Die Muster sozialer Unruhen

Die Revolutionen in Nordafrika und der Umwelt-GAU in Japan zeigen wie Komplexität, Konflikt und Katastrophe zusammenhängen

Am 24. Februar 2010 schoss die griechische Polizei bei Zusammenstößen im Zentrum Athens mit Tränengas auf die Demonstranten. Deren Aufmarsch, der von den Gewerkschaften organisiert worden war, hatte sich gegen die Sparpläne der Regierung zur Sanierung des größten Budgetdefizits in der EU gerichtet.

Der Präsident einer großen Gewerkschaft erklärte: "Die Menschen auf der Straße werden eine klare Botschaft an die Regierung, aber vor allem an die Europäische Union, die Wirtschaft und an unsere Partner in Europa richten, indem sie ihnen zu verstehen geben, dass Menschen und ihre Bedürfnisse über den wirtschaftlichen Interessen stehen müssen. Wir haben diese Krise nicht geschaffen."

Später verließen Fluglotsen, Zollbeamte, Lokführer, Ärzte an öffentlichen Spitälern und Lehrer ihre Arbeitsplätze, um gegen die Einsparungspläne der Regierung zu protestieren. Journalisten schlossen sich dem Streik an, und bewirkten derart ein Medienblackout.

In diesem Jahr erlebten wir, wie die langjährigen Machthaber in Tunesien und Ägypten das Land buchstäblich über Nacht verlassen mussten. Und derzeit sehen wir, wie Libyen von dem gleichen revolutionären Feuer erfasst wird und die Opposition das sich verschanzt habende Gaddafi-Regime bekämpft, um vierzig Jahre Unterdrückung zu beenden.

Oberflächlich gesehen scheint diese Art des zivilen Aufruhrs aus der allgemeinen Unzufriedenheit mit den jeweiligen Regierungen aufgrund von Arbeitslosigkeit, steigenden Nahrungsmittelpreisen, fehlenden Unterkünften und anderen Notwendigkeiten des täglichen Lebens zu entstehen.

Doch solche Erklärungen sind zu einfach und zu ungenau, denn sie erfassen nicht die "Wurzel" des sozialen Zusammenbruchs. Die tatsächliche Ursache liegt viel tiefer im sozialen System, nämlich in einer immer größer werdenden Kluft zwischen der "Komplexität" der Regierung und der "Komplexität" der Bevölkerung, die nicht mehr überbrückt werden kann.

Vor einigen Jahren vertrat der US-amerikanische Archäologe Joseph Tainter die Ansicht, dass Gesellschaften auf Krisen durch Steigerung ihrer Komplexität reagieren, um so ihre Probleme zu bewältigen. Doch jede Investition in Form von Ressourcen, die eine Gesellschaft hinzufügt - meist Energie oder Geld - erzielt weniger Wert als die vorherige Investition.

Unpassende Komplexitäten

So brauchen die zusätzlichen Investitionen die Ressourcen ohne entsprechende Wertsteigerung auf, bis der Grenzkapitalertrag der sozialen Komplexität in den negativen Bereich abfällt. Doch da die Gesellschaft nur weiß, wie man Probleme durch eine Steigerung der Komplexität löst, beginnt sie unter ihrem eigenen Gewicht zusammenzubrechen.

In Ägypten (sowie zurzeit in Libyen) stellt diese zusätzliche Komplexität, wie Futurologe Ramez Naam bemerkt, eine ganz besondere Art der Komplexität dar: nämlich Parasitismus. Und das ist eine der übelsten Formen der Komplexität, da sie immer mehr Ressourcen einer Gesellschaft aufbraucht, aber überhaupt keine Wertsteigerung bringt.

So hatte Ägypten eine staatlich gelenkte Wirtschaft, die jahrzehntelang schlecht geführt wurde. Sogar die merklichen Verbesserungen in den letzten Jahren waren zu dürftig und kamen zu spät. Außerdem ist das Land überaus korrupt - ungehemmter Kapitalismus durchzieht die gesamte gesellschaftliche Struktur. So ein Korruptionssystem beruht auf Bestechung von Beamten, um sich etwa einen Vertrag, einen Arbeitsplatz oder eine entsprechende Unterkunft zu sichern. Es kursiert sogar ein Gerücht, dass das Medikament Viagra nicht auf den Markt gebracht wurde, weil sein Hersteller Pfizer keine entsprechend hohe Bestechungssumme an den ägyptischen Gesundheitsminister für die Zulassung des Medikaments zahlte.

