"Afrika steigt aus der Asche empor"

15. April 2011, 17:25
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Vor dem großen Sprung: Dominic Johnson sieht glänzende Chancen für Afrikas Entwicklung. In einigen Punkten seiner Studie überzieht er aber

"Ich bin ein Afrikaner. Ich habe gesehen, wie unser Land zerrissen wurde. Ich habe gesehen, was geschieht, wenn eine Person Gewalt über eine andere ausübt. Ich weiß, was geschieht, wenn Rasse und Farbe darüber entscheiden, wer Mensch und wer Untermensch ist. Ich habe die Zerstörung jedes Selbstwertgefühls erlebt. (...) Heute sind die Massen geduldig ... Sie verzweifeln nicht bei schlechtem Wetter, und sie triumphieren nicht, wenn die Sonne scheint. Sie definieren selbst, wer sie sind und wer sie sein sollen ... Heute fühlt es sich gut an, ein Afrikaner zu sein. Afrika steigt wieder aus der Asche empor." Diese Sätze stammen nicht von einem Agitator in der aktuellen Rebellion in Nordafrika und in Arabien, sondern aus einer Rede von Thabo Mbeki, dem ehemaligen Präsidenten Südafrikas, anlässlich der Annahme der neuen Verfassung am 8. Mai 1996.

Nach wie vor Abhängigkeiten

Der Optimismus des Präsidenten hat zwei Grundlagen - eine florierende Wirtschaft und einen funktionierenden Staat mit relativ soliden demokratischen Zügen. Rund siebzig Prozent aller Kapitalflüsse innerhalb Afrikas gehen von der südafrikanischen Volkswirtschaft aus.

Dominic Johnson, der Afrika-Redakteur der Berliner Tageszeitung, sieht freilich nicht nur für Südafrika, sondern für ganz Afrika glänzende Entwicklungschancen. Zwar gibt es nach wie vor starke Abhängigkeiten der afrikanischen Staaten von ihren ehemaligen Kolonialherren, aber Johnson interpretiert diese asymmetrischen Beziehungen nicht als solche, sondern will darin eine zunehmende "Verflechtung" im Zuge der Globalisierung erkennen. Seine Indizien dafür: eine kapitalkräftige einheimische Mittelschicht in vielen Ländern, ein wachsendes innerafrikanisches Handelsvolumen, eine rasend schnelle Verstädterung des Kontinents und ein Bevölkerungswachstum, das er als ökonomische Chance sieht.

Gleichzeitig räumt Johnson jedoch ein, dass kein afrikanischer Staat auch nur annähernd in der Lage ist, vier elementare Bedürfnisse der Bevölkerung - Wasser, Gesundheit, Bildung und Strom - sicherzustellen. Neben diesem enormen Aufholbedarf wirkt der Hinweis darauf, dass 41 Prozent der Bevölkerung Afrikas Handys besitzen, die Afrika "zusammenschweißen wie keine andere Technologie" , eher als hilfloses Argument zur Stützung der These von der Modernisierung Afrikas: "Das Handy ist heute nicht mehr Statussymbol einer Elite, sondern Werkzeug des Volkes." Das ist eine Frivolität.

Die Entkolonialisierung Afrikas, die um 1960 begann, leidet darunter, dass die Kolonialmächte fast überall ihnen genehme Personen als Politiker installierten und Eliten förderten, die mit ihnen kooperierten. Dadurch bildeten sich personenzentrierte, autoritäre und korrupte Regimes heraus und nicht demokratische und institutionenzentrierte Rechtsstaaten. Das änderte sich potenziell, wie Johnson überzeugend darlegt, erst mit der "zweiten Befreiung" . Er datiert diese auf den 11. April 1979, als tansanische Truppen - gegen das Dogma der Nichteinmischungspolitik - den blutrünstigen ugandischen Diktator Idi Amin Dada ins Exil nach Libyen vertrieben.

Tansanias Präsident Julius Nyerere und der ugandische Exilant Yoweri Museveni hatten sich für eine Buschkrieg-Strategie und die militärische Intervention gegen Diktatoren entschieden. Zusammen mit Rebellen aus Zaire, Ruanda und dem Südsudan eroberte Musevenis "Nationale Widerstandsbewegung" (NRM) im Dezember 1985 aus dem Untergrund heraus die Macht in Uganda - und zwar ohne Unterstützung aus Moskau, Peking, Paris, London oder Washington. Johnson sieht darin und in der Selbstbefreiung Südafrikas vom rassistischen Regime 1994 "die zweite, entscheidende Gründungsstunde des neuen Afrika" . 1996/97 gelang es der von vielen Staaten unterstützten Rebellenarmee von Laurant-Desiré Kabila, den verbrecherischen Diktator Mobutu in Zaire zu stürzen und die "Demokratische Republik Kongo" auszurufen.

Johnson übersieht allerdings, dass die militärischen Befreiungsstrategien zumindest ambivalent blieben: Museveni verlängerte 1990 seine Amtszeit autokratisch und ohne Wahlen, und Kabilas "Sieg" im Kongo verwandelte diesen für Jahre in ein Schlachtfeld. Kabilas Sohn Jakob schließlich trat in die Fußstapfen Mobutus.

Johnsons Bilanz, "das ändert an der historischen Leistung des Sturzes von Mobutu nichts" , verkleistert die Defizite und Risiken der militärischen Befreiungsstrategie. In anderen Ländern - Sudan und Somalia - scheiterte sie vollkommen und beseitigte den Rest von Staatlichkeit.

Großes Vertrauen setzt Johnson in die erfolgreichen Unternehmer, denen er zutraut, "wirtschaftliche Verantwortung" oberhalb privater Interessenverfolgung wahrzunehmen. Was eine solche Annahme stützt, bleibt schleierhaft, denn Johnson räumt andererseits ein, dass sich die Eliten in Politik, Wirtschaft und Militär vollkommen einig sind darin, dass ihren Privatinteressen eine institutionelle Trennung von wirtschaftlicher und politischer Macht nicht dient. Ein Blick auf die Korruption und die Verbindung von Wirtschaft und Politik in den ölfördernden Ländern Nigeria und Angola belegt dies deutlich. Johnsons Annahme, die "afrikanischen Unternehmerschichten" stellten sich "gegen ihre Regierungen, denen sie ihren Aufstieg verdanken" , ist naiv.

Genauso abwegig ist die Würdigung der Piraterie vor Somalia als ein "besonders extremes Beispiel für den afrikanischen Unternehmergeist, der sich das Startkapital da holt, wo er es kriegen kann" , oder die Erwartung, die wenigen Profiteure der Piraterie würden in "ihren Heimatstädten die Fundamente für eine selbstbestimmte ökonomische Entwicklung" legen, indem sie die Ex-Piraten als Bauarbeiter beschäftigen. Die Hoffnung, "rechtsfreie Räume" und absterbende Staaten würden zu "florierenden Wirtschaftskreisläufen" führen, von denen auch das Volk partizipiere, ist ganz und gar illusionär. Solche substanzlosen Spekulationen schaden der sonst überzeugenden Argumentation von Johnson. (Rudolf Walther/DER STANDARD, Album 15./16.4.2011)

Dominic Johnson, "Afrika vor dem großen Sprung" . € 9,90 / 106 Seiten. Wagenbach Verlag, Berlin 2011

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