Die Analyse zum Salzburger Meisterstück

15. April 2011, 05:31
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In ihrem siebten Spiel hat die Finalserie der EBEL einen verdienten Sieger gefunden. Die Analyse dazu in unserem Eishockey-Blog

Bei sechs der vorangegangenen sieben Auftritte in Klagenfurt verließ der EC Salzburg das Eis als Verlierer, im die Meisterschaft entscheidenden Finalspiel am Donnerstagabend waren die Bullen aber voll da und holten sich mit einem 3:2-Erfolg nach Verlängerung (Nachlese des Live-Tickers) den vierten Titel in den letzten fünf Jahren. Es spricht für die besondere Qualität des Salzburger Teams, dass man einmal mehr genau zum richtigen Zeitpunkt die erforderliche Leistung abrufen konnte.

Die Stunde des Erfolgs

Letztlich ist Salzburg auch in diesem Jahr ein würdiger Meister, das Team von Pierre Pagé war in der Finalserie das bessere - weil kompaktere - Team. Allerdings darf in der Betrachtung der Spielzeit auch das, was vor den sieben Endspielen passiert ist, nicht ausgeblendet werden. Der Klub hat im Grunddurchgang §3(4) der EBEL-Grundregeln ("Zu jedem Spiel soll die jeweils spielstärkste Mannschaft nominiert werden") nicht nur bei einer Gelegenheit sehr großzügig ausgelegt, das Verhalten einzelner Vereinsvertreter hat ligaweit für einigen Unfrieden gesorgt. Ein sportlicher Wettstreit ist kein Sympathiekontest, in der Regel setzt sich jener durch, der zielgerichteter arbeitet. Wenn sich in diese Fokussierung aber ein gewisses Maß an Sturheit und Betriebsblindheit mischt, sorgt dies doch auch für so manchen Kratzer im strahlenden Antlitz des schlussendlichen Triumphators. Ein Gedanke, der am Abend des großen Erfolgs nicht unter den Tisch gekehrt werden soll.

Powerplay KAC

Im Gegensatz zu den bisherigen Finalspielen blieb im "Game 7" der Salzburger Blitzstart aus, was vornehmlich daran lag, dass der KAC in vier der ersten fünfeinhalb Minuten in Überzahl agierte. Mit zwei sehr bescheidenen Powerplays ohne zählbaren Erfolg verpasste es der Rekordmeister, früh in Führung zu gehen. Zwar sollten an diesem Abend schließlich beide Treffer der Rotjacken bei numerischer Überlegenheit fallen, aus Sicht des KAC war das Powerplay trotz 25-prozentiger Erfolgsquote aber einer der Hauptgründe für den Verlust der Finalserie. Zu leicht auszurechnen waren die Klagenfurter, bei denen der "Österreicher-Block" in ganzen 35 Überzahlspielen ohne Torerfolg blieb.

Das Spiel flacht ab

Besser machten es die Gäste, die gleich ihr erstes Powerplay des Spiels in einen Treffer ummünzen konnten: Matthias Trattnig, einer jener Spieler, die diese Finalserie besonders prägten, erzielte nach knapp zehn Minuten die Führung für Salzburg. Diese konnte der KAC sechs Minuten später ausgleichen. Am Papier ebenfalls ein Überzahltreffer, de facto aber ein mehr dem Glück denn dem gewieften Ausnützen der numerischen Überlegenheit geschuldetes Tor: Fureys Pass in den Slot wurde zunächst vom Schlittschuh von Mike Craig und letztlich vom Eisen eines Salzburger Verteidigers ins Gehäuse gelenkt.
Ein auch bis zu diesem Zeitpunkt eher mäßiges Eishockeyspiel verflachte in der Folge zusehends. Was wohlwollend als Duell zweier sich neutralisierender Teams beschrieben werden kann, war in dieser Phase ein speziell im Vergleich zur vorangegangenen Partie tempoarmes Match zwischen schaumgebremsten Mannschaften, die primär danach trachteten, keine Fehler zu begehen. Bis zu einem gewissen Grad aufgrund des meisterschaftsentscheidenden Charakters des Spiels nachvollziehbar, angesichts des großen dadurch ungenützten spielerischen Potentials dieser beiden Teams jedoch auch etwas enttäuschend.

Erneute Gästeführung, erneuter Ausgleich

Fahrt nahm das Spiel erst wieder in der Schlussviertelstunde auf, jener Phase, die letztlich auch die Meisterschaft entscheiden sollte. Steve Regier brachte Salzburg in der 52. Minute in Führung und krönte damit seine starke Finalserie: Der Kanadier scorte in sechs der sieben Spiele und beendete keine der Partien mit einer negativen Plus/Minus-Bilanz. Wie Bois, Abid oder Heshka, allesamt im Grunddurchgang mit nicht immer überzeugenden Performances, war auch bei ihm in den Play-Offs eine deutliche Leistungssteigerung zu konstatieren. Salzburg wurde damit speziell in der Offensive gefährlicher, das Bedrohungspotential breiter gestreut.
Der KAC konnte in diesem Spiel jedoch nochmals zurückschlagen: Zwei Sekunden vor dem Ende eines weiteren an sich wenig überzeugenden Überzahlspiels glichen die Rotjacken die Partie in der 56. Minute aus. Mike Craig bediente bei seinem wohl letzten Auftritt im rot-weißen Trikot den im Slot stehenden Tyler Scofield. Der Topscorer der diesjährigen Play-Offs punktete damit in jedem der sieben Finalspiele.

