"Eltern sollten kritischer werden"

17. April 2011, 19:50
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Sich vernetzt gegen Missstände wehren: Zwei Jahre nach seiner Gründung plädiert das Kollektiv "Kindergartenaufstand" auch für einen "Elternaufstand"

Was Herr und Frau Politiker nicht alles wollen für unsere Kinder: Einen Kindergartenplatz für alle Kleinen schon ab dem ersten Lebensjahr, um Frauen für mehr Erwerbsarbeit freizumachen. Eine universitäre Ausbildung bis zum Master für die KleinkindpädagogInnen, damit die besser dastehen. Und einen einheitlichen Betreuungsschlüssel bundesweit, der die Kindergruppen-Größe regeln soll. Tatsächlich passiert ist politisch aber wenig in den letzten Jahren, in denen das Thema brennt und breiter diskutiert wurde, dass dieser Beruf unter den aktuellen schlechten Voraussetzungen an die Grenzen der Belastbarkeit der PädagogInnen geht. Die Verbesserungen sind marginal - im Gegenteil moniert man mittlerweile einen steten Personalschwund.

Bereits 2009 haben sich PädagogInnen zum Kollektiv "Kindergartenaufstand" zusammengeschlossen, um auf diese Missstände im nach wie vor typisch weiblichen Arbeitsfeld aufmerksam zu machen und die Dinge auch auf politischer Ebene in Gang zu bringen: Gegen die schlechte Bezahlung, für eine Aufwertung des Berufs, gegen zu große Gruppen mit zu wenigen BetreuerInnen, für einen Aufbruch aus dem Prekariat.

Was sich in den letzten beiden Jahren für die PädagogInnen durch ihren Einsatz verändert hat, welche Ziele sie erreicht sehen und wie sich ihre künftigen Handlungsstrategien ausmachen, wollte dieStandard.at rechtzeitig zum MayDay 2011 wissen. Anlässlich des 1. Mais soll es nämlich neue Formen des Aufzeigens geben, ließen die Kleinkindpädagoginnen und Aktivistinnen Kristina Botka, Elisabeth Steinklammer und Barbara Tinhofer stellvertretend fürs Kollektiv durchklingen: Sie stehen wieder in den Startlöchern.

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dieStandard.at: Auf eurer Webseite bezeichnet ihr den Kindergarten als Blackbox. Was meint ihr damit?

Kristina Botka: Alle stecken ihre Kinder hinein, aber wie es dort abgeht und was genau die Rahmendbedingungen der Arbeit im Kindergarten sind, weiß niemand und will oft auch gar nicht so genau gewusst werden. Vielleicht würden sonst die einen oder anderen Eltern/Großeltern ihre Kinder nicht so gerne in überfüllte Gruppen mit ausgebrannten PädagogInnen bringen.... Hier muss dringend Aufklärungsarbeit stattfinden, doch oft wird von den Geschäftsführungen genau das sogar durch schriftliche Abkommen mit Angestellten verboten.

dieStandard.at: Hat sich in den letzten beiden Jahren seit eurer Gründung dennoch für euch etwas verbessert?

Barbara Tinhofer: Ja! Politische Selbstermächtigung stärkt das Selbstbewusstsein der Beteiligten. Und das wiederum ermöglicht auch das Einfordern gerechter Bezahlung. Es gibt einige Kindergartenpädagoginnen bei uns im Kindergartenaufstand, die inzwischen Gehaltsforderungen gestellt haben. Und das war bis dahin in dem Berufsfeld kaum vorstellbar. Für uns persönlich hat sich viel verändert. Ich kann nur allen, die in prekären oder beinah prekären Arbeitsfeldern arbeiten, empfehlen, sich in den verschiedenen Berufsgruppen zusammenzuschließen, sich zu vernetzen, auszutauschen und sich gegenseitig zu informieren.

Was sich zudem noch zum Positiven verändert hat, ist die Imagekorrektur der Kindergartenpädagogin. Das Bild der alles ertragenden und dabei fröhlichen Kindergartenpädagogin wurde zurechtgerückt und mit wütenden, für sich selbst sprechenden und demonstrierenden Images der Berufsgruppe konterkariert. Wollen wir eine emanzipatorische Gesellschaft, müssen wir damit im Kindergarten und mit den Kindergartenpädagoginnen als Rolemodels beginnen.

Denn es ist immer noch ein typischer Frauenberuf - 1,2 Prozent der Angestellten und zwei Prozent der Auszubildenden sind derzeit männlich. Und es sind immer noch fast ausschließlich die Mütter, die die Kinder in den Kindergarten bringen bzw. abholen.

