"Die meisten Geschichten werden immer noch zu spät erzählt"

15. April 2011, 17:01
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Ist der "Kulturkrieg" zwischen alten und neuen Medien vorbei? Auf der re:publica schien es den Anschein zu haben, dass die alten Grabenkämpfe zwischen Print- und Online-Angeboten tatsächlich der Vergangenheit angehören

Ist der "Kulturkrieg" zwischen alten und neuen Medien vorbei? Auf der re:publica, der nunmehr fünften selbstorganisierten Bloggerkonferenz in Berlin, schien es den Anschein zu haben, dass die alten Grabenkämpfe zwischen Print- und Online-Angeboten tatsächlich der Vergangenheit angehören. Der Grund für den Optimismus: Mit den Enthüllungen auf der whistleblower-Plattform "Wikileaks" sei eine neue und gute Form der Zusammenarbeit von Internet- und Print-Kultur gelungen. 

Dass Wikileaks ausgerechnet für diese exklusiven Partnerschaften mit alteingesessenen Medien gescholten wurde, zeigt, dass doch nicht alles eitel Wonne ist. Der Exklusivitätsanspruch auf eine Story ist vielen NetzaktivistInnen ein Dorn im Auge, weil sie dadurch das Recht auf gleichen Informationszugang verletzt sehen. Ex-Wikileaks Mitglied und "OpenLeaks"-Gründer Domscheit-Berg ist zwar auch davon überzeugt, dass Informationen durch Medien eingeordnet und kontextualisiert werden müssen, will ihre Exklusivitätsansprüche aber zeitlich beschränken. Bis jetzt hat die Leaks-Platform ihre Arbeit noch nicht aufgenommen. 

Offenbar bringt das Netz also neue Fähigkeiten in den Journalismus ein, etwa den Zugang zu bisher geheimen Daten und die Mitarbeit von vielen. Dass das Netz die Berichterstattung aber nachhaltig durchlässiger und transparenter macht, bezweifelt der Journalistik-Hochschullehrer Lutz Hachmeister: "Wir alle wissen mehr, als publiziert wird, auch ohne das Netz. Trotz dieser Enthüllungsplattformen werden die meisten Geschichten zu spät erzählt - dagegen hilft nur professioneller Journalismus." Auf dem Panel "Whistleblowing und Journalismus" widersprach er auch der Annahme, dass Medien immer exklusiv berichten wollen. "Das Gegenteil ist der Fall: Aufgrund der Eliten-Verflechtung wollen heute ganz viele Medien nicht mehr als erste berichten." 

Echokammern

Die Frage, ob die BürgerInnen an die relevanten Informationen überhaupt (noch) herankommen, beschäftigt den Medienpädagogen und Programmierer Thomas Pfeiffer aus einer anderen Richtung. Er untersucht Netzöffentlichkeit im Hinblick auf ihre Fragmentierung. Von "Echokammern" spricht man, wenn Menschen sich nur noch in ihrer eigenen Netzcommunity bewegen und keine Nachrichten, die sie nicht selbst gewählt haben, mehr rezipieren. Pfeiffer ist überzeugt davon, dass sie existieren, gleichzeitig sieht er aber auch Hinweise, dass die Social Media-Communities ausreichend durchlässig sind. "Wir haben allerdings das Problem, dass Freiheit im Internet als Konsumenten-Freiheit definiert wird". Für Demokratie sei es aber notwendig, auch mit Themen und Meinungen in Berührung zu kommen, die nicht den eigenen Interessen und Positionen entsprechen. Aus diesem Grund hält er die klassischen Medien mit ihrer Position des "neutralen Beobachters" auch für unerlässlich. "Es gibt keine Krise des Journalismus, wohl aber eines des Geschäftsmodells." Das Bewusstsein, dass Inhalte auch etwas wert seien, müsse zum Teil erst wieder erlernt werden, zum Beispiel durch einen flattr-Button (Online-Donation-System, Anm.) auf der Seite.

Neues Selbstbewusstsein

Die neuen Medien und sozialen Plattformen sind selbstbewusster geworden, was ihre gesellschaftliche Bedeutung betrifft. Davon zeugen Whistleblower-Plattformen ebenso wie die Cyber-AktivistInnen im arabischen Raum. Für die Herstellung einer politischen Öffentlichkeit werden aber weiterhin die klassischen Medien benötigt, diese Erkenntnis setzt sich auch in der Netzcommunity immer mehr durch. (Ina Freudenschuss, derStandard.at, 15.4.2011)

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