Kochs "Doppelpack"

Große Aufregung dann knapp zweieinhalb Minuten vor dem Ende: Im Salzburger Powerplay wurde Thomas Koch am Torraum stehend mustergültig angespielt und konnte die Scheibe ohne große Probleme ins Tor schieben. Das Schiedsrichterduo Berneker/Trilar bemühte den Videobeweis, interpretierte die Bilder aber mehr als eigenwillig und verweigerte dem völlig korrekten Treffer Salzburgs die Anerkennung. Ein glattes Fehlurteil.
Somit blieb es beim Unentschieden, der Spannungsbogen wurde in die Overtime gezogen, die mit einer 105 Sekunden dauernden 4-gegen-3-Überzahl für die Gastgeber begann. Salzburg überstand die Strafzeit, ging danach sofort in den Angriff über und wurde belohnt. Ausgerechnet Thomas Koch, fünf Spielminuten zuvor noch um einen Treffer gebracht, machte das Championship Winning Goal - Geschichten, wie sie das Eishockey schreibt.

Ein verdienter Sieger

"Die Gerechtigkeit hat gesiegt", gab der Goldtorschütze nach dem Spiel nicht ganz frei von Pathos zu Protokoll. Etwas nüchterner betrachtet ist der Grundtendenz dieser Aussage durchaus zuzustimmen, zumindest was den Verlauf der gesamten Finalserie betrifft. Salzburg war in diesen sieben Spielen das bessere Team, es war im Angriff variabler, in der Defensivarbeit konsequenter. Siebzehn Bullen gingen aus den Endspielduellen mit einem positiven Plus/Minus-Rating hervor, beim KAC waren es mit Scofield und Spurgeon nur zwei. Zu stark war Klagenfurts Offensivspiel von den beiden flinken Kanadiern abhängig, zu sehr sackte in ihrem Schatten die Produktivität österreichischer Führungsspieler - so etwa von Dieter Kalt und dem angeschlagenen David Schuller, die die Serie jeweils punktelos und mit gemeinsam -15 beendeten - ab. Der KAC-Abwehr, in der mit Johannes Kirisits nur ein einziger Crack ausgeglichen bilanzieren konnte, fehlte mit Herbert Ratz (+19 im Grunddurchgang) ein wesentlicher und stabilisierender Faktor, im Angriff hätte die Besonnenheit eines Jeff Shantz dem Spiel der Rotjacken wohl ebenfalls gut getan.

Höneckl als Rising Star

Salzburgs Vorteile in der Finalserie fußten einmal mehr auf dem großen Kader. Er ermöglichte Pierre Pagé eine Niederlage vor dem Saisonende einen überraschenden personellen Kniff (siehe Analyse zu Spiel sechs) und ließ im die Serie wohl vorentscheidenden Spiel vom Dienstag eine 60minütige Tempo- und Offensivdemonstration zu. Wenn die Bullen am Freitag ab 17 Uhr im Volksgarten den vierten Titel ihrer Klubgeschichte feiern, wird der lauteste Jubel aber wohl Thomas Höneckl gehören. Der 21jährige Goalie, der nie zuvor ein in einem Play-Off-Spiel in der EBEL startete, brachte nach nervösem Beginn ein starkes Spiel sechs aufs Eis und überbot diese Leistung mit einer sehr souveränen Darbietung in der entscheidenden Partie nochmals.
Wie groß der Beifall für Salzburgs Headcoach ausfallen wird, bleibt abzuwarten. Während sich sein Team am Eis der Stadthalle in den Armen lag, war Pagé schon geflüchtet. Angesichts der massiven und teilweise die Grenzen der Fairness deutlich überschreitenden Ablehnung, die seiner Person während dieser Finalserie in Kärnten entgegen schwappte, ist das nachvollziehbar. In Erinnerung bleibt jedoch auch, dass Salzburgs Trainer schon nach den entscheidenden Erfolgen im Viertel- und Halbfinale, beide errungen in den sicheren heimischen Gefilden, nicht zu den Shakehands am Eis erschienen war. Respekt gebührt im Sport nicht nur dem Champion. (Hannes Biedermann; derStandard.at; 15.April 2011)

 

  • Newcomer Thomas Höneckl kassierte bei seinen Finaleinsätzen nur 1,95 Gegentore pro Spiel und konnte 94,4 Prozent der Torschüsse abwehren.
    foto: gepa/redbull/oberlaender

    Newcomer Thomas Höneckl kassierte bei seinen Finaleinsätzen nur 1,95 Gegentore pro Spiel und konnte 94,4 Prozent der Torschüsse abwehren.

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