Asbach-Uralt im Flachmann

Was ist eigentlich noch bürgerlich?

15. April 2011, 17:35
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    grafik: dusl

Die wichtigste personelle Frage der ÖVP ist gelöst, die inhaltlichen Fragen sind alle offen - Eigentlich sollte es darauf beim Programm-Parteitag in Innsbruck eine Antwort geben, aber auch da könnte die Ideologie wieder zu kurz kommen

Christoph Leitl hätte lieber noch über politische Themen diskutiert - aber da war der Zug schon abgefahren: Nicht welchen Weg die ÖVP gehen soll, sondern wer sie auf welchem Weg auch immer führen soll, ist am Donnerstag beschlossen worden.

Das hat in der ÖVP Tradition: Ideologische Diskussionen werden in der Partei schon nicht mehr besonders wichtig genommen, seit Wolfgang Schüssel im Jahr 1995 Obmann geworden ist. Ein bisserl christlich-sozial ist man, ein bisserl liberal (wobei man sich vor dem Präfix "neo-" gehörig schreckt), jedenfalls für den Mittelstand, für Familien, für eine breite gesellschaftliche und soziale Integration - bürgerlich halt. Auch wenn kaum ein ÖVP-Politiker aus dem Stegreif definieren könnte, was das ist.

Offenbar hat auch niemand im schwarzen Lager Lust darauf, um das Markenrecht an der Bürgerlichkeit zu streiten: Immer wieder sagt Heinz-Christian Strache, er sei ein Bürgerlicher - aber niemand aus der ÖVP-Spitze verweist ihn zurück ins rechte Eck.

Wobei ja die Bürgerlichen historisch selber ihre liebe Not hatten, nicht zu weit in dieses Eck gedrängt zu werden - war doch "bürgerlich" oder "bourgeois" die marxistische Schmähung für die Träger des kapitalistischen Systems. "Citoyens", Staatsbürger mit Sinn für Bürgerrechte und Bürgerpflichten im Sinne der Französischen Revolution wollten sie allenfalls sein. Aber dieses Erbe ist dann wieder manchen in der ÖVP zu links, zu wenig christlich-sozial: Schließlich nehmen ja auch Sozialdemokraten zu Recht für sich in Anspruch, gute Staatsbürger zu sein. Und wenn sogar das BZÖ sich in diesen Tagen als "die neue bürgerliche Kraft" zu definieren versucht, setzen dem die schwarzen Bürgerlichen nicht das Geringste entgegen.

Dass es nicht mehr um regelmäßigen Kirchgang und unauflösliche Ehen gehen kann, wie das noch in den Fünfziger- und Sechzigerjahren für "bürgerliche" Wähler gegolten hat, das weiß man in der ÖVP längst. Dennoch will sie irgendwie "Familienpartei" sein.

Für ihre Programmarbeit hat Generalsekretär Fritz Kaltenegger die Konfliktfelder aufgearbeitet - eigentlich hätte dieses Frühjahr der Programmarbeit gewidmet werden sollen. Der längst für den 20. Mai geplante Parteitag in Innsbruck hätte einen inhaltlichen Neustart bringen sollen. Die notwendigen Diskussionen aber fallen weitgehend aus: In der ÖVP wird wieder einmal über Posten statt über Positionen debattiert.

Letzteres wäre auch schwer, sagt ein ehemaliger schwarzer Spitzenpolitiker im Gespräch mit dem Standard: Jeder spüre, dass es in der Politik tektonische Verschiebungen gibt, wirklich verstehen könne man aber nicht, was diese Verschiebungen bedeuten. Schon gar nicht könne man eine "bürgerliche" Interpretation dafür liefern, wie man damit umgeht, dass die Politik genau die Ansprüche, die vermehrt an sie gestellt werden, immer schlechter erfüllen kann.

