Zwiebeln rösten in der 14er-WG

14. April 2011, 20:09
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Heute eröffnet das Seniorenhaus Casa in Kagran – Es setzt mit einem innovativen Pflegekonzept zukunftsweisende Akzente – Für Mitarbeiter gibt es neue Berufsmodelle

Wien – Es ist knapp vor elf Uhr. Pflegehelferin Sieglinde Popp ruft zur Morgengymnastik. Sie ist gewöhnt, dass die Resonanz auf ihr Angebot jeden Tag unterschiedlich ist. "Man muss halt schon ein bissl was machen", rafft sich eine knapp 70-Jährige auf. Ihr Sitznachbar schwänzt, er ist noch beim Frühstück und hat keine Lust. Es dauert, bis sich der Sesselkreis im Wohnzimmer der Wohngemeinschaft im zweiten Stock formiert hat.

Insgesamt wohnen 14 Menschen jeweils in Einzelzimmern, einige haben sich ihre Möbel hierher mitgebracht. Ihr soziales Leben findet jedoch in der großen Wohnküche statt. Hier wird gemeinsam gekocht, wird Wäsche zusammengelegt oder eben Gymnastik gemacht: Arme heben, Hände ausschütteln, Kopf kreisen: Keine leichte Aufgabe für die Bewohner, die, um hier aufgenommen zu werden, zumindest die Pflegestufe drei erreicht haben müssen, also erhöhten Pflegebedarf haben.

"Das Besondere an dieser Einrichtung hier in der Rennbahnsiedlung ist, dass wir Alltagsnormalität im Leben bis ins hohe Alter erhalten wollen", erklärt die Leiterin Martina Aichelburg-Rumerskirch. In den insgesamt zehn Hausgemeinschaften leben jeweils zwölf bis 14 Menschen, auch Doppelzimmer gibt es. Es wird jeden Tag gemeinsam gekocht, Tisch gedeckt und gegessen. Auch Aufgaben wie Wäsche zusammenlegen können von Bewohnern selbst erledigt werden.

"Alles, was passiert, kennen Menschen, auch wenn sie an Demenzerkrankungen leiden, es bringt Orientierung und Abwechslung ins Leben", sagt Aichelburg-Rumerskirch und sieht, dass auch Menschen, die nicht mehr alleine leben können, gerne mitmachen. Der Geruch von geröstetem Zwiebel etwa, der bei der Morgengymnastik von der Küche herüberweht, macht Lust auf Essen. Selbstgekochtes schmeckt besser als Essen aus der Großküche.

Zum Abschluss der Gymnastikrunde wird Ball gespielt. "Wie heiße ich?", fragt Pflegehelferin Popp. Die meisten wissen es nicht, sie vergessen alle Namen jeden Tag aufs Neue. Solche Defizite werden auf hohem professionellem Niveau abgefedert. Jeder, der hier arbeitet, behandelt die Menschen mit großem Respekt. "Wir bieten an, zwingen aber niemanden", sagt Pflegehelferin Popp. Was simpel klingt, ist das Ergebnis eines Umdenkprozesses, der in der Pflege gerade stattfindet. Casa wurde 2003 von der Caritas, der Erzdiözese Wien und der Stiftung Liebenau gegründet. Wer hier einzieht, wird vom Fonds soziales Wien unterstützt.

Karriere in der Pflege

"Wir bieten Pflegehelfern eine Führungsfunktion an. Dieses Karrieremodell gibt es in Österreich sonst nicht," sagt Aichelburg-Rumerskirch. Schlüsselperson einer Wohngemeinschaft ist die Alltagsbetreuerin, die den Haushalt führt, kocht "und optimalerweise einen guten Schmäh hat". Pflegehelferinnen wie Sieglinde Popp managen das Betreuungsprogramm, die diplomierten Gesundheits- und Krankenpflegerinnen im Haus versorgen die Bewohner in ihrem Fachbereich. Niedergelassene Ärzte kommen von außerhalb. Der Vorteil: "Berufsgruppen arbeiten in ihrer Kernkompetenz", so Aichelburg-Rumerskirch, die stets betont, dass sie für dieses Konzept nicht mehr Personal als anderswo braucht und auch die Kriterien des Wiener Wohn- und Pflegegesetzes erfüllt.

Damit alte Menschen hier Alltag erleben, wurden hinter den Kulissen Dienst- und Aufgabenbereiche neu strukturiert. Unlängst ist sogar eine Frau mit ihrere 18-jährigen Katze eingezogen. Sogar ein Hund ist erlaubt, weil er zum Spazierengehen animiert. Individualität gehört eben zur Lebensqualität, findet die Leiterin.(Karin Pollack, DER STANDARD, Printausgabe, 15.4.2011)

  • Küchenarbeiten sind bei den Bewohnern sehr beliebt. Jeden Vormittag gegen halb elf wird gemeinsam gekocht – hier oben Letscho. Die Alltagsbetreuerin managt die Schälarbeiten.
    foto: heribert corn

    Küchenarbeiten sind bei den Bewohnern sehr beliebt. Jeden Vormittag gegen halb elf wird gemeinsam gekocht – hier oben Letscho. Die Alltagsbetreuerin managt die Schälarbeiten.

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