"Sportler sind schwer vermittelbar"

15. April 2011, 19:14
22 Postings

Ex-Skirennläuferin Roswitha Stadlober setzt sich für Sportler und der­en "Karriere danach" ein. Ein Gespräch über die Unverein­barkeit von Sport und Ausbildung

Standard: Wie würden Sie sich beschreiben? Fühlen Sie sich eher als Sportlerin oder als Geschäftsfrau?

Stadlober: Eine Sportlerin bin ich nicht mehr. Wenn, dann Hobbysportlerin, ich bin ja schon 20 Jahre aus dem Spitzensport weg.

Standard: Nach Ihrer Skikarriere sind Sie aber dem Sport treu geblieben. Ihre Marathon-Bestzeit liegt bei 2:54 Stunden, eine Topzeit in Österreich.

Stadlober: Wegen meiner Tätigkeit als Geschäftsführerin von "Karriere danach" investiere ich momentan leider wenig Zeit in den Sport. Ich komme auf vier Stunden in der Woche. Einen Marathon unter 3:30 Stunden zu laufen traue ich mir derzeit nicht zu.

Standard: Sie haben 1987 WM-Silber im Slalom gewonnen. Ein Jahr später haben Sie Ihre Karriere nach einem Sieg in Ihrem letzten Weltcuprennen beendet. Wie schwierig war der Eintritt ins Berufsleben?

Stadlober: Gar nicht schwierig, ich habe mich ja darauf vorbereitet. Ich habe noch während meiner aktiven Zeit immer wieder bei der Raiffeisenbank in Radstadt gearbeitet und gewusst, dass ich dort einsteigen kann. Die Entscheidung aufzuhören war für mich klar. Heute lassen es die meisten Sportler offen, ob sie nicht noch ein Jahr anhängen wollen. Ich habe den Schritt nie bereut, habe nie gejammert. Aber man muss schon auch klar sagen, dass man damals als Sportler viel leichter einen Job gefunden hat als heute.

Standard: Wieso setzen Sie sich mit "Karriere danach" für zurückgetretene Sportler ein? Sind Athleten heute schwerer vermittelbar?

Stadlober: Wenn man die Gruppe der Spitzensportler betrachtet, die die Schulpflicht beendet und, was heute schon Standard ist, die AHS-Matura gemacht haben: Die sind nach ihrer Karriere schwer vermittelbar, ja. Sie haben keine Berufsausbildung, sind nicht qualifiziert, sind Späteinsteiger. Wenn ihre Bewerbung in ein Personalberatungsbüro geht, wo es Kriterien gibt, wonach ausgemustert wird, haben es Sportler nicht leicht. Die fallen gnadenlos durch, weil sie das Anforderungsprofil nicht annähernd erfüllen. Sie werden oft nicht einmal zu Bewerbungsgesprächen eingeladen, bei denen sie mit ihren Eigenschaften als Sportlerpersönlichkeit punkten könnten. Da versuchen wir bei "Karriere danach" zu unterstützen und haben das Arbeitsmarktservice als Partner gefunden.

Standard: Haben es Sportler durch ihr Standing in der Öffentlichkeit aber nicht leichter, einen Job zu bekommen?

Stadlober: Selbst ein Olympiasieg ist noch lange keine Jobgarantie - ein Türöffner vielleicht, aber mehr nicht. Entweder ist der Leidensdruck von Sportlern nach ihrer Karriere so groß, dass sie sich auch im Berufsleben zielstrebig nach einer Beschäftigung umsehen. Dann finden sie oft auch irgendeinen Job. Wenn der finanzielle Leidensdruck aber nicht so groß ist, herrscht bald einmal Orientierungslosigkeit, weil sie nicht wissen, wohin.

Standard: Wie schwierig ist es für Sportler, in der Arbeitswelt Fuß zu fassen?

Stadlober: Es heißt zwar immer, die Sportler sind so tolle Menschen. Die würden wir gerne in der Wirtschaft haben. Wenn's aber drauf ankommt, zieht jeder den Schwanz ein, weil sie dieses und jenes an Berufsausbildung nicht mitbringen. Wie aber sollen sie eine Ausbildung vorweisen können, wenn ihnen während der zeitraubenden sportlichen Karriere oft nicht die Möglichkeit gegeben wird, eine Ausbildung zu absolvieren?

Standard: Für Sie passen also Sport und Ausbildung in Österreich nicht zusammen.

