An den Medienpranger gestellt

16. April 2011, 17:52
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Täter und Verbrechensopfer haben Rechte, in Berichten über den Mordprozess gegen Gerhard P. wurden sie ignoriert. Vor allem in der Gratiszeitung „Heute".

Vergangene Woche wurde am Wiener Landesgericht Gerhard P. zu lebenslanger Haft verurteilt. Ermittler und Geschworene sahen es als erwiesen an, dass er die Ermordung seiner Ex-Lebensgefährtin akribisch geplant und durchgeführt hat. Seine Schwester - um die Anklage zu zitieren, denn das Urteil ist noch nicht rechtskräftig- fuhr auf P.‘s Anweisung in dessen Auto mit GPS in der Gegend umher, sodass P. ein Alibi hatte. Währenddessen schlug dieser der Mutter des gemeinsamen Sohnes ein Eisenrohr 16 Mal erst ins Gesicht und auf den Schädel, sodass sie starb. Die Frau hatte Alimente von ihm verlangt, er hingegen hatte schon das Kind nicht gewollt. Dass der sieben Monate alte Bub bei dem Mord zusehen musste, nahm P. in Kauf.

Diese zielbewusste Brutalität schockierte selbst den Richter: „Ich mach das auch schon lang, aber ich hab noch nie so ein kaltherziges Verbrechen gesehen", sagte er. Gerhard P. hingegen hatte sich auf einen „emotionalen Ausnahmezustand" berufen, der ihn vor der Tat ergriffen habe. Einer Tat, für die wahrscheinlich Erklärungen, aber kein Verständnis gibt.

Schadenvermeidung

Und dennoch: auch Personen wie Gerhard P. haben Rechte. Und seine Familie. Und - vor allem - die Familie des Opfers. Hier kommen die Medien ins Spiel, die über solche Fälle berichten. Auf welche Art sollen sie das tun? Beschreibend wohl, und möglichst wenig wertend, sodass sich LeserInnen ein eigenes Bild machen. Nicht so, dass für Hinterbliebene des Opfers und Angehörige des Täters Schaden entsteht. Nicht so, dass diese in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt werden, deren Wichtigkeit Menschen meist erst erkennen, wenn sie selber ungewollt in den Mittelpunkt öffentlichen Interesses geraten sind. 

Eindeutig nicht sollen Medien so berichten, wie es die Boulevardzeitungen (auch) in diesem Fall gemacht haben. Volle Nennung der Namen von Täter und Opfer nebst Abdruck eines Fotos der ermordeten Frau, Abdruck eines Täterfotos, auf dem dieser, voll erkennbar, neben seiner Verteidigerin Alexia Stuefer den Gerichtsgang entlanggeführt wird: So hielten es zum Beispiel Kurier und Kronen Zeitung.

Vorverurteilt

Doch im diesem Fall nimmt sich das fast harmlos im Vergleich zu einem Bericht am 13. April in „Heute" aus, dem Gratisblatt für Pendler und andere Öffi-Benutzer in Wien, Nieder- und Oberösterreich. Hier ist das Medium endgültig zum Pranger geworden, zu einer öffentlichen Verurteilungs- und Schmähungseinrichtung: Denn neben dem Foto Gerhard P.‘s, der (wie auf dem Bild oben) sein Gesicht hinter seinen Händen verborgen hält, hatte der Redakteur „Hier versteckt sich der feige Eisenrohr-Killer" hin gedichtet.
Das Geschworenenurteil war zwar erst für den Tag nach der Artikelveröffentlichung angesetzt, aber was soll's? Ein „feiger Killer" garantiert LeserInnen-Aufmerksamkeit. Es ist, als würde es das Mediengesetz samt „schutzwürdigen Interessen" nicht geben - eine Ignoranz, die laut MedienexpertInnen am österreichischen Boulevard in den vergangenen Jahren zugenommen hat. Das Problem dabei: Von ExpertInnenkreisen abgesehen, wird das schweigend hingenommen. (derStandard.at, 16.4.2011)

Irene.Brickner@derStandard.at

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    Jener 43-jährige Mann, der seine ehemalige Geliebte in ihrer Wohnung am Julius-Tandler-Platz in Wien-Alsergrund erschlagen hat, wurde zu lebenslanger Haft verurteilt.

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