Diese parasitäre Misswirtschaft und Korruption bringen der Regierung sicher keine Steigerung an konstruktiver Komplexität, sondern tragen nur dazu bei, ein System mit einer bereits niedrigen Komplexität auf diesem Niveau einzufrieren.

Hingegen haben moderne Kommunikations- und soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook einen dramatischen Einfluss auf die Steigerung der sozialen Komplexität - doch diese Steigerung bezieht sich auf die Komplexität der Bevölkerung insgesamt, und nicht auf die Steigerung der Komplexität der Regierung.

Das ist auch der Grund dafür, dass die Regierungen, wenn sie angegriffen werden, solche Kommunikationstechniken routinemäßig ausschalten, da dadurch mehr Stimmen gehört und noch mehr weitverzweigte soziale Netzwerke gebildet werden. Es wird ein Punkt erreicht, an dem die Kluft zwischen dem stagnierenden Stand der Komplexität der Regierung und dem steigenden Niveau der Komplexität der Öffentlichkeit zu groß ist, um von Dauer zu sein. Fazit: Vertreibung des Mubarak-Regimes, und voraussichtlich auch der Sturz der Gaddafi-Regierung.

Ein Systemtheoretiker erkennt sofort das Prinzip, das einer Verringerung der Kluft zwischen der Komplexität der Systeme zugrunde liegt. Es nennt sich das Gesetz von der erforderlichen Varietät (Komplexität). Dieses Prinzip besagt, dass die Komplexität des regulierenden Systems mindestens so hoch sein muss wie die Komplexität des zu kontrollierenden Systems, um ein System vollständig regulieren oder kontrollieren zu können. Eine offensichtliche Folge davon ist, dass es dann, wenn die Kluft (in jede Richtung) zu groß wird, Ärger gibt. Und in den Worten der Politik heißt das Wort "Ärger" oft "Re-vo-lu-ti-on"!

Beispiele für solche Diskrepanzen gibt es im Überfluss: Eine Exempel, das einem dazu immer wieder einfällt, ist das Alte Rom, wo die herrschenden Klassen ihre politische und militärische Macht dazu nützten, die niederen Klassen zu unterdrücken, und das die Nachbarn überfiel, um von ihnen Steuern einzutreiben. Letztendlich wurden die gesamten Ressourcen der Gesellschaft darauf verwendet, um ein immer weiter wachsendes Reich in Gang zu halten, das zu komplex wurde, um es aufrechtzuerhalten. Die alte Zivilisation der Maya ist ein anderes gutes Beispiel. Und einige Gelehrte wie der britische Historiker Paul Kennedy behaupten, dass sich auch das US-amerikanische Imperium aus ganz ähnlichen Gründen im Niedergang befinde.

Solche Diskrepanzen in der Komplexität der Systeme sind auch nicht auf Politik oder Regierungen beschränkt, wie sich anhand der gegenwärtigen Krise in Japan zeigt, denn diese entstand aufgrund der aus den durch das Erdbeben am 11. März beschädigten Reaktoren austretenden Radioaktivität. Die Ursache liegt letztlich in einer Katastrophe, die den größten anzunehmenden Unfall noch übertraf: Ein Tsunami überflutete die Schutzwände, die dafür vorgesehen waren, das Wasser abzuhalten. Durch die Überflutung wurden elektrische Notstromgeneratoren beschädigt, die Strom für die Wasserpumpen zur Kühlung der Brennstäbe liefern sollten.

Hier haben wir es mit einem zweifachen Problem zu tun: Erstens waren die Schutzwände nur für ein Erdbeben der Stärke 8,3 ausgelegt - das größte, das Japan bis davor erlebt hatte - ohne ein stärkeres Beben in Betracht zu ziehen. Zweitens, was noch kritischer ist, wurden die Generatoren in so tiefer Lage gebaut, dass sie durch jede Überflutung kurzgeschlossen werden konnten. Also hing alles davon ab, ob die Schutzwände ihre Funktion erfüllen konnten, und das konnten sie nicht! Dies ist ein Fall von zu geringer Komplexität im Kontrollsystem (die Kombination aus der Höhe der Schutzwände und der Lage der Generatoren), die von zu hoher Komplexität in dem zu kontrollierenden System überwältigt wurde (das Ausmaß des Tsunami).

