektor sei nicht wettbewerbsfähig, der Staat verschwenderisch, das Sozialsystem "ineffizient, unfair". Wer arbeitslos ist, hat Anrecht auf zwei Jahre Arbeitslosengeld; ein europäischer Spitzenwert. Überhaupt sei der Arbeitsmarkt unflexibel.

Wenige hundert Meter Luftlinie entfernt sitzt Manuel Carvalho da Silva, Chef der größten Landesgewerkschaft CGTP. Er sieht rot, wenn er Macedos Thesen hört: "Von üppigen Sozialsystemen und unflexiblem Arbeitsmarkt zu sprechen ist eine Lüge." Ein Drittel der Portugiesen arbeite in befristeten Arbeitsverträgen mit weniger als sechs Monaten Laufzeit. Bei einem Durchschnittslohn von 690 Euro im Monat und 485 Euro Mindestlohn sei der Begriff "über die Verhältnisse gelebt" relativ.

Ein Land sitzt in der Falle

Hauptproblem des Landes sei der Euro. Vor dem Euro-Beitritt wertete Portugal seinen Escudo ab wenn es eng wurde, Exporte und Investitionen zogen dann über Nacht an. "Der Norden muss begreifen, dass wir uns im Süden die starke Währung ohne mehr Solidarität nicht leisten können."

"Die Gemeinschaftswährung ist mitschuldig an der Misere", attestiert auch der konservative Abgeordnete Paulo Mota Pinto. Portugal sitze in der Falle.Weil das Land in harter Währung verschuldet ist, sei ein Euro-Austritt keine Option.

Für solche Überlegungen hat Ana Martins keinen Kopf. Sie leitet die Armenhilfe bei Ami, einer der größten Sozialeinrichtungen Portugals. Auch sie hat nachgerechnet. 2010 war ein Boomjahr für die Armenhilfe. 12.383 Menschen wandten sich in Lissabon, Funchal oder Coimbra auf der Suche nach Essen oder einem Schlafplatz an Ami. Das ist noch kein Armenheer, aber eine Zunahme von 25 Prozent gegenüber 2009.

Portugal begann bereits vor der Ankunft des IWF zu sparen. Sozialhilfe, Kindergeld wurden gekürzt. Hinzu kommt die steigende Arbeitslosigkeit. "Das alles spürt man", sagt Martins, "ich hoffe nur, der IWF hat in Griechenland und Irland gelernt, dass man Sozialsysteme nicht einfach ausradieren kann. Und zwar egal, wie hoch die Schulden sind." (András Szigetvari aus Lissabon, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.4.2011)

*Name von Redaktion geändert

  • Der Dritte im Bund ist umgefallen. Das ärmste Euro-Land Portugal steht 
vor großen Einsparungen.
    foto: standard/mathias cremer; bearbeitung: druml

    Der Dritte im Bund ist umgefallen. Das ärmste Euro-Land Portugal steht vor großen Einsparungen.

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