Spindelegger und die Türkei: Ein Lackmustest

17. April 2011, 17:31

Michael Spindelegger hat mit seiner Schwarzmeer-Initiative bereits ein Zeichen der Öffnung gesetzt - In der Türkei-Frage könnte er die politische Neuaufstellung wagen

Alle reden und schreiben über die innenpolitischen Fragen, die der neue ÖVP-Obmann Michael Spindelegger am Parteitag im Mai beantworten möchte. Über allem jedoch schweben die internationalen Probleme. Eines davon, bei genauerem Hinsehen eines der wichtigsten, ist die Frage: Wie halten wir es mit dem EU-Beitritt der Türkei?

Sie ist unter den Staaten mit islamischer Bevölkerungsmehrheit das fortschrittlichste Land, was demokratische Strukturen betrifft - weshalb die Türkei (auch als Nato-Mitglied) in den jungen Demokratiebewegungen der nordafrikanischen Staaten als Vorbild figuriert. Das hat Auswirkungen auf die Beurteilung der Beitrittsfrage. Denn der Einfluss der Türkei auf junge Muslime wird größer, das Gewicht türkischer Investoren im Nahen Osten wächst.

Aber es gibt auch Rückschritte:Die Attacken auf die Pressefreiheit, die Verhaftung vieler Journalisten sind intolerabel. Und werden von Brüssel viel zu lasch kritisiert. Trotzdem oder gerade deshalb muss eine Partei wie die ÖVP, die nicht müde wird, ihren EU-Enthusiasmus zu betonen, auch in der Türkei-Frage eine klare Position beziehen.

Typisch für österreichische Verhältnisse wäre, das wachsende Engagement der österreichischen Wirtschaft am Bosporus zu verschweigen - um die Islamfeindlichkeit der Funktionäre leichter als Maßstab anlegen zu können. Und (auch aus Angst vor der FPÖ und dem medialen Boulevard) den Beitritt zur EU weiterhin abzulehnen. Man merkt es ja immer wieder: Die meisten heimischen Journalisten schreiben über Innenpolitik. Ein tieferes Anliegen ist ihnen Außenpolitik nicht - wie der Mehrheit der Politiker.

Ob man vor dem Hintergrund des Angst-Szenarios von einer "Partnerschaft" spricht oder im Sinne weiser strategischer Voraussicht gleich eine Vollmitgliedschaft anpeilt, ist inhaltlich dasselbe: Vor 2020 wird es einen Beitritt ohnehin nicht geben, bei beiden Varianten werden Übergangsfristen installiert. Der Unterschied: bei der Vollmitgliedschaft ein türkischer Kommissar, einige hohe Beamte. Mehr Wind als die Polen oder die Briten können auch die Türken nicht machen.

Michael Spindelegger hat mit seiner Schwarzmeer-Initiative bereits ein Zeichen der Öffnung gesetzt. Und er weiß ganz sicher, dass seine Türkei-Position auch grundsätzliche innenpolitische Fragen betrifft: die Integration (siehe Türkisch-Matura), den Islam (Stärkung der Moderaten oder nicht) und die Infrastrukturen (siehe Nabucco-Pipeline).

Im Juni wird es in Österreich "Mini-Davos", einen Wirtschaftsgipfel über Europa, Asien und die Schwarzmeer-Region geben. Vielleicht ein Anlass zu einer Änderung der Türkei-Politik. Im Vergleich zur Linie Wolfgang Schüssels braucht Spindelegger nicht sehr viel weiterdrehen. Wie sein Vorvorgänger könnte er die "Ergebnisoffenheit" in den Vordergrund stellen. Aber er könnte sie mit der Hoffnung verbinden, dass der Beitritt der Türkei gelingen möge. Das wäre eine außenpolitische Neuaufstellung. Und ein Lackmustest. (STANDARD-Printausgabe, 18.4.2011)

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Kritiker1A
00
18.4.2011, 18:23
Der €uro und die EU sich Geschichte, noch bevor wirkliche Verhandlungen mit Türkei begonnen haben.

Plinius
128
18.4.2011, 16:15
offenbar will man nicht begreifen,...

...dass ein Staat dessen Territorium zu mehr als 97% am asiatischen Festland liegt nichts in der EU verloren hat. Die pro Türkei Lobbyisten verschweigen das gerne.

