"Römer! Mitbürger! Freunde!"

15. April 2011, 17:47
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Am Samstag wird die 42 Millionen teure Niederösterreichische Landesausstellung 2011 an drei Standorten eröffnet

Petronell-Carnuntum - Wer jemals im Rahmen eines Schulausflugs das eher abstrakte Vergnügen hatte, die alte Kultur der Römer vor Ort im Archäologiepark Carnuntum zu studieren, wird mit Schrecken auf Grundrisse zurückblicken, die von alten Kulturen im Donauraum zwar etwas erahnen ließen, richtig erlebbar wurden die alten Steinhaufen aber nicht. Hauptsache, nicht in der Klasse sitzen.

Die heurige niederösterreichische Landesausstellung rüstete zum Wohl der Schüler und "für die ganze Familie" auf. Insgesamt 42 Millionen Euro wurden für die an drei Standorten stattfindende Schau Erobern - Entdecken - Erleben im Römerland Carnuntum gepumpt, allein 26 Millionen davon in den Archäologiepark. Dort wurde in jahrelanger Arbeit nicht nur ein maßstabsgetreues Modell der 60.000-Einwohner-Metropole rekonstruiert.

Neben einem neuen Besucherzentrum und zwei römischen Wohnhäusern, die originalgetreu auf den alten Fundamenten wiedererrichtet wurden, gibt es auch ein spektakuläres neues Herzstück zu besichtigen. Auf 350 Quadratmetern Grundfläche ist die alte römische Therme als alter Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens in Carnuntum wieder in Betrieb. Seit einigen Monaten schon läuft sie mit ihrer spektakulären antiken Fußbodenheizung im Sinne einer "experimentellen Archäologie" auf Probe. Zur Eröffnung der Schau heute, Samstag, werden nicht nur Hundertschaften von Statisten in römischen Originalkostümen anreisen. Zum Gaudium des niederösterreichischen Landesvaters und des gerade neu bestimmten bürgerlichen Vizestatthalters Noricums sowie einer Tausendschaft bildungsbeflissen dem Treiben zujubelnder "Römer! Mitbürger! Freunde!" (Copyright: William Shakespeare) versucht man auch, alte Museumskonzepte in Richtung Lernen als Erleben zu deuten. Interaktive Touchscreens finden sich zwischen alten Postamenten ebenso wie eine Filmschau von Kurt Mündl.

Brüllende Farben

Am zweiten Standort, dem Museum Carnuntium in Bad Deutsch-Altenburg, das man mit Shuttlebussen oder sportlich mit bereitgestellten Leihfahrrädern erreichen kann, bietet man Einblick in neueste Funde zum Thema Religion und Kulte. Man führt mit modernster Licht- und Computertechnik anhand des steinernen Mithraskultbildes vor, dass die Römer ihre Bildhauerkunst keineswegs in edler Schlichtheit präsentierten. Hier wurde kräftig in brüllenden Farben einkoloriert. Aus allen Gebieten des römischen Reiches wurden ebenso beherzt neue Kulte zu bestehenden hinzugefügt. Mehr ist mehr.

In der ehemaligen Tabak- und nunmehrigen Kulturfabrik Hainburg als drittem Standort der Landesausstellung beschäftigt man sich schließlich mit dem Thema "Vom Erobern und Entdecken".

Kuratiert vom Wiener Wirtschafts- und Sozialgeschichtler Ernst Bruckmüller, werden auf zwei thematisch getrennten Gebäudeebenen die großen migrantischen Ströme, die seit Jahrtausenden durch den Donauraum und über die Bernsteinstraße zogen (Römer, Awaren, Hunnen, Ostgoten ...) präsentiert. Auch die Entdeckungsreisen der Habsburgerzeit, die Arktisexpedition der "Admiral Tegethoff" oder die Weltumsegelung der "Novara" im 19. Jahrhundert sowie die Entdeckung der eigenen "Volkskultur" in seltsamen Bräuchen wie Bierzeltfesten finden Erwähnung. Abgeschlossen wird die Ausstellung von der Weltenmaschine des Grazer Instituts für Medienarchäologie.

Durch die Fenster des Turms stecken Groß und Klein ihre Köpfe und werden fotografiert. Die so gewonnenen Daten werden ins World Wide Web gejagt, die benutzten Server poppen auf und versuchen, die erhaltenen Informationen mit Suchmaschninen zu verarbeiten. Eroberung als Informationsfluss von Macht und Geld.

Eine eindrucksvolle, an die Computerimages der Matrix-Trilogie erinnernde Installation. (Christian Schachinger/DER STANDARD, Printausgabe, 16./17. 4. 2011)


Niederösterreichische Landesausstellung 2011 in Petronell-Carnuntum, Bad Deutsch-Altenburg und Hainburg. Von 16. 4. bis 15. 11.

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    Römischer Alltag wird in Petronell-Carnuntum, Bad Deutsch-Altenburg und Hainburg lebendig.

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