Kristina Botka: Abgesehen von der wirklich minimalen Lohnerhöhung, die aber dennoch durchaus als unser Erfolg gewertet werden kann, haben wir immens viel durch unseren Arbeitskampf gelernt: Uns trotz schwierigster Bedingungen zu vernetzen, über sämtliche TrägerInnenvereine hinaus. Wir haben sehr viel politisches Handwerk gelernt, die österreichische Gewerkschaftspolitik aus nächster Nähe beobachten zu können, und nicht zuletzt ist, wie Barbara schon sagt, durch unsere Medienpräsenz auch das Image der immer lieben und lustigen PädagogIn auf den Kopf gestellt worden. Das Image zu verändern war ja von Beginn an ein wichtiger Motivationsfaktor für unsere Aktivitäten.

Elisabeth Steinklammer: Einer unserer aktuellsten Erfolge ist, dass zahlreiche Pädagoginnen, die bei  verschiedensten Kindergartenbetreibern in Wien arbeiten, in den letzten Monaten ihre Arbeitsverträge von der Arbeiterkammer prüfen ließen. Dabei sind zahlreiche Missstände zu Tage getreten und ein nicht unerheblicher Teil hat Gehaltsnachzahlungen erhalten. Das freut uns natürlich sehr und es ist Motivation, am Ball zu bleiben, denn so etwas dürfen wir alle den Arbeitgebern einfach nicht durchgehen lassen. Wir bekommen auch viel gutes Feedback aus der Bevölkerung. Eltern und Solidarische schreiben und ermutigen uns, weiter zu machen. Das motiviert.

dieStandard.at: Der Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz ab dem ersten Lebensjahr, ein einheitlicher Betreuungsschlüssel für Österreich, der weitere Ausbau der Plätze und die Master-Ausbildung für alle PädagogInnen - das sind die Vorhaben der Politik betreffend des Arbeitsbereichs Kindergarten. Pläne gibt es also - gehen die in eine Richtung, die ihr gutheißt?

Kristina Botka: Der Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz ohne die dafür nötigen PädgogInnen muss als reine Marketing-Strategie der Zuständigen bewertet werden. Schon jetzt fehlen allein in Wien etwa 600 pädagogische Kräfte, dabei haben aber nur cirka 17 Prozent der unter Dreijährigen einen Platz in öffentlicher Betreuung.

So zu tun, als wäre es überhaupt nur möglich, allen Kindern schon mit einem Jahr einen kinderwürdigen Platz anzubieten, ist wirklich lächerlich - nein, eher zum Weinen. Es müssen dringend und sofort Anreize für ausgebildete KindergartenpädagogInnen geschaffen werden, diese in den Beruf zu locken - bestimmt muss einmal mit einer Lohnanhebung begonnen werden, um folglich einen guten Betreuungsschlüssel und kleinere Gruppen organisieren zu können.

Die Ausbildung der PädagogInnen an den Unis wäre möglicherweise ein wichtiger Schritt insofern, als sich einE MA mit mehr Selbstbewusstsein, höheren Lohnanforderungen und gesellschaftlich besserem Image in den Beruf einfinden könnte. Wer acht Semester studiert hat, weiß, was sie/er kann und lässt sich vielleicht weniger leicht abspeisen mit "Man bekommt ja soviel zurück von den Kindern".

Elisabeth Steinklammer: Das Gehalt ist sicher wichtig. Kindergartenpädagoginnen haben eine 5-jährige Ausbildung und eine enorme Verantwortung für die ihnen anvertrauten Kinder. Ein Gehalt, von dem frau gut leben kann, erhalten sie aber nicht. Es ist in dieser Hinsicht ein klassischer Frauenberuf. Die Proteste der letzten Jahre waren aber auch sehr stark auf die Arbeitsbedingungen aller im Kindergartenbereich Arbeiteten gerichtet. Diese sind es unter anderem, was viele ausgebildete Pädagoginnen davon abschreckt, tatsächlich im Kindergarten zu arbeiten.

Bei den Arbeitsbedingungen gibt es außerdem nach wie vor gravierende Unterschiede zwischen den Bundesländern, weil sich die verantwortlichen PolitikerInnen nach wie vor nicht zu einem bundesweiten Rahmengesetz durchringen konnten. Das bedeutet, dass Kinder in Wien unter anderen Rahmenbedingungen lernen und aufwachsen als in Tirol oder Oberösterreich etwa.

dieStandard.at: Ist je ein/e Politker/in bzw. deren Referent/innen an euch herangetreten?

