Kenias John Kiprotich gewann binnen 2:08:29 Stunden vor sieben Landsleuten. Für die große Show in der Stadt sorgte jedoch Haile Gebrselassie
Wien - Auf dem Heldenplatz mimte Haile Gebrselassie den
Enthusiasmierten, und er mimte ihn durchaus glaubwürdig. "Eine
wunderbare Stadt, ein wunderbares Publikum, eine wunderbare Atmosphäre,
eine wunderbare Strecke, ein wunderbarer Asphalt, eine wunderbare Luft.
Ich habe das Laufen genossen. Gott segne euch", sagte der berühmteste
Dauerläufer der Gegenwart zu den Tausenden, die im Ziel auf die Sportler
warteten. Zu diesem Zeitpunkt war die Marathon-Elite noch im Prater
unterwegs.
Eine Stunde und 18 Sekunden lang hatte der von Begleitmotorrädern
umzingelte Gebrselassie zwecks Halbmarathon gearbeitet, und in dieser
Zeit lag ihm die Stadt quasi zu Füßen. Sie war nicht ungerecht, aber den
fülligsten Applaus erntete der zweifache Olympiasieger, neunfache
Weltmeister und 27-fache Weltrekordler, der in Wien ein Comeback gab.
Vor fünf Monaten war er beim New-York-Marathon wegen Knieschmerzen
ausgestiegen und hatte im ersten Frust seinen Rücktritt bekanntgegeben.
Daheim in Äthiopien kam das gar nicht gut an. Der Nationalheld, der
seine Heimat nicht nur mit Siegen beglückt, sondern auch als
Arbeitgeber, seine Preisgelder in Äthiopien investiert, diverse Firmen
aufgebaut und Schulen gestiftet hat, ein hohes politisches Amt in der
Zukunft nicht ausschließt, trat rasch vom Rücktritt zurück. Schließlich
läuft er nicht nur, um zu nehmen, sondern auch um zu geben. Doch aus
seinem Plan, im Februar den Tokio-Marathon zu bestreiten, wurde nichts,
wieder zwickten die Knie. "Aber jetzt bin ich in Form", hatte er vor dem
Lauf durch Wien gesagt.
Das Tempo des Haile Gebrselassie
Um neun Uhr brachen die Marathonläufer auf der Wagramer Straße auf zu
ihrer 42,195 Kilometer langen Reise, zwei Minuten später machte sich
Gebrselassie an die Verfolgung. "Der Plan war", erzählte er nachher,
"dass ich sie zwischen Kilometer 15 und 17 einhole." Aber der Meister
hielt sich nicht an seinen Plan, er überholte sich zunächst einmal
selbst, lief in einem Tempo, welches - hochgerechnet - auf eine Zeit
unter einer Stunde schließen ließ. Ungefähr nach zwölf Kilometern, auf
der Linken Wienzeile beim Naschmarkt, überholte er die Kenianer. Aber
die hatten an diesem Tag doppelt so viel zu arbeiten.
"Ich hatte gehofft, ein Stück mit ihm mitlaufen zu können, aber er
war
zu stark", erzählte nach dem Rennen der spätere Sieger, der Kenianer
John Kiprotich, der nach 2:08:29 Sekunden durchs Ziel lief. Mit 22
Jahren ist er der jüngste Wien-Sieger aller bisherigen Zeiten. Seine
persönliche Bestzeit unterbot er um rund sieben Minuten. Der
Streckenrekord seines Landsmanns Abel Kirui aus 2008 (2:07:38) ist
wieder um ein Jahr älter geworden.
Kenia unwiderstehlich
Abgesehen davon trumpften die Kenianer in Österreich fast auf wie die
österreichischen Skifahrer in ihrer besten Zeit, als sie beim Super-G
auf dem Patscherkofel die ersten neun Ränge belegten. Beim 28. Vienna
City Marathon brachte Kenia immerhin acht Läufer unter die ersten acht.
Österreichs Bester war der Kärntner Roman Weger. Er wurde 21., und
binnen 2:18:24 Stunden blieb er wie angestrebt unter 2:20. Den Marathon
der Damen gewann Gebrselassies Landsfrau Fate Tola (2:26:21). Tanja
Eberhart, Österreichs Beste, wurde beim Debüt 14. (2:44:11).
Gebrselassie hatte es auf eine gute Leistung, aber nicht auf einen
Rekord angelegt. Das hätte nämlich nicht einmal bei ihm funktioniert,
schließlich war er ohne Hase, wie man einen Tempomacher nennt,
unterwegs. Jedenfalls hat es ihm getaugt. Und er kündigte an,
wiederzukommen. "Es geht ja nicht nur um das Laufen, sondern auch um die
Atmosphäre. Und die war fantastisch. Ich bin mir vorgekommen wie in
einem Stadion." Und der Marathon hier sei gar nicht so hart, wie ihm das
einige Kollegen erzählt hätten. "Ich kenne ja nur die Hälfte. Aber 2:05
sind sicher möglich."
Das nächste große Ziel des Äthiopiers, der heute, Montag, 38 wird,
ist
der olympische Marathon 2012 in London. Um dieses zu erreichen, muss er
die interne Qualifikation schaffen, und das ist selbst für den
Weltrekordler keine gemähte Wiese. "Vielleicht laufe ich die
Qualifikation nächstes Jahr in Wien", sagt er, der seinen Weltrekord (2:
03:59) allerdings 2008 in Berlin aufstellte. (DER STANDARD Printausgabe, 18.4.2011)
Ergebnisse vom 28. "Vienna City Marathon" am Sonntag:
Herren: 1. John Kiprotich (KEN) 2:08:29 Stunden - 2. Patrick Ivuti (KEN) 2:08:41 - 3.
Evans Kiplagan (KEN) 2:09:22 - 4. Isaac Macharia (KEN) 2:09:43 - 5. Joseph
Maregu (KEN) 2:10:29 - 6. Nicholas Chemilo (KEN) 2:10:48 - 7. Augustine Ronoh
(KEN) 2:10:53 - 8. Paul Kirui (KEN) 2:11:54 - 9. Henry Szost (POL) 2:12:45 - 10.
Tsegaye Bekele (ETH) 2:12:57. Weiter: 21. Roman Weger (AUT) 2:18:24
Frauen: 1. Fate Tola (ETH) 2:26:21 Stunden - 2. Ana-Dulce Felix (POR) 2:26:30
- 3. Peninah Arusei (KEN) 2:27:17 - 4. Genet Getaneh (ETH) 2:28:08 - 5. Elsa
Kirejewa (RUS) 2:29:41. Weiter: 14. Tanja Eberhart (AUT) 2:44:11
"Catch me if you can"- Halbmarathon: 1. Haile Gebrselassie (ETH) 1:00:18
Stunden - 2. Karl Aumayr (AUT) 1:12:18 - 3. Franz Pauker (AUT) 1:23:22