Die Würfel werden laufend fallen

15. April 2011, 09:40
10 Postings

Der London-Marathon ist nicht nur eine Laufveranstaltung sondern auch die größte jährlich stattfindende Benefiz-Veranstaltung. Hobbyläufer Uli Kilian ist einer der Charity Runner, er will sich ins Guinness Buch der Rekorde eintragen

London - Für viele Marathon-Läufer geht es am Sonntag in London nicht nur gegen die Uhr und den inneren Schweinehund, sondern auch um eine schöne Menge Geld. Der Sieger der 31. Auflage wird einen Siegerscheck über 130.000 Dollar stemmen, im hinteren Feld geht es indes um Millionen. Für den guten Zweck wohlgemerkt. Der London-Marathon gilt laut Guinness Buch der Rekorde als größte jährlich stattfindende Benefiz-Veranstaltung. Seit 1981 gingen nicht weniger als 506 Millionen Pfund ein, allein im vergangenen Jahr wurden 50,6 Millionen eingesammelt und damit ein neuer Rekord aufgestellt.

Angesichts dieser beeindruckenden Zahlen ist es verständlich, dass Hobbyläufer Uli Kilian sich nur als "als kleines Licht unter sehr, sehr vielen" bezeichnet. 3000 Pfund möchte der 35-jährige mit seiner Teilnahme lukrieren und damit die englische "Prostate Cancer Research Foundation" unterstützen. Die profitierende Organisation wurde von Kilian nicht zufällig ausgewählt, wie so viele "Charity Runner" handelt er aus persönlichen Motiven, sein Vater erkrankte an Prostatakrebs. Und gerade weil dessen Therapie erfolgreich verlief, will er nun "etwas zurückgeben, auch wenn es bloß Symbolcharakter hat. Ohne die Forschung wäre mein Vater heute wohl nicht mehr am Leben."

Laufend ausruhen

Ob das Überleben frühgeborener Kinder oder der Kampf gegen die Stigmatisierung psychisch kranker Menschen, die Anliegen der Athleten sind vielfältig. Knapp 80 Prozent der Teilnehmer laufen im Zeichen einer Idee, die finanzieller Hilfe bedarf. Um unter den mehr als 36.000 Teilnehmern nicht unterzugehen, muss man sich aber schon etwas Spezielles einfallen lassen. So lief der Brite Lloyd Scott 2002 mit fünf Tagen Verspätung ins Ziel: Er hatte sich einen sechzig Kilogramm schweren Taucheranzug aus den 40er Jahren angezogen, um für krebskranke Kinder zu sammeln. 100.000 Pfund standen am Ende des ausgedehnten Spaziergangs auf der Habenseite.

Auch Uli Kilian will etwas Besonderes leisten und sich damit ins Guinness Buch der Rekorde eintragen: im Laufe des Rennens will er hundert der sogenannten Zauberwürfel lösen, für jeden Rubik's Cube stehen ihm also 421,95 Meter zur Verfügung. Klingt schwierig, sollte für den Deutschen allerdings machbar sein: "21 Sekunden sind meine persönliche Bestleistung." Laufend geht die Lösung natürlich langsamer vonstatten: "Eine Minute lösen, eine bis eineinhalb Minuten ausruhen". Ausruhen heißt in diesem Fall laufen. Zwei Mal ging Kilian bisher über die Marathondistanz und blieb dabei jeweils unter vier Stunden. Diesmal wird es aufgrund der Nebenbeschäftigung wohl etwas länger dauern, zumal "ich mit den Armen keine Ausgleichsbewegungen machen kann."

Logistische Herausforderung

Die Problematik der Aufgabe sieht der Läufer weniger in der Leistung denn in der Logistik. Ein Würfel wiegt 100 Gramm, deren hundert folglich zehn Kilo. Zu viel um lockeren Schrittes durch London zu schreiten. Die Lösung liegt am Streckenrand, dort nämlich postieren sich Freunde und Familie, um an vier Stellen je zwanzig Würfel zu überreichen. Kilian muss sich also streng an den vorgegebenen Rhythmus halten. Und obendrein stets die Augen offenhalten: erstens um dem Vordermann nicht auf die Fersen zu treten, zweitens um im Getümmel keinen Helfer zu übersehen.

Des Würfels Lösung in 21 Sekunden, dies scheint dem ungeübten Spieler undenkbar. Dass es aber noch deutlich schneller gehen kann, bewies zuletzt der Australier Feliks Zemdegs in unglaublichen 6,65 Sekunden. "Absolut unerreichbar" sagt Kilian zu diesem offiziell anerkannten Weltrekord. 2008 sah der Deutsche auf YouTube ein Video von Erik Akkersdijk, der Niederländer wurde dem Würfel in 7,08 Sekunden Herr. "Ich hielt die Aufnahme zunächst für ein Fake", so Kilian, der sich einen Rubik's Cube zulegte und fortan Lösungsanleitungen im Internet studierte. Der Ehrgeiz war geweckt, die Bestzeit rasch verbessert: "Ich trainierte täglich eine halbe Stunde, nach zwei Monaten konnte ich den Würfel in drei Minuten lösen, nach einem Jahr in vierzig Sekunden."

Üben, üben, üben

Trotz der beachtlichen Leistungssteigerung übt sich Kilian in Bescheidenheit: "Jeder kann das machen, es erfordert kein Übermaß an Intelligenz. Man muss viel auswendig lernen und vor allem üben, üben und nochmals üben." Das Spiel mit dem Würfel hat sich seit seiner Erfindung 1975 zusehends professionalisiert. Mittlerweile gibt es eine eigene 'Word Cube Association', die Bewerbe organisiert, Rekorde verwaltet und Regeln erstellt. So werden die Würfel vor dem Bewerb auch nach einem bestimmten Algorithmus unter Aufsicht verdreht.

Natürlich unterliegt auch Kilian diesen Vorschriften. Um nach dem Marathon tatsächlich ins Buch der Rekorde eingetragen zu werden, muss er mindestens fünfzig Würfel lösen und das Rennen in maximal fünf Stunden beenden. Dass ein Marathon gegen Ende hin nicht einfacher wird, ist Kilian bekannt, die Marschroute ist deshalb klar definiert: "Ich möchte am Ende mindestens eine halbe Stunde ohne Würfel laufen, da ist man doch schon recht Matsch in der Birne. Je eher ich fertig werde, desto besser." In punkto Spenden hat er sein Ziel beinahe erreicht, es fehlen ihm nur noch wenige Pfund. Auch das sollte machbar sein. (Philip Bauer; derStandard.at; 15. April 2011)

Uli Kilian (35) lebt in London und arbeitet dort als 3D Production Director. Sieben Jahre seines Lebens verbrachte der gebürtige Kölner in Graz.

Links

Rubik's run

Uli Kilian auf justgiving.com

World Cube Association

London Marathon

  • Artikelbild
    foto: louisamore.com
  • Artikelbild
    foto: louisamore.com
Share if you care.