Vom schwarzen Chancen­tod und bulligen Mannschaftsgeist

17. April 2011, 17:19
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Sturm unterlag einem verwandelten Salzburg in der Bundesliga deutlich mit 0:3. Dabei hätten die Grazer auch gewinnen können - Eine Taktikanalyse

Die 29. Runde der österreichischen Bundesliga bot die Bühne für das erste Meisterschaftsfinale der Saison. Die Titelträger von Red Bull Salzburg mussten nach Graz, um bei Sturm einen Sieg zu holen. Alles andere hätte das Ende der Bullen-Ambitionen bedeutet. Die Blackies konnten nach dem souveränen 2:0-Sieg in Hütteldorf mit breiter Brust antreten. Bei den Siezenheimern durfte Ricardo Moniz mit seinem Co Niko Kovac erstmals ein Spiel komplett vorbereiten.

Franco Foda baute zum vierten Mal in Folge die immer wieder problematische linke Seite um. Gegen Tirol waren Perthel-Hölzl dort aufgeboten, gegen Rapid zuhause Perthel-Salmutter, auswärts dann Pürcher hinter Klem. An diesem Samstag durfte Klem links hinten ran, vor ihm der nicht auf dieser Seite geborene Hölzl. Rechts war der zuletzt starke Wolf nach abgesessener Sperre wieder am Start. Der Rest des Sturm'schen 4-4-2 zeigte sich unverändert.

Muniz baute sein 4-2-3-1 gegenüber der peinlichen Niederlage gegen den LASK personell um. In der Viererkette begann zentral neben Afolabi auch Dudic (statt Sekagya), rechts startete Bodnar, links stellte der Niederländer den schnellen Svento gegen den schnellen Wolf. Das defensive Mittelfeld setzte sich aus Sechser Mendes und Achter Cziommer zusammen. Zarate und Jantscher spielten am Flügel und zogen häufig zur Mitte, Leitgeb in der Mitte den waschechten Zehner. Vorne startete keiner aus dem erwarteten Duo Boghossian/Wallner, sondern der Brasilianer Alan.

Viele Pfeile in einem sehr beweglichen Spiel: Die Spielanlage bei Beginn.

Der Spielcharakter kristallisierte sich in den ersten Minuten noch nicht vollends heraus. Abgesehen von einem Jantscher-Weitschuss (5.) gehörten die Anfangsminuten Sturm. Bei einem Salzburger Freistoß leitete Kienast einen sehenswerten Konter mit Wolf ein, der nach einem Sprint Klem einsetzte. Der junge Grazer scheiterte aber an Gustafsson. Gleich in der nächsen Aktion zeigte Sturm wieder eine sehenswerte Kombination: Szabics und Kienast ließen die Bullen-Abwehr alt aussehen, der Ungar spielte mit fantastischer Übersicht einen perfekten Querpass zu Wolf, doch der setzte den Ball in die Wolken. Der von einem Football-Spiel ramponierte Rasen half ihm dabei sicher nicht.

Die Grazer attackierten ab und zu über solche Kombinationen, wenn Szabics im Geschehen war. Eine weiter Variante waren hohe Bälle auf Wolf oder Kienast, mit Ablegern auf die nachrückenden Mittelfeldspieler. Kienast lief außerdem weite Wege, um als Anspielstation für Vorstöße aus dem Mittelfeld zu fungieren. 

Sturms Stürmer störten die Salzburger Hintermannschaft schon in der eigenen Hälfte, wenn auch nicht mit letztem Einsatz. Man wollte den Verteidigern wohl nicht zu viel Zeit am Ball geben. Einmal lohnte sich das, doch Dudics haarsträubender Fehlpass auf Hölzl rächte sich nicht, weil der Grazer mit der Absicht durch den Serben hindurchzulaufen naturwissenschaftlich korrekt scheiterte.

Weil die restliche Sturm-Mannschaft meist aber erst merkbar in der eigenen Hälfte attackierte, konnten die defensiven Mittelfeldspieler der Gäste meist unbedrängt das Spiel aufbauen. So lief das Spiel zunehmend darauf hinaus, dass die zwei schwarzen Viererreiehen sich mit dem Salzburger Ballbesitz auseinanderzusetzen  hatten.

Das zaghafte und wenig kompakte Sturm-"Pressing" ließ sich einfach umspielen

Cziommer verteilte in solchen Situationen die Bälle gerne auf die Seiten. Salzburg bekam das Spiel nach etwas 20 Minuten besser in den Griff. Ein Grund dafür war, dass Leitgeb Bälle weiter hinten abholte. Diese (und auch die auch allgemein bemerkenswerte) Beweglichkeit des ÖFB-Nationalspieler machte den Spielaufbau der Gäste noch etwas unberechenbarer. In dieser Form ist Leitgeb auch für das Team ein Thema als Junuzovic-Alternative.

