Martyrium als Lohn

17. April 2011, 17:33
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"Dialogues des Carmélities" in Wien

Wien - Termingerecht zur Karwoche wird im Theater an der Wien im großen Stil gelitten: Die Dialogues des Carmélites sind zurück. Und so sah man kirchliche Eminenzen wie Christoph Schönborn sich dem Werk über das Leben, Streben und Sterben einer Gruppe von Klosterfrauen entgegenfreuen, in welchem die Selbstaufopferung, zentrales Moment des christlichen Glaubens, auf kardinale Weise thematisiert wird.

Die schlichte, bilderstarke Inszenierung Robert Carsens, die hier 2008 erstmals gezeigt wurde, hat zum Teil Besetzungsänderungen erfahren. Mit dabei damals wie heute das RSO Wien unter der Leitung Bertrand de Billys, welches in Francis Poulencs spätem Meisterwerk (1957) ja einiges abzudecken hat: die Streicher sowohl impressionistische Zauberflächensounds als auch spätromantische Intensivschwelgerei à la Puccini, das Blech reichlich neoklassizistische Akkord-Arbeiten, die Holzbläser solistisches Dialogisieren mit den Sängern. Was dem Klangkörper in Summe auf überzeugende Art gelang.

Kingsize-Tragödin

Heidi Brunner bildete den Charakter Madame Lidoines, der neuen Priorin, auch stimmlich ab: im Kern weich, in Extremlagen zu schneidender Härte fähig. Als Madame de Croissy (Ex-Priorin) war Deborah Polaski ganz routinierte Kingsize-Tragödin. Von Graf Walderdorff'scher Souveränität Jochen Schmeckenbecher als Marquis de la Force, heldisch Yann Beuron als dessen Bühnensohn.

Hendrickje van Kerckhove sang mit ihrem kleinen, wendigen Sopran Patricia Petibons Partie der 2008er-Serie: die Constance, den positiven Aktivposten des leidgeprüften Personals. Auf ihrem Weg vom Nachtigallenfach in dramatischere Gefilde erwies sich die Blanche für Petibon als ein zwiespältiger Halt: Vom unausgewogenen Beginn abgesehen, begeisterte der Publikumsliebling durch darstellerische Intensität und stimmliche Durchschlagskraft - nur ging Letztere selten mit einem wirklich glänzend schönen Klang einher.

Die künstlerisch wertvollsten Vokalkunstwerke gelangen Michelle Breedt als Mère Marie: Ihre schwebenden Pianissimo-Zaubertöne müsste man eigentlich in einer Vitrine ausstellen. Großer Applaus - das Amen aller weltlichen Unterhaltung - für alle.  (Stefan Ender/DER STANDARD, Printausgabe, 18. 4. 2011)

 

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