"Sehr präzise und trotzdem unerklärlich"

15. April 2011, 17:05
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Regisseurin Nanouk Leopold bei "Crossing Europe"

Linz - Den Film Iles flottantes (2000) rahmt ein Ritual: Drei aufgeweckte Freundinnen Anfang dreißig gehen schwimmen, auf die Sonnenbank und schließlich vor den Spiegel zum Bräunemessen. Diese ersten und letzten Szenen des Films sind beinahe identisch. Kleine Veränderungen weisen aber darauf hin, dass sich vom einen zum anderen Hallenbadbesuch etwas verschoben hat, eine zunächst leichte Komödie schnell ganz hart an existenzielle Belange rührte.

Solche Umschwünge, egal ob als abrupte Wendung oder als schleichende Unterminierung eines Geschehens, sind ein Charakteristikum im Werk der Rotterdamer Regisseurin Nanouk Leopold. Ihre eigenwilligen elliptischen Erzählungen, feingliedrige Reflexionen gegenwärtiger Verhältnisse, kreisen um Familien, Paare, Freundeskreise, in deren Alltag Irritation einkehrt. Manchmal als Resultat einer konkreten Erfahrung wie in Guernsey (2005) oder Wolfsbergen (2007). Manchmal aber auch scheinbar unmotiviert, wie in ihrem aktuellen Film Brownian Movement, in dem eine offenbar glücklich verheiratete Medizinerin in einer eigens angemieteten Wohnung fremde Männer zum Sex empfängt.

Der Titel bezieht sich auf ein Naturphänomen, das wiederum eine Form von Zufälligkeit inkludiert, die exakt beschrieben werden kann. Sie habe, so Leopold im STANDARD-Gespräch, darüber gelesen und sofort gewusst, "das ist es: präzise und trotzdem unerklärlich sein." Das Fragmentarische ihrer aus klaren Bildern gebauten Erzählungen nehme sie selbst gar nicht so stark wahr: "Auch für mich ist zum Beispiel ein Mysterium, wie meine Heldin diese Männer eigentlich aussucht. Aber ich mag es, etwas vorzugeben, dem man einfach folgt. Erst langsam beginnt man zu denken - wie kam es bloß dazu? Und das erkläre ich dann nicht, denn an diesem Punkt steigen die Zuschauer mit ihrer Fantasie ein."

Häufig wäre dies wohl auch genau der Punkt, an dem Produzenten mehr Klarheit verlangen, aus Angst, die Zuschauer könnten statt ein- womöglich aussteigen. Nanouk Leopold hat allerdings seit ihren Kurzfilmen ab Mitte der 90er-Jahre in Stienette Bosklopper eine Verbündete, die ganz dezidiert an Kontinuität und an der Herstellung eines OEuvres mit einer eigenständigen Handschrift interessiert ist: "Man ist letztlich weniger verwundbar, wenn sich das Publikum für ein Werk interessiert und einen längerfristig begleitet. Es gibt dieses dramaturgische Konzept, dass man den Zuschauern zunächst Information vorenthält, um sie dann mit Information zu belohnen. Das soll jetzt nicht despektierlich klingen, aber Nanouks Filme sind eben für Menschen, die genau das langweilig finden, weil sie es durchschauen."

Nach vier international vielbeachteten Kinofilmen - das neue Projekt, eine Adaption des Romans Boven is het stil von Gerbrand Bakker, ist in Vorbereitung - liest sich diese Kollaboration als Erfolgsgeschichte, die sich trotzdem auf schwankendem ökonomischen Boden bewegt. Mit Brownian Movement hat man ein Budget von 2,7 Millionen Euro erreicht. Nicht zuletzt deshalb ist der Film als Koproduktion mit deutschen und belgischen Partnern entstanden.

Einfacher wird es nicht: Auf europäischer Ebene konkurriert man bei vielen regionalen Fördergebern mittlerweile mit etablierten Autoren wie von Trier oder Haneke. In den Niederlanden wiederum herrsche zunehmend ein Klima, wonach Kultur "dieses oberflächliche Zeug ist, das man nicht braucht". Noch in diesem Jahr wird es wohl Kürzungen um 20 Prozent bei der Filmförderung geben. Mehr Sorgen macht der Produzentin fast noch das Fernsehen: "Da wird es etliche Merger geben, unter anderem wird VPRO, der Nanouks Filme gefördert hat, wahrscheinlich mit einem kommerzielleren Sender zusammengehen. Und wenn man keinen Sender hat, ist man erledigt, dann ist es eigentlich völlig unmöglich, Filme zu machen. Aber dann müssen wir uns eben ein billigeres Projekt überlegen, mit einer einzigen Location, irgendetwas Verrücktes. Ich glaube nicht an Angst." 8Isabella Reicher, DER STANDARD - Printausgabe, 16./17. April 2011) 

Bis 17. 4.

  • Sandra Hüller in "Brownian Movement".
    foto: crossing europe

    Sandra Hüller in "Brownian Movement".

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