In der 23. Minute zeigte Salzburg erstmals eine Variante, die über die Seiten selbst entstand. Bodnar spielte den Pass die Linie entlang, Zarate stieg drüber, weil Leitgeb in den Raum hinter Klem vorstieß, von dort den Pass zurück zur Mitte machte (da stieg Alan drüber). Der zu diesem Zeitpunkt bereits dorthin gesprintete Zarate scheiterte mit seinem Schuss. Es folgte eine Phase mit eher wenigen Torszenen, in denen sich die Salzburger als Mannschaft mit mehr Ballbesitz etablierten. Sturm konzentrierte sich in nicht unbekannter Weise auf schnelle Gegenstöße (in den genannten Varianten) bei Ballgewinn.

Aus diesen Minuten heraus gelang den Bullen mit einer traumhaften Einmal-Berühren-Kombination das 1:0. Zarate zog in die Mitte des Feldes, wurde von Cziommer angespielt. Per Doppelpass mit Leitgeb (der Burgstaller aus der Abwehr zog) überwand er das Zweiermittelfeld. Weil Schildenfeld Zarate attackieren musste, konnte Alan sich von ihm lösen. Drei Viertel der Sturm-Verteidigung spielte auf Abseits, aber Standfest ließ sich von Jantscher zu weit ziehen, rückte nicht auf und hob es auf, und nach dem optimalen Zuspiel war für den Stürmer der 100 km/h-Schuss unter die Latte nur noch sehenswerte Formsache.

Sturm rückt auf

Sturms Mittelfeld begann hinter den Stürmern früher das defensive Mittelfeld zu attackieren. Die Salzburger konnten sich aber regelmäßig befreien, dank der Überzahl in der Zone. Selbst vergaben die Graze weiter munter Chancen (35.). Ein weiter Pass von Burgstaller auf Wolf wurde auf Standfest abgelegt, doch dessen freier Schuss war nicht gut genug. Derartige Läufe von Standfest sollte man von nun an öfter sehen. Diese waren eindeutig einstudiert, was für österreichische Ligaverhältnisse eine fast schon überragend moderne Interpretation der Außenverteidigerposition darstellte. Die Kehrseite der Medaille: Hinten hatte Standfest seine Mühen mit Jantscher (ein möglicher Elferpfiff eine Minute nach der Führung blieb aus).

Beim folgenden 0:2 (36.) war er schuldlos. Wieder enstand die Aktion über rechts. Leitgeb setzte sich mit etwas Ballglück aber auch zu einfach gegen den allgemein schwachen Hölzl und den zurückgeeilten Kienast durch. Der Bulle erwischte dann auch noch Klem und Mevoungou auf dem falschen Fuß und spielte Alan frei. Der drang ebenfalls mit etwas Ballglück in den Strafraum ein und ließ Cavlina zum zweiten Mal an diesem Abend ohne Chance. Damit entstanden vier der zu diesem Zeitpunkt letzten fünf Gegentreffer Sturms über die linke Abwehrseite. Wo die Grazer im Sommer nachrüsten müssen (abgesehen davon, dass sie die 200.000 Euro für den wichtigen Mevoungou dringend auftreiben sollten), steht völlig außer Frage.

Mehr Sturm nach der Pause

Jantscher musste zur Pause verletzungsbedingt vom Platz, Debütant Teigl ersetzte ihn mit identischer Rollenzuteilung. Der Jungbulle zeigte einen ordentlichen ersten Auftritt, wurde aber erst in der 73. Minute bei einem Schuss produktiv auffällig. Aus der Kabine heraus stand Salzburg sofort merkbar tiefer - und konnte dem Gegentreffer einmal mehr entkommen. Kienast und Szabics überwanden im Zusammenspiel wieder die Abwehr, in der Mitte war Weber mit, wurde auch optimal angespielt und erst in letzer Sekunde von Afolabi gestoppt.

Sturm presste nun kompakter, ließ die beiden zentralen Mittelfeldspieler weiter aufrücken, stand auch insgesamt höher. Das lohnte sich beinahe. In der 53. Minute attackierte Mevoungou Mendes erfolgreich bei dessen Ballannahme, spielte Szabics frei und dessen Tor wurde abermals nur durch Eddie Gustafsson verhindert. Bei besserer Chancenverwertung hätten die Grazer zu diesem Zeitpunkt längst führen können.

Auch Weber konnte auf diese kürzeren Distanzen zwischen Mittelfeld und Sturm ein besseres Passspiel aufziehen - fand besonders im zur Mitte tendierenden Wolf immer wieder einen Abnehmer. Der wiederum hatte mit Standfest einen effektiven Helfer. Sekunden nach der Szabics-Chance überlupfte Wolf die Abwehr, Standfest kam zum Ball und spielte in die Mitte zu Szabics. Bodnar hatte im ungarischen Zweikampfduell aufgepasst und konnte in höchster Not den Anschlusstreffer vereiteln. Eine fast identische Szene ging in der 59. Minute abermals glimpflich für die Salzburger aus.

