Streit um die richtige Erziehung

Schritt in die falsche Richtung

Jan-Uwe Rogge, 17. April 2011, 10:38

Was Amy Chua unter Erziehung versteht, ist indiskutabel. Man hört die Kinder geradezu weinen, die nach ihren Maßstäben erzogen werden

"Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat", so formulierte einst der Psychologe Paul Watzlawick mit spitzer Feder, "der sieht in jedem Nagel ein Problem." Das scheint für die Professorin und Mutter Amy Chua, die für viel mehr Härte und unnachgiebige Strenge in der Erziehung plädiert, zu gelten. Sie sieht in den „weichen" amerikanischen und europäischen Erziehungsbemühungen, die die Kinder verzärteln, ein herausragendes Problem. Kinder würden so zu Weichlingen gemacht, die dem gesellschaftlichen Druck und der Härte des beruflichen Alltags nicht mehr standhalten. Deshalb kann elterlicher Druck, könne Unnachgiebigkeit gar nicht früh genug beginnen.

Man hört die Kinder geradezu weinen

Nun wird es immer wieder Heranwachsende geben, die die eiserne Eltern-Faust überstehen, der wunderbare Pianist Lang Lang ebenso wie Wolfgang Amadeus Mozart seinerzeit mögen als Beleg dafür gelten. Es pflastern aber viele Leichen jenen Pfad, der von Amy Chua, auch "Tiger-Mama", aufgezeigt wird. Man hört die Kinder geradezu weinen, die man mit menschenverachtender Strenge und Härte quälte, ihren Willen brach, sie zu angepassten Menschen machte, denen es an Eigenständigkeit und Selbstwertgefühl mangelt.

Es ist ein großer Verdienst der pädagogischen Diskussion in den letzten zweihundert Jahren, Erziehung nicht als Dressur und Zurichtung zu begreifen, sondern Kindern einen Raum zu geben, um sich, ihren Körper, ihren Geist und ihre Persönlichkeit auszubilden. Amy Chuas Plädoyer ist der Rückfall in jene schwarze Pädagogik, die vor mehr als zweihundert Jahren in der europäischen Erziehungsdebatte einen unrühmlichen Höhepunkt hatte, jener schwarzen Pädagogik, die gegenwärtig manchmal aufflackert, wenn unreflektiert von Zucht, Ordnung und Disziplin die Rede ist, jene schwarze Pädagogik, die glauben machen will, wonach der berühmt berüchtigte Klaps noch niemandem geschadet habe. Amy Chuas Auffassungen sind ein unverhohlenes Attentat auf die Menschenrechte von Kindern, deren Umsetzung und Einhaltung allenthalben und immer wieder gefordert werden.

Nun wabert Amy Chuas unausgegorener Gedankenbrei schon seit Wochen durch die Zeitungen. Zeitschriften und Talkshows, sorgt für Aufschrei und Empörung. Das zeigt nur, wie man mit krassen Thesen mediale Aufmerksamkeit erzielen kann.

Das Kind ernst nehmen

Dabei kann es nicht darum gehen, sich inhaltlich mit den kruden Thesen einer akademischen Lehrerin auseinanderzusetzen. Die europäische Bildungstradition stellt einen Gegenpol dar - und dies über lange Zeiträume. Ob diese Tradition überall und zu jeder Zeit umgesetzt und gelebt wurde, das ist freilich eine andere Frage!

Es ist jedenfalls einer der großen Verdienste von Pädagogen wie Pestalozzi, Humboldt, Montessori oder Dreikurs, das Kind als Subjekt ernst zu nehmen und Rahmenbedingungen aufzuzeigen, den Kindern Raum und Zeit zu geben, sich zu eigenständigen Persönlichkeiten zu entwickeln.

Erziehung, so Goethe, habe nicht mit der Anwendung von Techniken zu tun; Erziehung entwickelt sich in zwischenmenschlichen Beziehungen. Erziehung stellt sich als eine Haltung dar, eine Haltung mir gegenüber, als Vater und Mutter, als Erzieher und Pädagoge und eine Haltung dem Kind gegenüber. Eine Haltung, die gekennzeichnet ist von Respekt und Achtung auf beiden Seiten - der Seite der Eltern wie der Kinder.

