Haile Gebrselassie ist am Freitag in Wien erschienen - Am Sonntag läuft er einen halben Marathon - Und in London jagen sie seinen Weltrekord im ganzen
Wien - "Danke, dass Ihr mich eingeladen habt. Ich war noch nie in
Österreich. Das Land ist ja so reich an Geschichte. Ich bin glücklich,
dass ich hier sein darf. Es ist auch ein sehr spezielles Rennen", sagte
Haile Gebrselassie, nachdem sich Wolfgang Konrad, der Veranstalter des
Vienna City Marathons, bei dem legendären Läufer herzlichst für dessen
Erscheinen bedankt hatte.
Gebrselassie, dem zweifachen Olympiasieger über 10.000 Meter, neunfachen
Weltmeister und 27-fachen Weltrekordler, ist naturgemäß eine stattliche
Gage für das Erscheinen und das Laufen zu zahlen, über die
Stillschweigen vereinbart zu werden pflegt. Der berühmteste Dauerläufer
der Welt sorgt im Gegenzug für außerordentliche Publizität. Noch nie war
eine Marathon-Pressekonferenz so gut besucht. Das wiederum erhöht
konsequenterweise die Beiträge der Sponsoren, und alle sind glücklich -
sagen sie.
Ihm zu Ehren wurde in 30.000-facher Ausführung ein 76-seitiges
Hochglanzmagazin ("Haile in Wien") aufgelegt, welches sich nahezu
ausschließlich um sein Leben und Wirken dreht. Entlang der
Marathon-Strecke werden für Sonntag 15.000 Plakate mit dem Slogan "Thank
you, Haile" affichiert. Nach der Pressekonferenz war Gebrselassie bei
Bundespräsident Heinz Fischer in der Hofburg geladen ("Danke, danke, das
ehrt mich. Ich bin ja nur ein einfacher Athlet, und im Vergleich zu ihm
bin ich sehr, sehr klein."), und das Abendmahl nahm er mit Wiens
Bürgermeister Michael Häupl im Rathaus ein.
Und während am Sonntag in London der äthiopische Vorjahressieger Tsegaye
Kebede (in 2:05:19 Stunden) sowie die Kenianer James Kwambai (Bestzeit
2:04:27) und Patrick Makau (2:04:48) Gebrselassies Marathon-Rekord (2:
03:59, Berlin 2008) angreifen, läuft der Meister in Wien den halben
Marathon. Und wenn alles nach Plan verläuft, wird Gebrselassie auf der
Mariahilfer Straße die vor ihm gestartete Marathon-Elite überholen. Die
läuft um 8:58 auf der Wagramer Straße vor der Reichsbrücke weg,
Gebrselassi um 9 Uhr.
Im Gegensatz zur Elite ist Gebrselassie kein Hase zu Diensten, er läuft
also allein, denn die anderen 11.499 Halbmarathonisten werden ihm nicht
lange folgen können. Am Marathon nehmen rund 7700 Menschen teil,
insgesamt laufen auf verschiedenen Distanzen und gestaffelt mehr als 32.
000 durch Wien.
Fische geben, Fische fangen
"Ich bin fit genug für das Rennen", sagt Gebrselassie, der eine
Knieverletzung auskuriert hat, und natürlich werde er die Marathon-Elite
überholen. Auf eine Zeit will er sich nicht festlegen, "aber 62 oder 63
Minuten sind für mich nicht gut genug." Der Mann hat schließlich seine
Ansprüche. Und abgesehen davon ist "Laufen für mich eine
Selbstverständlichkeit wie ein Frühstück oder ein Abendessen. Laufen ist
für mich wie eine tägliche Mahlzeit."
Seit Gebrselassie mit dem Laufen Geld verdient, seit fast 20 Jahren,
investiert er es daheim in Äthiopien, in einem der ärmsten Länder der
Welt. Der Vater von vier Kindern lebt als Geschäftsmann in der
Hauptstadt Addis Abeba, hat in seinen diversen Firmen 600 Angestellte,
gründete Schulen, engagiert sich für Karlheinz Böhms Projekt "Menschen
für Menschen".
"Ich trage eine große Verantwortung", sagt er, "es gibt so viele
Menschen, denen ich helfen kann. Aber ich will ihnen keine Fische geben,
sondern ihnen zeigen, wie man einen Fisch fängt."(Benno Zelsacher, DER STANDARD Printausgabe, 16./17.4.2011)