Der Freitod des Begehrens

17. April 2011, 17:39
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Premiere von Richard Strauss' "Salome": Regisseur Stefan Herheim setzt auf drastisch-packende Bilder, Dirigent Simon Rattle auf wenig produktive Sängerfreundlichkeit

Salzburg - Bitte anschnallen: Hier tanzt der Rabbi mit Hitler, Kaiser Wilhelm II. mit Dschingis Khan, und irgendwo hüpfen auch Römerkaiser Augustus, Napoleon und Stalin herum. Das Glück der Herren scheint zunächst jedoch recht flüchtig. Allesamt werden sie von sechs Salomes erdolcht - die siebte, echte räkelt sich auf dem Riesenteleskop, das sie zuvor zur Kanone umfunktioniert hatte, um in den Mond über ihr ein Loch zu schießen.

Im diesem "Tanz der sieben Schleier" lässt Regisseur Stefan Herheim also Herodes' erweiterte Festgesellschaft (ein lebendiges Museum diverser Religionsvertreter und zahlloser, die Menschheitsgeschichte prägender Herrscher) dahinmetzeln. Allein, es ist ihr ein Leben nach dem Tode geschenkt: Wieder höchst lebendig hat sie messerbewaffnet noch in die Tiefe herabzusteigen, um für Salome den Kopf des Jochanaan zu beschaffen.

Und bleibt der Vorgang des Köpfens im Verborgenen, so ist das abgetrennte Haupt umso präsenter: Es kommt aus dem Bühnenboden in einer Dimension, die es Salome erlaubt, als Ganzes im Mund des Asketen zu verschwinden, der sie (hier unter einigen Qualen) verschmäht hat.

Das wäre nur so ein kleiner Ausschnitt aus dem surreal-brutalen Fantasykosmos Herheims. Dieser sehr musikalische David Copperfield unter den Regisseuren hat nämlich das blutrünstige Finale von Richard Strauss' Oper quasi auf das gesamte Werk und dessen Beziehungskisten übertragen.

In einer Arena mit blinkenden Sternen und einem sich drehenden, auch als Videoleinwand fungierenden Mond (tolles Bühnenbild: Heike Scheele; Videos: fettFilm) dominieren somit Fremd- und Selbstverstümmelungen von Paaren, deren zwanghaftes Begehren letale Folgen zeitigt.

Herheims frappante Assoziationswut gebiert dabei manch theatrale Verdichtung von hoher Virtuosität. Wie sich der Page, hier eine Narraboth (kultiviert Pavol Breslik) verfallene Dame (packend in der Rollengestaltung: Rinat Shaham) verzweifelt am Körper des toten Hauptmanns "abarbeitet", ihren Suizid durch einen simulierten Koitus mit Narraboths einleitet (das Messer als Phallus), ist in der Drastik die konsequente, intensive Ausführung der Grundidee, jene Gewaltkräfte, die dem Werk innewohnen, freizusetzen.

Die gekrümmte Umwelt

Im Zentrum dieser Variation zum Thema Sehnsucht und deren destruktive Folgen steht natürlich Salome (vokal letztlich zu kraftlos, um den Facetten der Figur gerecht zu werden: Emily Magee) als Projektionsfläche von Fantasien: Äußerlich ein immer wieder (auch mit Herodes) tanzendes, Monroe-verwandtes Püppchen, verfügt sie dann über die Wirkkraft eines Jedi-Ritters. Nicht nur die Macht ist allerdings mit ihr - ihre Umwelt krümmt sich bisweilen unter den befehlenden wie flehenden Gesängen der Blondine -; auch die Ohnmacht ist die ihre.

Zwar ist Jochanaan (vokal insgesamt noch am präsentesten: Iain Paterson) zunächst ein sich am Gemächt festhaltender, offenbar erektionsgeplagter Prediger. Also einer, der gehörige Mühe hat, Enthaltsamkeitstheorie und -praxis in Einklang zu bringen. Da ist Salome schon ziemlich nahe am ersehnten Kusskontakt mit einem, der in seinem Glitzersakko aussieht wie eine zerlumpte Variante von Herodes und Narraboth; wie auch Herodias (solid: Hanna Schwarz) und der "Page" (zwar dunkel gewandet) an Salome erinnern. Daraus wird natürlich nichts. Herheims Entfesselung destruktiver und autodestruktiver Kräfte in einem Milieu der Zwänge, unterdrückter Konflikte und Wünsche kann ihrem Finale entgegenbluten.

Musikalisch leidet die mutige, packende Produktion allerdings an den unbewältigten akustischen Dimensionen des großen Festspielhauses. Die meisten Stimmen sind nicht groß genug, um nötige musikalische Intensität zu generieren. Und die Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle (sehr tief im Orchestergraben postiert) vermögen den Sängern somit nur dadurch zu helfen, indem sie sich bisweilen bis zur Unscheinbarkeit zurücknehmen.

Ein grandioses Orchester schlägt sich somit erheblich unter seinem Wert; zu anämisch klingt da vieles; nur selten hört man - bei instrumentalen Freiräumen - etwas von jener Fähigkeit Rattles, analytische Klarheit mit dringlicher Klangsinnlichkeit zu verschmelzen. Dennoch Applaus für alle. Selbst Herheim konnte erfreut zur Kenntnis nehmen, dass der Beifall schließlich die zornigen Buhs übertönte. (Ljubisa Tosic/DER STANDARD, Printausgabe, 18. 4. 2011)

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    In Stefan Herheims Version einer seltsamen Liebesgeschichte regieren die Extreme: Der Kopf des Jochanaan wird hier für Salome (Emily Magee) zur "begehbaren" Skulptur.

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