Auf den Spuren der Wutbürger

15. April 2011, 18:32
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Was unterscheidet die Protestkultur der 60er-Jahre von jenen, die heute auf die Straße gehen? Von Andres Veiel

Der Tenor der allgemeinen Erzählung über die RAF sieht so aus: Aus dem Nichts heraus sind sie plötzlich da, die jungen Wutbürger des Jahres 1967. Auslöser ist der 2. Juni in Berlin. Studenten werden bei Protesten gegen das Schahregime im Iran von der Polizei niedergeknüppelt, einer wird erschossen. Sie organisieren sich, leiten aus den Todesschüssen und dem Hass, der ihnen auf der Straße entgegenschlägt, das Szenario eines drohenden neuen Faschismus ab. Der Generation ihrer Eltern trauen sie alles zu, es ist die Generation Hitler, der Soldaten des Dritten Reichs. In den Folgejahren, so die bekannte Argumentation, spaltet sich die Protestbewegung: Die einen passen sich an, treten den Marsch durch die Institutionen an, die anderen lassen sich von der Front der Befreiungsbewegungen infizieren und glauben, sie seien Teil des Projekts einer Weltrevolution. Im Rausch einer grenzenlosen Selbstanmaßung glauben sie, sie müssten ihren Beitrag mit der Waffe leisten.

Warum war es nur eine so verschwindend kleine Gruppe, die dann tatsächlich in den Untergrund ging? Warum waren es nicht 500 oder gar 5000 wie in Italien? Und warum waren es ausgerechnet Menschen wie Andreas Baader oder Gudrun Ensslin, die zu Hause gerade nicht einen Kampf gegen faschistische Eltern geführten hatten? Warum haben sich Menschen wie Bernward Vesper, dessen Vater Will ein bekannter NS-Schriftsteller war, nicht in dieser Weise radikalisiert? Wo es doch gerade bei Bernward Vesper nahegelegen hätte, nach dem Tod seines Vaters all die Väter mit ähnlicher Überzeugung in den staatlichen Institutionen auszumachen und ihnen den Kampf anzusagen?

Um Antworten zumindest näherzukommen, war es notwendig, sich auf eine Spurensuche zu begeben, die Anfang der 60er-Jahre beginnt. Die große Chance eines solchen Projektes ist es, die Geschichte nicht vom bekannten Ende herzuleiten, dem Abdriften in den Terror. Sondern für Widersprüche und Zufälle offen zu bleiben. Hätte es nicht auch ganz anders kommen können?

Die Geschichte der politischen Eskalation der 60er-Jahre, so viel war schnell klar, lässt sich nicht linear erzählen. Sie braucht den Blick ins Intime, ins Private - weil sich gerade daraus das Politische entwickelt. Sie braucht auch die Aufladung eines weitgehend unbekannten Bilderfundus der frühen 60er-Jahre. Es sind die Bilder eines erfolgreichen Befreiungskampfes in Algerien, die sich im historischen Gedächtnis einer Gudrun Ensslin ablagerten.

Es ist eine erste, noch ferne Erfahrung, dass Befreiungskriege nicht immer in Niederlagen enden müssen. Und es sind Aufnahmen eines Bomberpiloten der US-Armee, der mit der Begeisterung eines Sportreporters Soldaten des Vietcongs abschießt. Die Aufnahmen stammen aus dem Jahr 1965, als es noch keine Proteste gegen den Vietnamkrieg in der Bundesrepublik gab. Diese Bilder bringen eine Liebe ins Wanken: Gudrun Ensslin war als Austauschschülerin in den USA gewesen. Sie verehrte John F. Kennedy. Bei seiner Ermordung ahnt sie den kommenden Vietnamkrieg voraus, gegen den sie später in den Kampf ziehen wird.

Was geht uns dieses ferne Aufbegehren heute noch an? Was unterscheidet sie, die frühen Wutbürger dieser Republik, von denen, die 2011 auf die Straße gehen? Ist es vermessen, sie überhaupt vergleichen zu wollen?

Die Wut, die die Bilder des Bomberpiloten auslösten, war durch die zeitliche Nähe des faschistischen Erbes aufgeladen. Der Pilot war Teil einer Kriegsmaschinerie, die in den Augen einer Gudrun Ensslin einen neuen Genozid durchführte. Aus der Erfahrung von Auschwitz und dem Versagen des eigenen Vaters entwickelte sie einen Imperativ des Handelns: Ich will mir nicht mehr den Vorwurf machen lassen, etwas erkannt, aber nichts getan zu haben.

