Atomausstieg wird für die Deutschen teuer

15. April 2011, 18:37
370 Postings

Erste Berechnungen sprechen von drei Milliarden Euro pro Jahr für die beabsichtigte Energiewende

In Deutschland liegen die ersten Berechnungen der Regierung für die geplante Energiewende vor. Ein rascher Atomausstieg kann Bürger und Betriebe pro Jahr mit drei Milliarden Euro belasten.

Dass ein schnellerer Ausstieg aus der Atomkraft nicht kostenlos sein wird, ist den meisten Deutschen bewusst. Nun liegen erste Zahlen auf dem Tisch. Laut einem Bericht der Süddeutschen Zeitung rechnen Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) und Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) mit Mehrbelastungen von drei Milliarden Euro pro Jahr.

Das Geld wird benötigt, um den Ausbau alternativer Energien zu fördern, auch, um den schnelleren Ausbau der Stromnetze zu ermöglichen. Diese braucht man etwa, um Strom aus Windkraftanlagen im Norden Deutschlands in den Süden zu bringen.

Zudem sollen die Mittel für die Wärmedämmung alter Häuser deutlich erhöht werden. Diese waren im Zuge der Haushaltssanierung gerade erst zusammengestrichen worden.

Offshore-Wind-Sonderprogramm

Der Bund wird auch die Mittel für den Energie- und Klimafonds, aus dem weitere Fördermaßnahmen finanziert werden, aufstocken müssen. Bisher flossen in diesen Zahlungen der Kernkraftbetreiber. Diese haben den Geldfluss jedoch zunächst aufgrund der unklaren rechtlichen Lage gestoppt. Großes Potenzial sieht die deutsche Regierung in der Windenergie. Alte Anlagen sollen rasch durch leistungsfähigere ersetzt werden, Genehmigungen schneller erteilt werden. Die Regierung plant zudem ein Sonderprogramm "Offshore Windenergie".

Nach dem Reaktorunglück im japanischen Fukushima hat die deutsche Regierung ein Atom-Moratorium ausgerufen. Die Verlängerung der Laufzeiten für die deutschen Kernkraftwerke wurde für drei Monate ausgesetzt, die ältesten acht Meiler sind im Moment nicht am Netz.

Am Freitag traf sich die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel im Kanzleramt mit den Ministerpräsidenten, um über den Atomausstieg zu beraten. "Wir alle wollen schnellstmöglich aus der Kernenergie aussteigen und in die Erneuerbaren Energien ein- und umsteigen", sagte sie nach dem Treffen. Trotz aller Differenzen sei man sich einig, dass es nach Ende des Moratoriums Mitte Juni "eine rechtlich saubere" Regelung für die weiteren Laufzeiten der einzelnen deutschen Kernkraftwerke geben müsse.

Ruf nach der Kohle

Die SPD forderte von Merkel anlässlich des "Atomgipfels" einmal mehr, jene acht Alt-Meiler, die derzeit schon abgeschaltet sind, gar nicht wieder erst ans Netz zu lassen. Aus einigen Bundesländern (Brandenburg, Sachsen, Hessen) kommt wieder der Ruf nach mehr Braunkohle auf. "Wir sollten die Rolle der Kohle noch einmal neu überdenken", meint Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD). Diese sei preiswert und garantiere sichere Versorgung bis zum ausreichenden Ausbau des Ökostroms. (Birgit Baumann aus Berlin, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16./17.4.2011)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    In Krümmel wird über dem Abklingbecken ein Steg gereinigt. Das AKW ist derzeit nicht am Netz.

Share if you care.