Der Politiker, der nicht genannt werden will, um nicht wie ein Oberlehrer des neuen Parteichefs zu wirken, empfiehlt, den bürgerlichen Blick dafür zu schärfen, dass die Politik die wirtschaftlichen Sorgen der Bürger immer weniger auffangen kann, schon gar nicht auf nationaler Ebene.

Wenn die mittleren und unteren Einkommensschichten Angst davor haben, dass die internationale Wirtschaftsentwicklung ihren Arbeitsplatz vernichtet, ihre Ausbildung weitgehend entwertet und ihre Ersparnisse zusammenschmelzen lässt, dann kann es darauf kaum sinnvolle nationalstaatliche Antworten geben. Allenfalls könnte Europa als Ganzes darauf reagieren, aber genau diese europäische Politikdimension ist von allen Parteien, auch von der ÖVP, immer ausgeblendet worden. Sie bedeutet nämlich schlicht, dass das, was in der Bundeshauptstadt und in den Landeshauptstädten diskutiert wird, an Gewicht verliert. Und das mag niemand, der in der Bundes- oder Landespolitik gewählt werden will, offen zugeben, geschweige denn befürworten.

Daher sind auch die Bekenntnisse, die ÖVP wäre eine "Europapartei", ein wenig hohler, als er das je namentlich zugeben würde, sagt der Politiker, der früher selber jahrelang in EU-Ministerräten gesessen ist. Dass es in anderen Staaten ähnlich läuft, mache die Sache auch nicht besser.

Schon vor Jahren hat Michael Spindelegger im kleinen Kreis angedeutet, dass ihm das Dilemma durchaus bewusst ist - und dass er seine Hoffnung auf das von der EU ebenso wie von der ÖVP hochgehaltene Subsidiaritätsprinzip setzt: Was man nicht unbedingt auf europäischer Ebene regeln muss, das soll auf unterer Ebene geregelt werden.

Hier könnte ein neues Verständnis von Bürgerlichkeit im Sinne einer Teilnahme an dem, was man auch bezahlt, greifen - aber das stößt an Grenzen: Denn der bürgerliche Mittelstand wird ja schon jetzt besonders belastet, stöhnt unter Zeitmangel, der ihm leider, leider ein gesellschaftliches Engagement unmöglich macht. Und unter der ihm zu hoch erscheinenden Steuerlast stöhnt der Bürger sowieso.

Bürgerlichkeit hat ja immer auch bedeutet, einen Vorsprung an Besitz und Bildung zu haben - und die Möglichkeit, diesen Vorsprung an die nächste Generation zu vererben: Kinder aus bürgerlichen Haushalten haben in der Regel bessere Lebenschancen, weshalb von ihnen und ihren Eltern mehr Solidarität abverlangt wird. Ob das gerecht ist, wird in Österreich nicht gerne diskutiert - objektive Datenerfassung oder eine Offenlegung von Transferkonten kommen Bürgerlichen ebenso wie Linken verdächtig vor.

Wobei die bürgerliche politische Leitschnur durchaus neu gespannt werden könnte: Ansprechen, was nottut. Offenlegen, was Sache ist. Mittragen, wo andere nicht mehr können. Kurz: Verantwortung zeigen.

Das hieße aber auch: Eigenverantwortung fördern und Umverteilungsbegehren zurückschrauben, auch wenn das die eigenen Leute trifft.

Bürgerlich sein, das heißt letztlich: Unangenehmes mehrheitsfähig machen. Aber dieser Mühe unterziehen sich die letzten Bürgerlichen nur ungern. (Conrad Seidl, DER STANDARD, Printausgabe, 16./17.4.2011)

Kommentar posten
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Col de la Tourette
02
19.4.2011, 07:36
propaganda-karikaturen hat es doch schon einmal gegeben?

ich war da noch nicht auf der welt ... aber hab's in geschichtsbüchern nachgelesen.

