Im Style von Obama

15. April 2011, 18:29
7 Postings

Obama ist zwar nie zurückgetreten, aber wer weiß, vielleicht nimmt er sich einmal ein Beispiel an Josef Pröll und tritt in dessen Style zurück

War das eine Woche! Peter Pacult gefeuert. Gottfried Küssel verhaftet. Josef Pröll zurückgetreten. Wenn die Justizministerin einmal mit dem Erteilen von Weisungen beginnt, geht was weiter - Österreich lief zu seiner prallsten Form auf. "Österreich" auch. Pröll: Warum er wirklich geht, versprach das Blatt Donnerstag auf der Titelseite die Enthüllung eines nur Eingeweihten zugänglichen Geheimnisses, ersetzte diesen Anspruch auf Seite 2 aber durch seine weltpolitische Überhöhung. 11.03 Uhr: Rücktritt im Style von Obama. Obama ist zwar nie zurückgetreten, aber wer weiß, vielleicht nimmt er sich einmal ein Beispiel an Josef Pröll und tritt in dessen Style zurück.

Backstage: Der Tag hinter den Kulissen, wollte "Österreich" seinen Lesern vorgaukeln, hinter den Kulissen dabeigewesen zu sein: Fotograf hielt die dramatischen Polit-Stunden fest. Was er festhielt, war: Gestern, 6.45 Uhr Pröll im Büro. Alle glauben, er ist auf Reha. Tatsächlich sitzt Pröll ab 6.45 Uhr in seinem Büro im 6. Stock des Finanzministeriums in Wien-Landstraße.

Wer nun glaubte, einzig ein Fotograf von "Österreich" glaubte nicht, was alle glauben, sondern lauerte schon um 6.45 Uhr im 6. Stock des Finanzministeriums, um dort den Vizekanzler, angetan mit Hemd und Krawatte, in seinen Stuhl gefläzt abzulichten, ward getäuscht. Die Fotos machte ein Lichtbildner im Dienste Prölls, berufen, diese Schicksalsstunden österreichischer Zeitgeschichte amtlich festzuhalten. Ein Fotograf hielt die dramatischen Stunden fest. "Österreich" erhielt die Bilder von der Akzidenzfigur am rechten Bildrand, von der das Blatt zu melden wusste: Pressesprecher Daniel Kapp. Er hat Prölls Abschiedsrede vorbereitet, ist über alles informiert.

Doch der Reihe nach. Dienstag- morgen. Familie Pröll sitzt diesmal besonders zeitig am Frühstückstisch in ihrer Wohnung in Wien-Währing. Es ist der Tag des Rücktritts aus "allen meinen politischen Funktionen". Dass die Familie Pröll schon am Dienstagmorgen besonders zeitig frühstücken musste, obwohl der Rücktritts aus "allen meinen politischen Funktionen" erst am Mittwoch stattfand, lässt entweder darauf schließen, dass sie es nicht mehr erwarten konnte, oder dass man sich bei "Österreich" hinter den Kulissen des Kalenders nicht zu gut auskennt wie backstage im Finanzministerium.

6.35 Uhr: Abfahrt von Wohnung. Um 6.35 Uhr steigt Josef Pröll in seinen Dienst-BMW und lässt sich von seinem Chauffeur ins Finanzministerium fahren. In Wien-Währing um 6.35 Uhr ins Auto zu steigen und um 6.45 Uhr bereits des Sakkos entledigt in seinem Amtssessel im 6. Stück des Finanzministeriums in Wien-Landstraße zu kuscheln, lässt auf ein Tempo schließen, das man sich nur erlauben kann, wenn alle glauben, er ist auf Reha, aber auch erklären könnte, warum er wirklich geht, es sei denn, der Finanzminister ist wirklich schon am Dienstagmorgen in seinen Dienst-BMW gestiegen, weil er sich in seinem Zustand nicht stressen wollte. Schließlich geht es um einen Rücktritt im Style von Obama.

Und so etwas will vorbereitet sein. Sein Kabinettschef Martin Hauer und sein Pressesprecher Daniel Kapp warten bereits auf ihn. Pröll trägt schwarzen Anzug, eine rosa-blaue Krawatte. Was der Fotograf trug, erwähnt "Österreich" nicht, obwohl das Blatt seinem Werk eine wichtige Information zu den Flüssigkei-ten verdankt, die zur Rechten des Scheidenden auf seinem Schreibtisch gelagert waren: Das Red Bull (Light) gehört Mitarbeitern. Kaffee ist für Pröll. Nicht umgekehrt!

Ein Rücktritt von weltpolitischem Format ist nicht denkbar ohne 6.50 Uhr: Telefonat mit Erwin. Josef Pröll greift erstmals an diesem Tag zum Telefon, ruft seinen Onkel, NÖ-VP-Landeshauptmann Erwin Pröll an. Die zwei führen ein emotionales Gespräch (siehe Seite 7). Dort wollte "Österreich"-Herausgeber Wolfgang Fellner Exaktes zur Uhrzeit wissen, zu der die Emotionen zwischen Onkel und Neffe geflossen sind. Und wer könnte das genauer klären als der Angerufene? Daher die Frage: Wann haben Sie vom Rücktritt Ihres Neffen erfahren und wie beurteilen Sie den Rücktritt von Josef Pröll. Das hat ein Landeshauptmann im Kopf. Ich wurde von ihm gestern - wir haben wieder Mittwoch - um 6.50 Uhr in der Früh angerufen. Er hat gesagt, ich sei der Erste, den er von seinem Rücktritt informiert. Ordnung muss schließlich sein, mögen die familiären Emotionen noch so heftig überschwappen. Mehr im Style von Obama geht wirklich nicht. (Günter Traxler/DER STANDARD; Printausgabe, 15./16.4.2011)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Josef Pröll.

Share if you care.