Wer ist der Nächste?

Wenn eine Gesellschaft zerfällt, wie zum Beispiel im Alten Rom, in den Vereinigten Staaten morgen oder in Ägypten und Tunesien heute, verliert sie rasch an Komplexität. Alle Institutionen, Gesetze und Technologien werden einfacher, und zwar wesentlich einfacher. Weiters verringert sich der Spielraum für soziale Rollen und Verhaltensmuster einer solchen Gesellschaft dramatisch.

Diese Faktoren führen zu einem schnellen Absinken des Lebensstandards, da eine große Bevölkerung ihren bisherigen Lebensstandard ohne komplexe Institutionen, Infrastrukturen, Technologien und gesellschaftliche Rollen nicht aufrechterhalten kann. Folglich konsumieren die Menschen weit weniger, bleiben zu Hause, leben zurückgezogen und sterben wesentlich früher.

Was können wir für das nächste Jahr oder die nächsten zwei Jahre erwarten? Eine wahrscheinliche Vermutung ist, dass die Menschen das Vertrauen in die Fähigkeit ihrer Regierungen, finanzielle Krisen zu bewältigen, verlieren und dass sie weiteren sozialen Stressfaktoren ausgesetzt sind, welche die Kluft in der Komplexität zwischen Regierung und Öffentlichkeit erweitern, sodass es zu gewaltsamen Protesten und/oder Anschlägen gegen diejenigen kommen wird, die sie für ihr Elend verantwortlich machen. Zu dieser Gruppe werden sicherlich Regierungsvertreter und Banker, aber möglicherweise auch Immigranten, ethnische und religiöse Minderheiten sowie Grundbesitzer oder Firmenchefs gehören.

Um das Bild noch eindrucksvoller zu gestalten, braucht man nur auf einer Landkarte dort Nadeln anzubringen, wo solche Gewalt bereits ausgebrochen ist, und zwar in Städten wie Athen, Sofia, Port-au-Prince, Riga und Vilnius. Sogar weit größere Städte wie Moskau, Rom, Paris und Dublin haben schwere Proteste angesichts der steigenden Arbeitslosigkeit und der sinkenden Löhne erlebt. Doch den Sicherheitskräften in diesen Städten ist es (bisher) gelungen, diese Proteste unter Aufrechterhaltung der Ordnung (wenn nicht sogar des Friedens) ablaufen zu lassen. Während solche sozialen Unruhen sehr wahrscheinlich auf regionale Schauplätze beschränkt sein werden, kann jedoch die Möglichkeit nicht gänzlich ausgeschlossen werden, dass sich die globale wirtschaftliche Situation verschlechtert und dass einige dieser regionalen Vorkommnisse die nationalen Grenzen überschreiten, sich stark verbreiten, und zu lang andauernden Verwicklungen führen könnten. Bewaffnete Aufstände, Militärcoups und sogar Kriege zwischen einzelnen Staaten um den Zugang zu Ressourcen sind nicht auszuschließen.

Frühwarnsysteme

Jeder zivile Aufruhr folgt demselben zweiteiligen Muster: dem Mangel an Vertrauen in die Fähigkeit bestehender Institutionen, die vorliegenden Probleme zu lösen, und der Angst vor der Zukunft. Also wird jede Methode zur Erstellung eines Frühwarnsystems für soziale Unruhe diese zwei Faktoren berücksichtigen müssen. Und die theoretische Grundlage für diese Theorie wurde bereits vor einem halben Jahrhundert vom US-amerikanischen Politikwissenschafter James D. Davies erstellt.

Wie alle großen Einsichten ist auch Davies' Konzept einfach: Soziale Unruhe entsteht dann, wenn die wachsenden Erwartungen einer Gesellschaft plötzlich zerschlagen werden. Mit anderen Worten: Die Stimmung einer Gesellschaft in Bezug auf ihre Zukunftsaussichten steigt in Proportion zum Reichtum dieser Gesellschaft. Wird aber diesen Hoffnungen auf eine bessere Zukunft die Grundlage entzogen, schlägt die Stimmung um, und zwar plötzlich. Mit einer zunehmend größer werdenden Kluft zwischen Erwartungen und Realität bewegt sich die Stimmung der Bevölkerung immer tiefer in den negativen Bereich und kumuliert schließlich in Gewalt und Revolution.