Man in black1
14
17.4.2011, 13:59

Die Standard-Zensur scheint ja prächtig zu funktionieren ! Aber nur weil ich mich nicht in den allgemeinen, von der Dusl-Zeichnung begeisterten Tenor einstimmte und einige Bemerkungen hinzufügte, müßt ihr nicht geich mein Posting rausschmeißen. Wo bleibt die demokratische Meinungsfreiheit ? Ist der Standard wirklich bereits Mainstream-Standard und nur
Pseudo-Fortschrittlich ?

sainty1
00
18.4.2011, 09:55
zwei sachen:

1. nein der Standard als ganzes nicht

2. kann das Posting auch einfach nur ein bissl dauern..hatte das auch schon öfter! (obwohl postings danach gleich kamen)

spelling error
10
18.4.2011, 08:26
ernst strasser?

Cristoph Koch
14
17.4.2011, 13:29
Bürgerlich

Sind heute jene, welche die Privilegien nutzen, die Ihnen der Staat aufgrund Ihres Status als BürgerInnen ermöglicht. Dies unterscheidet sie im Wesentlichen von "Nicht-BürgerInnen". In einem Staat wie Österreich, der trotz Wohlfahrt peinlich genau darauf achtet nichts umzuverteilen, bedeutet dies stets eine Abgrenzung nach "unten" gegenüber jenen die weniger Besitzen, gegenüber "AusländerInnen" wird die Besitzfrage somit zum Ausschlusskriterium, gegenüber "weniger besitzenden InländerInnen" ein Ausschluss aus Teilsystemen, in denen "man" sich die Regeln des Spiels ausmacht, die letztlich für alle gelten und die Priviliegierten weiter bevorzugt behandeln.

Cristoph Koch
01
17.4.2011, 13:59
Nachtrag

Und das ist alles andere als neu. Daran ändert sich auch nichts solange alle meinen davon in irgendeiner Form zu profitieren und auch nicht dazu bereit sind zum "Wohle des Ganzen" auf ihre vermeintlichen Vorteile zu verzichten und Zivilcourage zu zeigen. Also Bürgerlich sind im Grunde alle BürgerInnen, die einen mehr, die anderen weniger- deshalb hält sich dieses Ungleichgewicht ja schon so lange.

Strache Bürgermeister a.D. aber Kreisky haha!
00
17.4.2011, 13:23
Die Ärmelschoner fehlen!

Österreich ist ja ein Beamtenstaat ala Kaiser Franz Josef und das braune wo ist denn das?
Wahrscheinlich in der Hose....

Standard deviation
51
17.4.2011, 10:34
Nicht erst die alten 68er ....

sahen in den Bürgerlichen ihren Feind, den es zu zer-
schlagen gilt. Daran hat sich wenig geändert.
Daher wird stets versucht das bürgerliche Lager in
Frage zu stellen, zu zersplittern.

Aber die Bürgergesellschaft hat sich als erstaunlich
zäh und fortschrittlich erwiesen. Allen Unkenrufen
zum Trotz!

Man in black1
21
17.4.2011, 13:31

Wo sehen sie Bürger ? Würden sie sich gern als solcher bezeichnen ? Na ja, mir fallen eigentlich fast nur spießige Kleinbürger auf ( vielleicht bin ich auch nur mit einem besonderen Blick für solche ausgerüstet ? ). Es ist natürlich verständlich , daß man sich als Bewohner dieses Zwergenlandes hinter den Bergen aufblasen und wichtig nehmen muß, aber in Österreich nimmt das bereits bedenkliche Ausmaße an. Die dummdreisten Politiker hier,
die groteske Inszenierung der "Romy"-Vergabe, das Gebahren des "kleinen Mannes" hier sind einfach nur lächerlich.

Klaus Woltron
01
17.4.2011, 09:33
In einer heterogenen Gesellschaft.....