Im Übrigen kann mir irgendjemand verdeutlichen wo der Vorteil für die EU liegen soll ein durch u. durch rückständiges u. undemokratisches Land aufzunehmen?

Ui Jessasna
03
18.4.2011, 18:24
aber sie sind auch nicht zu begreifen,

ist doch die Türkei seit 1949 Mitglied des Europarates (Deutschland 1950, Österreich 1956, Schweiz 1963), die parlamentarische Versammlung wird derzeit von einem türkischen Politiker geleitet, die EU-Fahne hat die EU vom Europarat übernommen, die Türkei ist Mitglied in allen europäischen Sportgremien (FIFA, Leichtathletik usw)- also was wollen sie jetzt (2011) mit dem hinweis auf 97% Asien andeuten? Zypern ist 100% Asien, wenn sie es so betrachten. Um zu "begreifen", müssen sie ein anderes Argument bemühen, nicht das geografische (das ist nur was für pisaverdächtige Strache-Österreicher, weil's eben simpel und auch falsch ist). Wenn sie das nicht wissen, ein kleiner Tipp: Wikipedia (Europarat)nachschauen. Und gescheitere Argumente bringen

Plinius
20
19.4.2011, 01:34
aber Zypern hat wenigstens...

...eine mehrheitlich europäische Bevölkerung! Wenn man früher Fehler gemacht hat - es ging ja um die Eindämmung der Sowjetunion, ist daas kein hinreichender Grund, jetzt wo sich die politischen Verhältnisse in Russland geändert haben, Fehler der Vergangenheit weiterzuführen. Abgesehn davon erreicht man gar nichts, denn die Türkei würde die EU genauso erpressen wie Russland. Noch schlimmer, die würden gemeinsame Sache machen, aber die EU hätte sich ein Fass ohne Boden eingehandelt.

Interrupt
00
19.4.2011, 15:15
?

land in asien mit mehrheitlich europäischer bevölkerung? wie soll das gehen ohne okkupation?

Plinius
00
19.4.2011, 22:36
geht ganz einfach,...

...denn Zypern hat mit großer Mehrheit eine griechische Bevölkerung (war ja einst ein Teil des griechischen Staatssgebietes) und Griechenland selbt ist unzweifelhaft ein Teil Europas.

Interrupt
00
22.4.2011, 14:21
mag für die bevölkerung zutreffen

aber ihr hauptargument war die geographische lage des territoriums und da liegt zypern zweifellos nicht in europa.

punkt ist, dass die argumente gegen den beitritt der türkei nur ausreden sind um nicht offen sagen zu müssen: "ich will die türken nicht in meinem europa haben und den grund dafür nenne ich euch nicht, denn das wäre dann rassismus und widerspräche meinen propagierten werten." oder anders "meine werte sind nur solange von bedeutung solange ich einen vorteil davon ziehen. wenn der preis stimmt verkaufe ich die aber auch."

Plinius
10
22.4.2011, 21:20
eindeutig falsch...

...denn es ist ein Unterschied ob die Türkei mit ca. 80 Mill. Einwohnern in die EU drängt, od. ob Zypern mit seinem griechischen Bevölkereungsanteil von ca. 140 Tsd. in der EU schon drinnen ist. Es ist auch nicht unerheblich ob ein Land das zu mehr als 97% in Asien liegt in die EU will. Da erhebt sich schon die Frage mit welchen Argumenten eigentlich?
Daher seh ich da keine "Aureden", sondern es wird der Tatsache Rechnung getragen, dass die T. nicht als europäisches Land anzusehn ist. Ganz abgesehn davon, aber das ist nur noch Nebensache, dass dieses Land schwere Pribleme mit fast allen Nachbarstaaten hat u. Probleme im Inneren. Schließlich muss man noch fragen - wenn die Türkei reinkommt, wo hört dann die EU auf? In Persien, im Irak? Wo?

JonBut
00
18.4.2011, 16:04
Kategorischer Imperativ in Hochsaison.