Trügerische Klarheit

Dieser moralische Rigorismus ließ nur noch ein zweigeteiltes Weltbild zu: Der Feind war der amerikanische Imperialismus mit seinen Helfern, auf der anderen Seite standen die Befreiungsbewegungen. Die Kampfansage ließ weder Widersprüche noch Zweifel zu. Der Vater sagte einmal zu Gudrun Ensslin: Du sehnst den Faschismus ja geradezu herbei. Was ist, wenn er gar nicht kommt?

Die Klarheit der Fronten hat sich sehr bald als trügerisch erwiesen. Gleichwohl hat sie in den ersten Monaten des Jahres 1968 ein triumphales Gefühl des Aufbruchs entfacht. Die Welt wurde nicht nur von Baader und Ensslin als eine "veränderbare" wahrgenommen. Die Amerikaner waren in Vietnam auf dem Rückzug, weltweit formierten sich Proteste, der Satz von Rudi Dutschke "Wer, wenn nicht wir, wann, wenn nicht jetzt", stand für die Überzeugung, im Rückenwind der Geschichte zu agieren und ihn zur grundlegenden Umgestaltung der Gesellschaft nutzen zu können. Objektiv, weil die Zeit reif schien und Veränderung forderte, subjektiv, weil man sich selbst als Vollstrecker sah, reihenweise ausgestattet mit ganz persönlichen Aufträgen an die Geschichte.

Fern und vertraut zugleich

Das klingt sehr fern - und doch merkwürdig vertraut. Im Oktober 2008 hat nicht ein Aufbruch, sondern die Finanzkrise eine Grundsatzdebatte entfacht. Die Reformierbarkeit eines ungezügelten Finanzkapitalismus wurde angezweifelt, mehr oder weniger direkt wurde "die Systemfrage" gestellt. Außerhalb der Feuilletons fand die Debatte jedoch kaum ein Echo, sie wurde unter dem Vorbehalt eines Komplexitätsverdachts geführt, der vielen Menschen offenbar den Protest vergällte. Auch als die deutsche Regierung maroden Banken bis zu 500 Mrd. Euro zur Verfügung stellte, blieb es trotz vielfach formulierten Unbehagens ruhig im Land. Das Skandalon, dass mit diesem Schritt die Verluste der Banken sozialisiert wurden, wurde mit dem Argument neutralisiert, dass es sonst "noch schlimmer käme". Nicht nur die Folgen dieser Krise blieben abstrakt, sie lieferte auch nicht die Bilder, die eine Protestkultur braucht. Anders gesagt: Die Zeit war vielleicht objektiv reif für eine Revolte, doch die Geschichte fand niemanden, der bereit war, sich ihrer anzunehmen.

2010 waren sie dann plötzlich auf den Straßen, Wutbürger wurden sie genannt. Sie wehrten sich nicht gegen die Finanzkrise, sondern gegen ein überdimensioniertes Bahnhofsprojekt, gegen neue Einflugschneisen oder forderten die Offenlegung der Verträge mit privatisierten Wasserversorgern. Sind diese Protestbewegungen regional begrenzte Ereignisse? Haben sie etwas mit einem generellen, tieferen Unbehagen zu tun, das sich kurzfristig 2008 manifestierte? Sind sie erfolgreiche Versuche, angesichts der Komplexität der großen Verhältnisse sich wenigstens im Kleinen nicht mehr als Objekt der Politik zu begreifen? Auf alle Fälle entstehen Protestbewegungen nicht so überraschend, wie oft behauptet wird.

Im Jänner 1967 wurde eine Umfrage unter Studenten gemacht. Ergebnis der Studie war, dass der überwiegende Anteil der Studenten unpolitisch und am eigenen Fortkommen interessiert sei. Keine fünf Monate später standen Hunderttausende auf den Straßen.

Was muss passieren, damit etwas passiert? Diese Frage wird uns weiter beschäftigen. (Andres Veiel, STANDARD-Printausgabe, 16./17.04.2011)

Andres Veiel (Jg. 1959), vielfach ausgezeichneter Regisseuer und Drehbuchautor, lebt in Berlin; sein Film "Wer, wenn nicht wir" läuft an diesem Wochende in den heimischen Kinos an.

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    Was sind die Triebkräfte einer Revolte? Wie wird aus Unbehagen Widerstand? - Demonstration gegen den Umbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs.

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    Andreas Veiel: "Was muss passieren, damit etwas passiert?"

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