Visionär der Finsternis

15. April 2011, 18:02
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Archive des Sprechens

(Ein Archivar. Der Schriftsteller Gerhard Roth. Gespräch im Gange.)

ARCHIVAR: ... ließen Sie 1996 in "Der Plan" einen japanischen Geologen auftreten, der Roman endet mit einem Erdbeben. Fühlen Sie sich, nicht nur wegen dieses Beispiels, als Visionär der Finsternis?

ROTH: Nun, es gab eine Reihe von merkwürdigen Zufällen. Von den Ereignissen in Ägypten beispielsweise war ich persönlich berührt, weil ich die Gespaltenheit des Lebens zwischen Religion, Tourismus und Armut in "Der Strom" beschrieben habe. In "Der stille Ozean" wiederum habe ich Tollwut und Fuchsjagden beschrieben, und im jüngsten Buch "Orkus - Reise zu den Toten" wird dann der Briefbomber mit Namen Fuchs, der nicht sehr weit von Obergreith in Gralla lebte, von der Polizei gejagt. Merkwürdig, nicht? Und ebenfalls in "Der stille Ozean" - und da kann ich, ehrlich gesagt, nicht mehr an bloßen Zufall glauben - steht: "Vor der Tür lag ein toter Maulwurf mit rosa Pfoten."

ARCHIVAR: "Vor der Tür lag ein toter Maulwurf mit rosa Pfoten"?

ROTH: "Vor der Tür lag ein toter Maulwurf mit rosa Pfoten", ja. Hätte man die gegenwärtige österreichische Regierung besser beschreiben, präziser vorhersehen können? Wohl kaum. Aber all das ist nichts, all das ist lächerlich, wenn man an einen Satz denkt, der in einem anderen meiner Bücher, "Der See", steht: "Am Horizont war schon der Zicksee zu erkennen."

ARCHIVAR: Ich verstehe nicht ganz...

ROTH: Am Horizont! Der Zicksee! Zu erkennen! (Wie visionierend:) Oh, es wird grauenhaft sein, niemand wird es ertragen! Die Welt wird ...

(Vorhang)

Material: "Körnchen in der Sanduhr" - Interview mit Gerhard Roth, "Kleine Zeitung", 9. 4. 2011

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