Kristina Botka: Ja, die Grünen haben dies immer wieder getan.

dieStandard.at: Wie wirkt sich die Ankündigungspolitik, aus der oft keine Verbesserungen hervorgehen, auf euer Kollektiv aus? Seid ihr noch soviele AktivistInnen wie anfangs?

Kristina Botka: Die objektiven Bedingungen für politischen Aktivismus müssen immer mitbedacht werden. Unsere Gründung fiel zeitlich in eine bildungspolitisch recht intensive Zeit - Studierendenproteste und großes Medienecho aufgrund des Gratiskindergartens kamen uns zu Hilfe. Das hat sich wieder geändert, aber der Kindergartenaufstand ist nicht verschwunden. Wir scharren so zu sagen in den Startlöchern und einstweilen gibt es kontinuierlich kleinere Aktionen, diverse Bündnistreffen und Pläneschmiederei.

Elisabeth Steinklammer: Einen solchen Arbeitskonflikt, getragen von den Beschäftigten selbst, über Jahre aufrecht zu erhalten, ist nicht einfach und stellt uns immer wieder vor neue Herausforderungen. Jede von uns arbeitet und hat andere Verpflichtungen. Es ist daher ganz natürlich, dass es intensivere Phasen gibt und dann wieder Phasen, in denen andere Dinge Priorität haben. Wichtig ist, hierbei am Ball zu bleiben und einen langen Atem zu behalten. Denn unsere Forderungen nach mehr Lohn und kleineren Gruppen mit mehr Personal sind noch lange nicht erfüllt.

dieStandard.at: Welche Aktionen plant ihr in (naher) Zukunft?

Kristina Botka: Die nächste konkrete Aktion wird wohl im Mai starten und flächendeckend in Wien zu sehen sein, mehr verraten wir nicht.

dieStandard.at: Was braucht es aus eurer Sicht, damit der Aufstand seine Ziele erreicht?

Kristina Botka: Eltern sollten kritischer werden. Bei der Geschäftsführung nachfragen, wie der Personalschlüssel in der täglichen Realität wirklich aussieht, warum der Personalwechsel nicht verhindert werden kann, wieso die Pädagogin nicht angemessen bezahlt wird etc. Ein Elternaufstand, nach dem Vorbild Dänemark, wo Eltern sich vor schlecht organisierte Betreuungseinrichtungen gestellt haben, um diese zu blockieren, wäre bestimmt auch in Österreich ein wichtiger Schritt.

Barbara Tinhofer: Auch bei den Streiks der Kindergartenpädagoginnen/Erzieherinnen in Teilen Deutschlands haben sich Eltern solidarisch gezeigt und sich ebenfalls organisiert, indem sie z.B. Elternbetreuungsräder für die Kinder der Arbeitenden gebildet haben. Statt zu murren, gab's da ein gemeinsames Ziehen an einem Strang.

Elisabeth Steinklammer: Bei unseren Aktionen in den letzten Jahren sind wir in Kontakt mit unglaublich vielen Menschen gekommen, die in ähnlich prekären, schlecht bezahlten Jobs und unter unglaublichen Arbeitsbedingungen arbeiten. Ich denke hier nur zum Beispiel an den Sozialbereich. Sie möchten wir ermutigen, sich dies nicht mehr gefallen zu lassen: Vernetzt euch, informiert euch, organisiert euch, wehrt euch! Uns wurde immer gesagt "KindergartenpädagogInnen kann man nicht organisieren." Das Gegenteil haben wir PädagogInnen wohl mittlerweile bewiesen. (bto/dieStandard.at, 18.4.2011)


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Der Aufstand der Kleinen geht weiter

  • Arbeits(minen)feld Kindergarten: Glas zu, Affe tot? Das will der Kindergartenaufstand eben nicht und setzt auf die vermehrte Beteiligung von kritischen Eltern, die wissen wollen, unter welchen Arbeitsumständen ihre Kinder außerfamiliär betreut werden, damit gemeinsam eine strukturelle Verbesserung für Personal wie Kinder erreicht werden kann.
    foto: kindergartenaufstand.at

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  • Als Erfolge der beiden Jahre Arbeit nennen die Aktivistinnen die Tatsache, dass sich Kleinkindpädagoginnen endlich getraut haben, besseres Gehalt zu fordern. Durch die Überprüfung der Arbeitsverträge haben einige Lohnnachzahlungen erhalten.
    foto: logo kindergartenaufstand.at

    Als Erfolge der beiden Jahre Arbeit nennen die Aktivistinnen die Tatsache, dass sich Kleinkindpädagoginnen endlich getraut haben, besseres Gehalt zu fordern. Durch die Überprüfung der Arbeitsverträge haben einige Lohnnachzahlungen erhalten.

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