Kennedys "höllische Art, Dinge zu lernen"

15. April 2011, 17:03
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Die US-Invasion in der Schweinebucht vom 17. April 1961 endete im Fiasko

John F. Kennedy mochte Richard Bissell. Der war forsch, gedankenschnell und witzig. Der Absolvent der Eliteuniversität Yale hatte den neu gewählten Präsidenten entzückt, als er sich bei einem feuchtfröhlichen Abendessen mit den launigen Worten vorstellte, er sei ein "menschenfressender Hai".

Bei Bissell, dem stellvertretenden Direktor der CIA, fühlte sich Kennedy an einen seiner liebsten literarischen Helden erinnert - an James Bond, den eleganten Draufgänger und Frauenschwarm, mit dem er sich gut identifizieren konnte. 1960, noch bevor er ins Oval Office einzog, hatte er Ian Fleming, den Schöpfer von 007, vertraulich um Rat gebeten. Wie er am besten mit Fidel Castro umgehen solle, wollte er wissen. Vielleicht sollte man Gerüchte streuen, wonach der Kubaner impotent sei, war Fleming eingefallen.

So war damals die Stimmungslage und Bissell die treibende Kraft. Castro habe daheim keine echte Hausmacht, weder in der Öffentlichkeit noch in der Armee, redete der Geheimdienst-Vize dem Neuling im Oval Office ein. Kennedy vertraute dem schneidigen Mann aus der Schattenwelt. In Guatemala übten Exilkubaner unter Anleitung amerikanischer Ausbildner bereits für eine Landung an der Südküste der Zuckerinsel. Dass die Rebellen Castro aus eigener Kraft stürzen könnten, hielt nicht einmal der kühne Optimist Bissell für möglich. Vielmehr sollten sie Brückenköpfe halten, für zwei, vielleicht vier Wochen, und so eine flächendeckende Massenrevolte auslösen.

Bedenken bei Diplomaten

Zwar äußerte das State Department Bedenken, zwar veranschlagte ein Staatssekretär namens Chester Bowles die Erfolgschancen des Abenteuers mit höchstens eins zu drei. Aber JFK lagen sie nicht, die vorsichtigen Diplomaten im Außenministerium. "Wenn ich schnell Material brauche oder schnell eine Idee, ist die CIA die richtige Adresse." Immerhin, der Harvard-Historiker Arthur Schlesinger, ein enger Vertrauter, hielt tapfer dagegen. "Eine solche Aktion droht auf einen Schlag alles zunichte zu machen, was der neuen Administration überall in der Welt an gutem Willen zuteil wurde." Dean Acheson, der Ex-Außenminister, war noch direkter. Als Kennedy schätzte, dass 1500 Angreifern 25.000 kubanische Soldaten gegenüberstehen, brachte er es lakonisch auf den Punkt. Man müsse nicht erst Prüfer von Price-Waterhouse fragen, um zu erkennen, dass "1500 nicht so gut sind wie 25.000".

Dennoch, im Weißen Haus stempelte eine Art Gruppendynamik die nüchternen Köpfe schnell zu Außenseitern. "Keiner wollte als Weichling gelten", zitiert der Buchautor Peter Beinart einen anonymen Berater. Die CIA möge die Rebellen in Marsch setzen, ordnete der Präsident schließlich an, und dafür sorgen, dass niemand US-Fingerabdrücke sehe. Reines Wunschdenken. Havanna hatte längst Wind bekommen. Selbst im schlimmsten Fall, versicherte Bissell, sobald Zweifel aufkamen, könnten die Exilanten von der Schweinebucht immer noch in die Berge fliehen, um von dort einen Guerillakrieg zu führen. Was er zu erwähnen vergaß, war, dass zwischen Strand und Gebirge ausgedehnte Sümpfe liegen.

Als sich schon kurz nach Beginn der Operation "Bumpy Road" ein Fiasko abzeichnete, bekam Kennedy kalte Füße. Anderthalb Tage lang hatten die Rebellen ihren CIA-Ausbildern gefunkt, dass sie dringend Luftunterstützung brauchen. JFK wollte nichts davon wissen, er fürchtete internationale Proteste. "Es ist eine höllische Art, Dinge zu lernen", zitiert ihn sein Biograf Robert Dallek aus einer Krisensitzung. "Wenn ich eines gelernt habe aus diesem Desaster, dann, dass ich mich mit der CIA beschäftigen muss." (Frank Herrmann aus Washington, STANDARD-Printausgabe, 16./17.04.2011)

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    Fidel Castro spricht mit in der Schweinebucht gefangengenommenen Angreifern. Die Aktion war ein enormer PR-Erfolg für die Kubaner.

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