Zum Einen werden Regierungen gewählt, die dann authorisiert Verhandlungen führen und auch verbindende! Verträge abschliessen und zum anderen genau diese Handlungsweise im Nachhinein kritisiert, gar verurteilt!?
Erstaunlich ist, dass jene Regierungen dennoch wiedergewählt werden, obwohl selbige (angeblich) gegen den Willen des Wählers/Bürgers agierten.
Irgendwie kommt einem da das Gefühl hoch, da wird nur mehr gegenseitig vera...
Und Meinungsumfragen stellvertretend für Wahlen zu nehmen, ist überhaupt die demokratische Höhe.
Was glauben diese Leute was sie sind?
Intelligent, wohl nicht?
Die nächsten Wahlen kommen ja noch vor einem EU-Beitritt der Türkei. Wer hindert diese dem eine Absage zu erteilen?
HC lacht sich ins Fäusstchen. Denn auch er

altheaal
15
18.4.2011, 15:13

Ich finde wirklich interessant, dass der EU-Beitritt der Türkei nirgendwo so heftig und polemisch diskutiert wird bzw. abgelehnt wird wie in Österreich. Es mag sein, dass es wirtschaftlich nicht sinnvoll ist, da kenne ich mich zu wenig aus, obwohl ich denke, dass es auf irgendeine Weise für irgendwen profitabel sein muss, die Türkei aufzunehmen. Vor allem "kulturelle" Argumente werden in Ö besonders häufig herangezogen:

http://oe1.orf.at/artikel/262671

http://derstandard.at/128709954... lds-Tuerke

Fritz Wunderlich
01
19.4.2011, 09:16

witzig, wie oft der talib meine richtigstellung zensiert:
in frankreich ist der beitritt der türkei kein thema, denn er wird rundweg abgelehnt
in deutschland wird heftig diskutiert, auch wenn sie das völlig verschlafen haben, csu-stellungnahmen, sarrazin, ..
in norditalien, lega nord, ist der beitritt auch kein thema

Dhimmi
12
18.4.2011, 18:21
"dass der EU-Beitritt der Türkei nirgendwo so heftig und polemisch diskutiert wird bzw. abgelehnt wird"

Ist doch gar nicht wahr. Ist bei allen Ländern mit vielen Türken dasselbe.
Jedes Land -von F bis Schweden- sieht seine musl. Minderheit mit grossen Vorbehalten.
Das ist überall dasselbe, nur dass es in UK z.B. kaum Türken gibt und bei uns dagegen kaum Pakistaner.

nomad13
00
18.4.2011, 16:22
Leicht verständlich hier erklärt:

http://derstandard.at/plink/130... 1/20809848

Das sollte dir den Witz verdeutlichen. Und insbesondere wenn hier über Islaaamfeindlichkeit gesprochen wird. ICh meine- wie weit soll man vom Thema abgleiten damit der Bürger sich dem wirtschaftlichen Schw*chsinn erbarmt?

sixela
22
18.4.2011, 14:57

Sorry, Herr Sperl, aber nur weil Sie einen EU-Beitritt der Türkei so toll fänden, heißt das ja noch lange nicht, dass er eine Maxime der österreichischen Aussenpolitik werden sollte.

Wir brauchen kein Land in der EU, das sich auf dem (mühsam verkappten) Weg in den totalen Islamismus befindet (und so nebenbei nicht zu Europa gehört - wenn die Türkei zu Europa gehört, warum dann nicht auch Tunesien, Libyen, Irak und Iran?)!

Oh my God !
23
18.4.2011, 14:11
Hände weg!

"Die türkische Justiz wird immer mehr zum Handlanger der Regierung Erdogan. So kriminalisiert sie ein Buch über die Infiltrierung der Polizei durch Islamisten. Eine frühere Oberste Richterin fürchtet: Das Land wird auf radikalislamische Linie gebracht."

Von Emine Ülker Tarhan

http://www.faz.net/s/Rub117C... ntent.html

Horusauge
210
18.4.2011, 13:31
Der Träumer Sperl vergißt absichtlich die gemeuchelten Christen

und schwadroniert über seine feuchten Tagträume.
Gottseidank ist er irrelevant, sonst könnte er ja das nach einem Türkei-Beitritt fällige erhöhte EU-Agrarbudget aus seiner Tasche mitfinanzieren, die hundert Milliarden müßten sich ausgehen.

Oder will er einfach nur das zu erwartende Chaos in der demnächst ehemaligen EU verstärken, um den Errettergedanken zu fördern? - Ein Schelm, wer soetwas denkt.

nomad13
00
18.4.2011, 16:32
Wichtig ist - dass die USA das will:-)

Wir sollten diese Afffen alle zum Teufel jagen und dem westkapitalistischen Sozialismus für die Reichen ein Ende setzen. Dass die Türkei ein weiteres wirtschaftlcihes Disaster anrichten würde - auf das kommt ja niemand.