Dieser Grundsatz sollte nicht infrage gestellt werden, sonst besteht die Gefahr, ins pädagogische Mittelalter zurückzufallen. Amy Chuas Buch ist ein Schritt dorthin. Ein Trost: Solche Bücher sind so schnell vergessen wie das Interesse aufgeflammt ist. Und das ist gut so! (derStandard.at, 17.4.2011)

Autor

Jan-Uwe Rogge, The European, der Erziehungs-und Familienberater ist Bestsellerautor ("Das neue - Kinder brauchen Grenzen", "Pubertät - Loslassen und Haltgeben") und Verfasser anderer pädagogischer Sachbücher, die in 21 Sprachen übersetzt wurden

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Posting 1 bis 25 von 93
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Just N. Opinion
 
00
18.4.2011, 13:20
Verunglückte Einleitung des Artikels durch falsches Zitat.

"Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel" heißt es richtig.

Wenn S' schon nicht recherchieren können - ein wenig Nachdenken über den Sinn der Aussage hätte genügt.

froilein froilein
00
18.4.2011, 20:12
Stimmt, Wazlawick hat es anders formuliert

Die Aussage ergibt trotzdem einen Sinn:" wer einen Hammer hat sieht, überall einen Nagel " bedeutet, dass man wohl auch dort ein Problem sieht, wo keines ist, bloß weil man eben das Werkzeug zum "reparieren" hat. Die Frau Chua scheint ja wirklich ein bisschen einen Erziehungszwang zu haben. Auch da, wo man das Kind einfach walten lassen könnte.

Den Satz könnte man zb gut in der Psychotherapie anwenden. Oder gibts vielleicht Psychotherapeuten, die einem Kleinten sagen:" Schauns, Sie brauchen einfach nur mal ein entspannendes Wochenende, ansonsten sind sie vollkommen gesund. Achtens ein bisschen auf ihre Gesundheit. Alles Gute."

sawi48
00
18.4.2011, 12:24
Danke !

kamaniko
00
18.4.2011, 11:53
Erziehungsmethode

Gäbe es eine einzig richtige und wahre Erziehungsmethode dann könnte die Erziehung auch ein Robotor machen.

Außerdem sollte man Kinder zu Menschen erziehen, die dann als Erwachsener selbst ihr Glück und die Freude am Leben finden können.

Es ist falsch menschen nur zu Leistungsmaschinen zu erziehen. So ein Leben, das nur dem Leistungsdiktat folgt, ist kein glückliches. Aber umgekehrt wer glücklich ist und sein kann, der kann auch Leistung erbringen, der hat auch Freude daran.

sawi48
00
18.4.2011, 12:24
@kamaniko

Danke !

The Chaos Path
00
18.4.2011, 11:26

nun, ich habe zwei neffen mit sehr unterschiedlichem charakter. der eine sehr nachdenklich und zeitweise fast erschreckend klug - dem kann man erklären, warum er was nicht darf/soll und gut ist. der andere ist ziemlich straight forward, wenn er will dann will er und das jetzt sofort - bei dem hilft oft nur in autoritäres nein.
kinder haben so wie erwachsene sehr unterschiedliche persönlichkeiten. würde man den einen neffen ebenso behandeln wie den anderen, dann würde mindestens einer von ihnen sehr unglücklich werden.
wer meint, dass er mit einem rezept die lösung für jedes kind parat hat, dem ist nicht zu helfen.

sawi48
00
18.4.2011, 12:25
Genauso ist es !

Darum kann man auch nicht sagen, man hätte Erfahrung in Kindererziehung.

muhme
17
18.4.2011, 09:33
aus vielen postings kann man die meinung lesen,

dass es nur zwei extreme gibt: halt- und grenzenlose kinder und jugendliche oder gebrochene erziehungsopfer. gewaltlose erziehung, die auf drohungen und unterdrückung verzichtet, muss doch nicht bedeuten, dass man seinen kindern keine grenzen aufzeigt. jeder, der schon einmal das glück hatte, mit kindern ausgiebig zeit zu verbringen, wird die erfahrung gemacht haben, dass sie dem "sanften weg" viel zugänglicher sind als manche glauben. freilich muss man sich dafür ein bisserl mühe geben, geduld aufbringen und nicht die massstäbe einer erwachsenen leistungs- und konsumgesellschaft anlegen. aber auch kinder, die äußerst liebevoll und ohne härte erzogen wurden, können im "leben" und in der arbeitswelt bestehen und bringen sogar oft noch kreati

Benjamin Klein
00
18.4.2011, 06:57
da gab es einst den Dr. Schreber ?

wie war dass mit der Härte und das Ergebnis bei seinen eigenen Kindern ?

der wollte doch die totale Abhärtung für junge preußische Soldaten ???

und das Ergebnis im eigenen Hause ............!!!

al vvi
91
18.4.2011, 04:28

Ich habe sehr stark das Gefuehl der Gute hat die Sache nicht verstanden oder will es nicht verstehen.

keywords
00
18.4.2011, 12:28

warum denn?

finden sie es richtiger, wenn kinder nur unter zwang irgendetwas tun, oder gar aus furcht?

denken sie, jemand, der nie gelernt hat selbst entscheidungen zu fällen, kann verantwortung übernehmen?

esoxLucius
01
18.4.2011, 10:13

"Der Gute" hat vermutlich eine Menge mehr Ahnung von dem Thema als Sie - und auch mehr praktische Erfahrung!

