Einmal Wien-Baden-Nizza und retour

18. April 2011, 16:45
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Gunter Haug erläutert, welche Rolle "Das Fräulein Mercedes" und derösterreichische Kaufmann Emil Jellinek in der Automobilgeschichte spielten

Wüssten Sie ad hoc, was Emil Jellinek, Sohn eines Wiener Oberrabbiners, dessen Tochter, die Bildhauer Rudolf Weigl und Josef Valentin Kassin sowie dessen im Kurpark zu Baden befindliche Skulptur des Undine-Brunnens mit der Frühgeschichte des Automobils verbindet? Dass vor 125 Jahren, anno 1886, mit der Patentierung eines von Carl Benz konstruierten "Fahrzeugs mit Motorenantrieb" die Historie des Automobils begann, ist hinlänglich bekannt. Dass die Weiterentwicklung des Automobils maßgeblich durch den österreichischen Kaufmann Emil Jellinek gefördert wurde, dekuvriert Gunter Haug ebenso wie den wahren Hintergrund der sagenumwobenen Namensgebung einer der bis heute bekanntesten Marken in seinem historischen Roman Das Fräulein Mercedes.

Bei der Recherche zu seinen Romanen Gottlieb Daimler - Der Traum vom Fahren und Robert Bosch - Der Mann, der die Welt bewegte stieß der Historiker auf Emil Jellinek, den ersten Autohändler der Welt, der durch Weitblick und kompromisslose Forderungen nach besserer Qualität, Sicherheit und Leistungsfähigkeit den Pionieren Bosch und Daimler maßgeblich zum Erfolg verhalf. Haug beschreibt in seinem etwas blumig geschriebenen, auf penibel recherchierten Fakten basierenden Historienroman die dekadent-luxuriöse Vita des exzentrischen Händlers, der zum kaiserlich-königlichen Honorarkonsul an der Côte d'Azur aufsteigen sollte, dessen glanzvolles und amouröses Leben zwischen Wien und Nizza und die dramatische Lebensgeschichte seiner ältesten Tochter, der Auto-Namenspatin Mercedes Adrienne Ramona Manuela Jellinek (1889-1929).

Die Meriten des Romans liegen darin, keine übliche Biografie, kein sich in technischen Details verlierendes Sachbuch, sondern ein Kaleidoskop mit detailliert-opulentem Zeitkolorit, eine belletristische Abrundung zum Jubiläumsjahr zu sein. Interessant wäre es aber gewesen, auch den Untergang der Familie, deren Enteignung durch die Nazis und die nicht erfolgte Restitution des Vermögens zu beschreiben, statt sich nur in der vordergründig glamourös-heilen Welt der bourgeoisen Monarchie zu verlieren. (Gregor Auenhammer/jDER STANDARD/Automobil/15.04.2011)

  • Gunter Haug: "Das Fräulein Mercedes".€ 19,90 / 459 S., 
Masken-Verlag, Stuttgart 2011
    foto: masken-verlag

    Gunter Haug: "Das Fräulein Mercedes".
    € 19,90 / 459 S., Masken-Verlag, Stuttgart 2011

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