"Laufen ist wie eine tägliche Mahlzeit"

15. April 2011, 17:26
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Haile Gebrselassie ist am Freitag in Wien erschienen - Am Sonntag läuft er einen halben Marathon - Und in London jagen sie seinen Weltrekord im ganzen

Wien - "Danke, dass Ihr mich eingeladen habt. Ich war noch nie in Österreich. Das Land ist ja so reich an Geschichte. Ich bin glücklich, dass ich hier sein darf. Es ist auch ein sehr spezielles Rennen", sagte Haile Gebrselassie, nachdem sich Wolfgang Konrad, der Veranstalter des Vienna City Marathons, bei dem legendären Läufer herzlichst für dessen Erscheinen bedankt hatte.

Gebrselassie, dem zweifachen Olympiasieger über 10.000 Meter, neunfachen Weltmeister und 27-fachen Weltrekordler, ist naturgemäß eine stattliche Gage für das Erscheinen und das Laufen zu zahlen, über die Stillschweigen vereinbart zu werden pflegt. Der berühmteste Dauerläufer der Welt sorgt im Gegenzug für außerordentliche Publizität. Noch nie war eine Marathon-Pressekonferenz so gut besucht. Das wiederum erhöht konsequenterweise die Beiträge der Sponsoren, und alle sind glücklich - sagen sie.

Ihm zu Ehren wurde in 30.000-facher Ausführung ein 76-seitiges Hochglanzmagazin ("Haile in Wien") aufgelegt, welches sich nahezu ausschließlich um sein Leben und Wirken dreht. Entlang der Marathon-Strecke werden für Sonntag 15.000 Plakate mit dem Slogan "Thank you, Haile" affichiert. Nach der Pressekonferenz war Gebrselassie bei Bundespräsident Heinz Fischer in der Hofburg geladen ("Danke, danke, das ehrt mich. Ich bin ja nur ein einfacher Athlet, und im Vergleich zu ihm bin ich sehr, sehr klein."), und das Abendmahl nahm er mit Wiens Bürgermeister Michael Häupl im Rathaus ein.

Und während am Sonntag in London der äthiopische Vorjahressieger Tsegaye Kebede (in 2:05:19 Stunden) sowie die Kenianer James Kwambai (Bestzeit 2:04:27) und Patrick Makau (2:04:48) Gebrselassies Marathon-Rekord (2: 03:59, Berlin 2008) angreifen, läuft der Meister in Wien den halben Marathon. Und wenn alles nach Plan verläuft, wird Gebrselassie auf der Mariahilfer Straße die vor ihm gestartete Marathon-Elite überholen. Die läuft um 8:58 auf der Wagramer Straße vor der Reichsbrücke weg, Gebrselassi um 9 Uhr.

Im Gegensatz zur Elite ist Gebrselassie kein Hase zu Diensten, er läuft also allein, denn die anderen 11.499 Halbmarathonisten werden ihm nicht lange folgen können. Am Marathon nehmen rund 7700 Menschen teil, insgesamt laufen auf verschiedenen Distanzen und gestaffelt mehr als 32. 000 durch Wien.

Fische geben, Fische fangen

"Ich bin fit genug für das Rennen", sagt Gebrselassie, der eine Knieverletzung auskuriert hat, und natürlich werde er die Marathon-Elite überholen. Auf eine Zeit will er sich nicht festlegen, "aber 62 oder 63 Minuten sind für mich nicht gut genug." Der Mann hat schließlich seine Ansprüche. Und abgesehen davon ist "Laufen für mich eine Selbstverständlichkeit wie ein Frühstück oder ein Abendessen. Laufen ist für mich wie eine tägliche Mahlzeit."

Seit Gebrselassie mit dem Laufen Geld verdient, seit fast 20 Jahren, investiert er es daheim in Äthiopien, in einem der ärmsten Länder der Welt. Der Vater von vier Kindern lebt als Geschäftsmann in der Hauptstadt Addis Abeba, hat in seinen diversen Firmen 600 Angestellte, gründete Schulen, engagiert sich für Karlheinz Böhms Projekt "Menschen für Menschen".

"Ich trage eine große Verantwortung", sagt er, "es gibt so viele Menschen, denen ich helfen kann. Aber ich will ihnen keine Fische geben, sondern ihnen zeigen, wie man einen Fisch fängt."(Benno Zelsacher, DER STANDARD Printausgabe, 16./17.4.2011)

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    Haile Gebrselassie (wird am Montag 38 Jahre alt) erzählt vom Laufen und von Äthiopien.

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