Adam Markus
16
18.4.2011, 02:38

Man sieht leider auch hier im Forum zahlreiche Wappler die der Meinung sind, dass nur eine Tracht Prügel und ordentlich Zucht aus Kindern "harte Kerle" machen. Wahrscheinlich so wie sie selbst zu "harten Kerlen" gemacht wurden.

Dabei sind das wahrscheinlich alles bemittleidenswerte im Leben gescheiterte beziehungsunfähige Wappler, mit einer emotionalen Bandbreite wie ein Stein.

Kinder sind unglaublich kreativ, können Probleme oft viel einfacher aufnehmen als Erwachsene und lernen (wenn sie die richtigen Bedingungen vorfinden) sehr schnell.

Aber was sage ich, schaut's euch das "Weiße Band" an um zu sehen wie es nicht gemacht wird.

Pappa Joe
97
17.4.2011, 21:39
Bremst sie ein, die Alleinerzieherinnen

Die wettbewerbsfremden Fratzen brauchen Männer als Leitbilder.

keywords
01
18.4.2011, 12:29

lasst sie nicht allein, die alleinerzieherinnen, tät ich sagen.

The Chaos Path
02
18.4.2011, 11:08

natürlich brauchen kinder auch männer als leitbilder - UND frauen (beides also).

in anbetracht dessen, wie du dich hier äussert, bezweifle ich aber, dass du ein besonders guter vorzeigevater wärst. wer kinder nicht mag, nur weil sie nicht die eigenen sind, wirds auch sonst mit der menschlichkeit nicht so genau nehmen.

esoxLucius
02
18.4.2011, 10:16
"Die wettbewerbsfremden Fratzen brauchen Männer als Leitbilder"

Das ist natürlich Blödsinn. Aber selbst wenn sie Recht hätten: es scheitert einfach daran, dass die meisten Männer sich nicht mit Frauen einlassen wollen, die Kinder haben. Ich kenn viele alleinerziehende Mütter, die mir erzählen, dass das Interesse von potenziellen Partnern sich plötzlich verflüchtigt, wenn sie hören, dass Kinder da sind...

Der Wutbürger1
 
00
17.2.2012, 21:48
Ganz, ganz ehrlich! Mir tun die Alleinerziehenden Mütter leid, und wäre gerne bereit für jede ein hilfreicher Partner zu sein, doch leider ist das nicht möglich

aber was möglich oder notwendig ist zu fragen warum es soweit gekommen ist? War da kein Erzeuger im Spiel? wohin hat er sich vor Ihr verkrochen? Hat sie ihm den Rest der Freude geraubt zärtlich Zweisamkeit und Obsorge für den Nachwuchs zu teilen?
Wie heißt es so schön:" Friede den Menschen auf Erden,die guten Willens sind!" Den Sinn dieser Aussage muß man begreifen und danach sei Leben führen.
Schön und freudenvoll wenn es einem gelingt den guten Willen als Lebensinhalt festzulegen

Pappa Joe
32
18.4.2011, 10:35
Na wer investiert schon gerne in fremde Gene?

The Chaos Path
01
19.4.2011, 09:16

und dafür bekommst du auch noch grüne striche... irgendwie wunderts dann nicht mehr, dass man immer wieder liest, was stiefväter manchmal für sachen mit ihren stiefkindern aufführen.

selten sowas menschenverachtendes gelesen, vor allem weil es um die schwächsten in einer gesellschaft geht.

Pappa Joe
20
19.4.2011, 13:02
Leibliche Väter haben das Problem offensichtlich nicht

Deshalb: Eigene Gene rulz!

keywords
12
18.4.2011, 12:30

leute mit herz. die investieren in menschen, egal welche.

esoxLucius
12
18.4.2011, 11:07
Ja, wer so dumpfbiologistisch "denkt",

sollt erstens die Finger von Kindern lassen und zweitens zum Thema Erziehung die Goschen halten.

Pappa Joe
21
18.4.2011, 11:17
Sowi-, Powi-, Gewi-StudentIn?

baroli
00
18.4.2011, 14:45
Und du, Baumschule?

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