Stadlober: Wir haben ein spitzensportfeindliches Ausbildungssystem. Bei all den Maßnahmen, die getroffen worden sind, braucht ein Sportler eigentlich gar nicht zu studieren anfangen. Mit 24 Jahren schafft es fast kein Sportler neben der Karriere, ein Studium zu beenden. Sie verlieren aber dann alle Förderungen. Im Studienfördergesetz findet sich kein Wort über den Sport. Ein Sportler braucht aber ein System, das flexibel ist. Wenn Wettbewerbe anstehen, muss die Möglichkeit gegeben sein, Prüfungen zu verschieben.

Standard: Was sagen Sie zu den ganzen Sportgymnasien?

Stadlober: Die Schaffung dieser Sportschulen vor 20 Jahren war ein Quantensprung. Aber wir haben nicht B gesagt. Auf diese AHS-Matura sollte eine weiterführende Ausbildung folgen. Die ist in Österreich nur schwer mit dem Sport vereinbar. Bis 18 Jahre geht es ja noch locker, aber dann kommt der Knackpunkt. Wenn wir so weitertun, werden dem Sport die Sportler ausgehen. Es zeigt sich ja jetzt schon: Selbst der Skiverband hat Nachwuchsprobleme.

Standard: Würden Sie Jugendlichen dennoch raten, eine Sportkarriere anzustreben?

Stadlober: Mich das zu fragen ist schwierig. Meine Kinder Theresa und Luis sind ja selbst Langläufer, die haben wir auch nicht aufhalten können. Sie sollen ihren Traum haben, aber wenn man sieht, dass es sportlich nicht mehr geht, muss man früh genug die Reißleine ziehen. Dann sollen sie sich auf die Berufsausbildung konzentrieren. Unser Ansatz ist: Motiviert die Kinder, in den Spitzensport zu gehen. Mit unserem Programm "Sport mit Perspektive" versuchen wir, die Vereinbarkeit von Sport und Berufsausbildung zu unterstützen.

Standard: Sie waren von 1999 bis 2004 als ÖVP-Sportsprecherin im Salzburger Landtag. Was waren Ihre Erfahrungen in der Politik?

Stadlober: Das, was ich jetzt mache, basiert auf den Erfahrungen meiner politischen Tätigkeit. Dort habe ich mir ein Netzwerk schaffen können. Aber die fünf Jahre waren genug. Ich bin als Quereinsteigerin gekommen und bin wie viele andere gescheitert, weil ich nicht von der Basis kam. Ich war auch nie ÖVP-Mitglied.

Standard: Inwiefern gescheitert?

Stadlober: Man geht da sehr blauäugig rein. Man glaubt, man kann wirklich etwas bewegen. Aber dann holt einen ziemlich schnell die Realität ein, entscheiden tun in der Politik nur wenige. Und Sport ist leider sowieso nur ein politisches Randthema. Jetzt kann ich wirklich Sachen bewegen. Mein Ziel ist es, dass "Karriere danach" als Sportförderung gesehen wird und eine gesetzliche Verankerung findet. Der Sportminister steht hinter dem Projekt. Darum bauen wir eine Laufbahnberatung für Sportler auf. Derzeit gibt es ja nur für den aktiven Sport Subventionen.

Standard: Im Spitzensport ist auch Doping immer präsent. Ihr Mann, Langlauf-Weltmeister Alois Stadlober, wird im Strafantrag gegen Walter Mayer als Abnehmer von Dopingmitteln genannt. Ist das in der Familie ein Thema?

Stadlober: Wir waren total geschockt. Wir haben es aus den Medien erfahren. Da wird man mit einer öffentlichen Meldung konfrontiert, worüber man selbst nichts weiß. Mein Mann muss sich für etwas rechtfertigen, das er nicht getan hat. Alois hat 1999 seine sportliche Karriere beendet und soll zwischen 2005 und 2008 ein möglicher Abnehmer gewesen sein. Er ist einmal von der Soko Doping als Zeuge einvernommen worden, im Mai 2009, als diese Anschuldigung kein Thema war. (David Krutzler - DER STANDARD PRINTAUSGABE - 16.4. 2011)

Roswitha stadlober (47), geborene Steiner, gewann bei der Ski-WM 1987 in Crans Montana Silber im Slalom. Im Weltcup war Österreichs Sportlerin des Jahres 1986 achtmal erfolgreich. Seit 1990 ist sie mit Alois Stadlober (49) verheiratet. Die Kinder Luis (20) und Teresa (18) sind Langläufer im ÖSV.

  • "Selbst ein Olympiasieg ist keine Jobgarantie - ein Türöffner vielleicht, aber mehr nicht."
    foto: graf

    "Selbst ein Olympiasieg ist keine Jobgarantie - ein Türöffner vielleicht, aber mehr nicht."

Share if you care.