Horusauge
00
24.4.2011, 16:42

Richtig; ich fürchte, daß bereits ein neues System ante portas steht, und das wird nicht besser werden.
Vor dem Hintergrund einer völlig verbildeten f@c€book-Generation ist mit der breiten Masse alles anzustellen.

Dhimmi
25
18.4.2011, 13:31
Beitritt kein Thema

Ich denke nicht, dass der Beitritt überhaupt noch ein Thema ist. Mit Sicherheit nicht mit einer Regierung Erdogan.

Erdogans Auftritt unlängst vor dem Europarat hat die letzten Turkophilen verschreckt. Sogar die deutschen Linken fordern eine Entschuldigung.

Keine Angst, der Beitritt ist kein ernsthaftes Thema mehr.

Knieriem
38
18.4.2011, 13:06
Lackmustest für Spindelegger?

Ja!
Sollte er für einen Beitritt der Türkei, womöglich "ohne Wenn und Aber!", sein, dann ist er gleich wieder politisch tot. Dann bleibt tatsächlich nur mehr die FPÖ als Alternative.
Wer hinter den offensichtlichen gesellschaftspolitischen Veränderungen in der Türkei - und nicht zum Besseren - nicht einen Masterplan zur Unterdückung der noch liberalen, säkulären und westlichen Teilen der türkischen Gesellschaft erkennen kann, dem ist nicht zu helfen.
Sollte die Türkei politische Macht und Einfluß in der Eu erhalten - noch mehr als sie schon über ihre nichtintegrationswillige Fünfte Kolonne hat - dann ist auch die EU nicht nur finanziell, sondern auch politisch tot - quasi ein politischer Selbstmord auf Raten.

Norbert Dichand
35
18.4.2011, 12:45
Is irgendwie lustig...

...einerseits macht man sich grade Gedanken um geregelte Zuwanderung, vor allem auch um ein Ende des Imports von Analphabeten aus den Bergregionen Anatoliens im Rahmen von Eheschliessungen etc.

Andererseits meint hier der werte Herr Sperl und einige politische Akteure das man ja gerne dieses Land in die EU eingliedern soll, inklusive Niederlassungsrecht und freiem Personenverkehr.

Sorry, aber für die "hiesigen" ist das schlicht und ergreifend ein Minusgeschäft. Ich hab nix davon das ich nach Istanbul ziehen dürfte und dort arbeiten, auch meine Firma hat nix davon. Aber der Ostanatolier der sich hier ansiedeln will, für den wäre es eine gmahte Wiesn.

No Tofu!
33
18.4.2011, 12:12
Lustig, dass in dieser Zeitung noch nie...

...etwas über die Atom-Pläne der Türkei gestanden ist.
Würde wohl die PR des Lieblingslandes der Redaktion stören.

die gelben fuer at
22
18.4.2011, 12:10
ein schwacher arktikel der die meinung des schreibers kaum verbergen kann

abgesehen davon ist ein beitritt derzeit ökonomisch, vertragstechnisch und politisch rein faktisch unmöglich.

özcelik
00
19.4.2011, 20:01
also ich habe den Artikel jetzt im Internet in der Rubrik "Meinung"

gelesen; wäre komisch, wenn der Autor dabei seine Meinung verbirgt?!

Jene Grüne Straßenkatze
20
18.4.2011, 11:50
...

Ein vollkommen künstliches Thema.

Ein EU-Beitritt der Türkei ist wohl eher 2040 realistisch als 2020; letzteres wäre nur dann überhaupt denkbar, wenn sich auf beiden Seiten innerhalb kürzerster Zeit alles bestmöglich entwickelt, von der Eurokrise der EU bis zur Pressefreiheit der Türkei. Und auch die USA, die vielleicht von allen das größte Interesse daran hätten, haben zurzeit andere Sorgen.

Die Frage, wie jemand es mit dem Beitritt der Türkei hält, hat damit zur Zeit höchstens den Wert eines Glaubensbekenntnises - außer für Strache, der freut sich sicher, wenn man so tut als ob die Türkei in absehbarer Zeit in die EU kommen könnte.

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