...kann man mit einer klaren ehrlichen Ansage über etwa 20 % nicht hinauskommen. Deswegen all die Salamander.

grauslich
00
17.4.2011, 11:59

Das könnte uns noch vor Üblem bewahren - wehe, wenn eines Tages evtl. mehr als 300 eine www.atheistische-religionsgesellschaft.at unterstützen würden... ;-)

Da haben sie auf Granit gebissen!
00
17.4.2011, 13:08

Ich bin bei der schon ausgetreten. Aber vielleicht trete ich wieder mal ein.

Schnapphahn
01
17.4.2011, 09:16
Ruhe

ist des Bürgers erste Pflicht ;)

Hans-Georg Peitl
10
17.4.2011, 08:31
Ganz sicherlich

Ganz sicherlich die österreichische Bürgerpartei.

Pastor Hans-Georg Peitl
http://jachwe.wordpress.com

f'ck y all y little asses
00
17.4.2011, 08:16
auf die övp kann man sich nicht verlassen

die haben nur eigenes wohl im schädel - der bürger ist der övp scheiss egal

Selbständiger
05
17.4.2011, 05:09
Auf den Punkt gebracht.

Wer um die Existenz kämpft, darum wie er nächstes Monat und im nächsten Jahr die Miete und Betriebskosten zahlen kann, den erreicht keine Partei mit irgendeinem Orchideenthema.

Es ist auch egal, welcher Fahrer das System in den Abgrund fährt. Keine Partei ändert den in den Abgrund führenden Kurs. Immer nur Schulden über Schulden anhäufen. Man muss nicht Betriebswirtschaft oder Volkswirtschaft studiert haben, um zu wissen, dass dies sehenden Auges in den Abgrund führt.

Alfred Moosbrugger
316
16.4.2011, 20:53
"Bürgerlich" ist man in Österreich dann,

wenn man glücklicherweise betuchter ist als andere Menschen und daraus ein ungerechtfertigtes Sendungsbewusstsein ableitet, d. h., ohne je etwas Besonderes geleistet zu haben.

Da haben sie auf Granit gebissen!
10
17.4.2011, 04:52

Sehr schön gesagt. Aber was sagen Sie da eigentlich?

depp am huegel
52
17.4.2011, 00:28

betuchter sein: mehr steuern zahlen als man transferleistungen einnimmt?

Artefix
08
17.4.2011, 11:31
Nein, gutes Geld kriegen, weil man

mit den richtigen Verbindungen kohleträchtige Jobs und Aufträge bekommt, für die man nur dann Steuern bezahlt, wenn's sein muss.

Panzerverband
00
17.4.2011, 11:37
Bravo!

Treffer - versenkt :)

O'Reilly Constructions Ltd.
412
16.4.2011, 20:43
Bürgerlich sein, das heißt letztlich: Unangenehmes mehrheitsfähig machen.

Wobei als 'Unangenehmes' all das bezeichnet wird, was der arbeitenden Bevölkerung das Geld aus der Tasche zieht und es in die Säckel des Großkapitals umleitet.

'Arbeitszeitflexibilisierung': dringend nötig, besser auch am Sonntag ohne Überstunden und bis 24 Uhr

'Null-Lohnrunden': Eh klar, wir müssen alle zur Bewältigung der Krise beitragen, nur die Unternehmer nicht

'dringend benötigte Fachkräfte aus dem Ausland': Nicht, dass wir keine eigenen hätten oder ausbilden könnten, aber die arbeiten dann nicht für einen warmen Händedruck!

mumuj
00
17.4.2011, 07:22
Ooo, wie Recht Sie haben

Das Bild ist super.Für mich ein Antimann.

O5
01
16.4.2011, 21:31

Ich würd Bauern, Beamte und im internationalen Vergleich winzige Banken nicht wirklich als "Großkapital" bezeichnen.

rudolf schladming
 
02
16.4.2011, 19:36

die mundpartie ist gut getroffen find ich. :)

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