Salzburg geduldig und glücklich

Die Bullen machten Forechecking vor allem dann, wenn Moniz gut hörbar das Kommando von der Seite gab. Dann aber machte man es - wie alles an diesem Abend - konsequent. Die Sturm-Innenverteidigung hatte echte Probleme in diesen Situationen Anspielstationen zu finden. Der neue Trainer kommunizierte viel mit seiner Mannschaft, die nun klarerweise Räume hinter der Grazer Abwehr vorfand und bei schnellen Gegenstößen davon profitierte, dass sich Sturm in der eiligen Rückwärtsbewegung strecken ließ.

Franco Foda hatte spielerisch eigentlich keinen Grund zu wechseln. Seine Mannschaft spielte genügend Chancen heraus. Offensiver zu sein hätte bei einem so fahrlässigen Umgang mit ihnen auch nichts geholfen. Trotzdem versuchte der Coach neue Akzente zu setzen. Er stellte Muratovic statt Mevoungou ins Mittelfeld. Das brachte zwar eine unmittelbare Konterchance durch den Bosnier (wo er sich mit seinem Pass für den falschen der beiden mitgelaufenen Mitspieler entschied), vorerst aber keine merkbare taktische Änderung. Als die Einwechslung von Haas acht Minuten später Hölzls enttäuschende Leistung beendete, merkte man das aber sehr wohl. Mit Haas (links außen), Szabics, Kienast und Wolf spielte Sturm faktisch ein 4-2-4, bei dem aber selbst die Außenverteidiger noch einige Male mitgingen. 

Breiteproblem

Abgesehen davon, dass Wolf aber nun - an diversen technischen Fehlern zu sehen - müder wurde und deshalb von Svento aus dem Spiel genommen werden konnte, machte ihm diese Breite aber auch die Räume eng. Dieses Probleme korrigierte Foda mit seiner Auswechslung zehn Minuten später. Szabics ging nun an die rechte Seite, Haas rückte zur Mitte und Salmutter zog von links hinter die Stürmer. Dort kam er auch zu einigen guten Schüssen - den besten in der 84. Minute, als das zappelnde Außennetz den Großteil der Stadionbesucher schon in Euphorie versetze.

Die Harakiri-Offensive der Heimmannschaft konnte kein einstudiertes Konzept mehr bergen, trotzdem kam Sturm weiterhin zu Möglichkeiten. Die wusste man einerseits nicht zu nutzen, andererseits wurden sie auch von der hervorragenden Leistung Afolabis und Gustafssons zerstört. Der Nigerianer blockte unter anderem einen Szabics-Schuss (77.), musste und konnte bei dessen Volley aus spitzem Winkel (80.) aber nicht eingreifen. Der Ball ging über das Tor. Sein schwedischer Hintermann rettetete Salzburg 180 Sekunden später. Muratovic stolperte sich durch die Verteidigung, Haas schoss aus der Drehung vom Fünfer aufs lange Eck, doch die Füße des Keepers waren irgendwie entscheidend dazwischen.

Salzburg machte den Deckel drauf. In der 83. Minute kam Sturm noch mit dem Schrecken davon. Teigl überlief Cavlina und traf aus spitzem Winkel nur Schildenfeld. Drei Minuten später ließ Teigl die sichtbar fertige Sturm-Defensive aber stehen und fand Alan - und dieser seinen Torriecher. Gerade rechtzeitig vor dem Saisonfinale ...

Fazit

Die Blackies konnten den Ausrutscher der Austria nicht nutzen und Salzburg nicht aus dem Titelrennen werfen. Daran ist neben der Problemseite links vor allem die Chancen-Nichtverwertung schuld. Groß nach weiteren Ursachen zu suchen, ist nicht wirklich nötig. Deshalb wirkte Foda nach dem Spiel auch zurecht ungewöhnlich zufrieden für einen Trainer, der gerade daheim 0:3 gegen einen Titelkonkurrenten verloren hatte. Er weiß, dass er nicht mehr auf viele Mannschaften treffen wird, die diese Schwäche so gnadenlos ausnutzen können. Das schwierige Auswärtsderby gegen die im Moment groß aufzeigenden Kapfenberger, ein Heimspiel gegen die Austria und das Spiel in Ried sind die Stolpersteine der Blackies zum Titel.

Der Schlüssel für den Salzburger Sieg war ihre Konsequenz. Alles wurde an diesem Abend kompakt und als gut eingestellte Mannschaft gemacht. Beim Pressing war die ganze Mannschaft am jeweiligen Gegenspieler. Beim Angreifen (vor allem in der erste Hälfte) taten sich vor dem ballführenden Spieler oft drei bis vier realistische Optionen auf. Dazu kam eine Portion Glück, dass die nicht komplett in den Griff zu kriegenden Grazer aufs Treffen verzichteten. Wenn dann auch noch Schlüsselspieler wie Cziommer, Leitgeb, Afolabi und Alan einen starken Tag erwischen, sind die Bullen eben doch meistertauglich. In dieser Form ist der Titel nicht nur rechnerisch wieder gut möglich, sondern auch spielerisch.

Es könnte sein, dass wir in Österreich dieses Jahr eine spannende Schlussrundenkonferenz erleben. (tsc, derStandard.at, 17.4.2011)

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