Um Davies' Behauptung zu illustrieren, nehmen wir doch einen Beitrag aus der Abteilung "Hier passiert das sicher nicht". In einem kürzlich erschienenen Artikel im Magazin Vanity Fair wies Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stieglitz darauf hin, dass die USA in Sachen Einkommensgerechtigkeit hinter jedem europäischen Land nachhinkt. Gemeinsam mit Russland und seinen Oligarchen oder dem Iran gehören die Vereinigten Staaten zu jener Kategorie von Ländern, in denen ein Prozent der Bevölkerung 40 Prozent des Reichtums kontrolliert.

Ähnlich wie in den Ländern Nordafrikas und der arabischen Welt befinden sich auch hier zwei Systeme in einem Konflikt. Nur stehen sich in entwickelten Ländern wie den Vereinigten Staaten nicht die Regierung und die Bevölkerung gegenüber. Es sind viel eher die beiden Gruppen der Wohlhabenden und der Nichtshabenden.

In einer Gesellschaft wie der US-amerikanischen, die in Sachen Wohlstand streng getrennt ist, leben die Reichen einen hochkomplexen Lebensstil, der ohne eine Regierung auskommt, die sich um Bedürfnisse der Allgemeinheit wie ein öffentliches Bildungssystem, Versicherungen, ein Gesundheitssystem für alle oder öffentliche Parks kümmert. Die Reichen können selbst für all das aufkommen.

Tatsächlich trifft auf Personen, die einem solch hochkomplexen Lebenswandel frönen, auch zu, dass ihnen eine starke Regierung Sorgen bereitet - also eine Regierung, die diesen Lebenswandel etwa durch höhere Steuern beschneidet. Diese Haltung führt bei den Nichtshabenden dazu, dass die bereits geringe Komplexität ihres Lebens noch geringer wird. Und das wiederum führt zu einem Gefühl der Entfremdung - nämlich in einem ungerechten System mit schrumpfenden Chancen zu leben. Klingt das bekannt?

Die steigenden Preise für Nahrungsmittel, wachsende Jugendarbeitslosigkeit, Mangel an adäquaten Unterkünften und Bildung sind genau die oberflächlichen Gründe für jene Revolutionen, die heute in Afrika und im Nahen Osten stattfinden.

Frage: Wann wird das in die USA gelangen? Wir würden gerne eine Methode entwickeln, mittels deren wir erkennen können, wann diese Kluft zwischen den Reichen - das heißt: ihren hochkomplexen Lebensstilen - und den Armen mit ihrem unterkomplexen Leben ein untragbares Ausmaß annimmt. Aber wie macht man das?

Der erste Schritt zur Identifizierung der "Gefahrenzone", an der sich die Kluft zwischen Erwartungen und Realität bis zu einem unakzeptabel gefährlichen Grad erweitert, besteht darin, die Erwartungen der Gesellschaft, d. h. die soziale Stimmung, zu messen. Diese Stimmung ist im Grunde die Einstellung, die eine Gesellschaft zu ihrer Zukunft hat: optimistisch (positiv) oder pessimistisch (negativ), und zwar in einem Zeitrahmen, zum Beispiel in Wochen, Monaten, Jahren oder auch längerfristig.

Dann suchen wir nach den Wendepunkten in diesem "Soziometer" als Indikator dafür, wann die Gesellschaft von einem psychologischen Allgemeinzustand in einen anderen umschlägt. Natürlich ist der wirklich kritische Moment der Gefahrenzone dort, wo die soziale Stimmung vom Positiven ins Negative dreht, da die Stimmung einer Gesellschaft an diesem Punkt von Hoffnung in Verzweiflung kippen kann. Das ist genau der Moment, an dem nach Davies' Theorie eine hohe Wahrscheinlichkeit für zivilen Aufruhr besteht. (ohn L. Casti /Übersetzung: Ingrid Teply-Baubinder/DER STANDARD, Album 15./16.4.2011)

John L. Casti (casti@iiasa.ac.at) ist Forscher am Internationalen Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg bei Wien und Gründer des Kenos Circle, einer Gesellschaft für Zukunftsforschung mit Sitz in Wien.

Sein vor kurzem erschienenes Buch trägt den Titel "Mood Matters: From Rising Skirt Lengths to the Collapse of World Powers" (Copernicus Books, New York, 2010).

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