Ein großer Fisch oder ein kleiner Fischer

  • Pirat Farah (46, links) im neueröffeneten Gefängnis in der 
somaliländischen Hauptstadt Hargeisa
    foto: philipp hedemann

    Pirat Farah (46, links) im neueröffeneten Gefängnis in der somaliländischen Hauptstadt Hargeisa

Somalilands Küstenwächter erzählen von Piraten, die sich als Fischer ausgeben - Verdächtige beteuern, noch nie eine Waffe in der Hand getragen zu haben - Ein Besuch bei den Jägern und Gejagten in der abtrünnigen Region Somalias

Hargeisa / Addis Abeba - "Mein Name ist Omar Abdullahi Abdi. Ich bin ein einfacher Fischer. Ich wollte mit meinen Männern am Korallenriff fischen, da kam die Küstenwache und nahm uns fest", sagt der Mann mit dem Wickelrock im Gefängnis. "Sein Name ist Omar Abdullahi Abdi. Er ist einer der ganz großen Fische unter den Piraten. Wir jagen ihn seit Jahren, endlich haben wir ihn erwischt", sagt der uniformierte Mann im Hauptquartier der somaliländischen Küstenwache.

Zwei Geschichten, ein Hauptdarsteller, ein Problem: Piraten machen den Indischen Ozean vor der Küste Somalias zu den gefährlichsten Gewässern der Welt. Somaliland, eine international nicht anerkannte Republik im Norden des gescheiterten Landes, hat den Seeräubern den Kampf angesagt. Ende März wurde ein mithilfe der Uno renoviertes Gefängnis eröffnet. Wenn es nach dem Chef der Küstenwache geht, soll Omar Abdullahi Abdi dort mindestens die nächsten 15 Jahre verbringen.

Das Meer vor Rabish, einem kleinem Fischernest an der Grenze zwischen Somaliland und der teilautonomen somalischen Republik Puntland, ist spiegelglatt. Hochsaison für die Piraten mit ihren schnellen, aber wenig seetüchtigen Booten. Um 16.40 Uhr an einem Märztag tauchen zwei graue Boote der somaliländischen Küstenwache am Horizont auf, steuern mit voller Kraft voraus auf das neun Meter lange Boot von Omar Abdullahi Abdi zu.

Abdi sieht auf ihn gerichtete Maschinengewehre und Kalaschnikows, langsam hebt er die Hände, wenige Minuten später liegt er mit gefesselten Händen an Deck des Schnellboots der Küstenwächter.

80 Schiffe angegriffen

Laut Internationalem Schifffahrtsbüro wurden in diesem Jahr bislang weltweit rund 120 Schiffe angegriffen, mehr zwei Drittel davon in somalischen Gewässern. Derzeit sind mehr als 30 Schiffe und 700 Geiseln in der Hand somalischer Piraten. Am Donnerstag meldete die australische Marine die Befreiung dreier Seeleute. An Bord fanden die Marinesoldaten zahlreiche Waffen. Das ist nicht immer so.

"Hirten haben uns den Hinweis gegeben, dass Omar Abdullahi Abdi und seine Männer sich an der Küste ein Versteck eingerichtet haben, um von dort aus auf Kaperfahrt zu gehen. Sie behaupten, sie seien Fischer, doch an Bord fanden wir keine Fischerausrüstung. Ihre Kalaschnikows und schweren Maschinengewehre warfen sie über Bord, bevor wir sie festnehmen konnten", berichtet Ahmed Osman Abdi, Chef der somalischen Küstenwache.

"Ich habe noch nie eine Waffe in Händen gehalten. Wir wollten Fische mit bloßen Händen fangen", behauptet der Häftling im Gefängnis des somaliländischen Küstenstädtchens Berbera. Nach seinem Prozess soll der mutmaßliche Pirat ins neue Hochsicherheitsgefängnis in der Hauptstadt kommen.

925.000 Euro hat das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) für die Renovierung des baufälligen Gefängnisses gegeben. Rund 40 der 250 Insassen des Hochsicherheitsgefängnisses sind verurteilte Piraten. Farah ist einer von ihnen. "Ja, ich war an der Entführung eines Öltankers beteiligt, habe 20.000 Dollar erhalten. Kurz danach wurde ich festgenommen, zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Sobald ich hier raus bin, werde ich wieder in meinen alten Job zurückkehren", erzählt der 46-Jährige. Er sieht sich selbst als Küstenwächter, der die somalischen Gewässer vor ausländischen Schiffen schützt, die hier Giftmüll verklappen. "Wir holen uns nur zurück, was uns zusteht", sagt der Häftling.

"Somaliland bekämpft die Piraterie an Land und auf See. Wir werden Sie dabei weiter unterstützen", verspricht UNODC-Chef Yury Fedotov Somalilands Präsident Ahmed Mohammed Mahamoud Silanyo nach der Gefängniseröffnung im Präsidentenpalast.

Doch für diesen Kampf fehlen dem Chef der Küstenwache Geld, Männer und Material.

14 Boote, ein paar Raketenwerfer, schwere Maschinengewehre und Kalaschnikows, Funkgeräte, 14 von den Engländern gespendete Geländewagen und 615 Mann hat Ahmed Osman Abdi an der 860 Kilometer langen Küste zur Verfügung. Umgerechnet rund 93 Euro kann er seinen Männern, die für ihr Arbeit ihr Leben riskieren, pro Monat zahlen. Die Piraten ködern ihren Nachwuchs mit Zehntausenden von Dollars für die Teilnahme an einer einzigen erfolgreichen Schiffsentführung. Omar Abdullahi Abdi soll früher mit dem Küstenwächtern Piraten gejagt haben, bis er die Seiten wechselte.

Die immer höheren Lösegelder, die für entführte Schiffe gezahlt werden, machen Chef-Küstenwächter Ahmed Osman Abdi zu schaffen. "Die Piraten haben nach jeder Entführung viel Geld, das sie in schwerere Waffen, bessere Kommunikationstechnologie und schnellere Boote investieren. Wir kommen mit unseren langsamen Booten kaum noch hinterher.

"Statt Milliarden in Atalanta zu investieren, sollte die internationale Gemeinschaft lieber uns etwas geben", sagt der ehemalige Admiral der somliländischen Marine. Er macht kein Hehl daraus, dass er von der EU-Anti-Piraterie-Mission nicht viel hält.

Lebensgefahr gehört dazu

"Die meinen es doch gar nicht ernst! Die nehmen die Piraten nur fest, wenn sie sich auf frischer Tat ertappen. Wenn wir auf Piraten stoßen, jagen wir sie", sagt der ehemalige Soldat. Dass dabei auch Piraten und Küstenwächter auf See sterben, gehört für ihn dazu.

Kann einem Piraten ein Mord nachgewiesen werden, droht ihm die Todesstrafe durch Erschießen. Doch tatsächlich werden viele Piraten nach Berufungsverfahren oft schon nach kurzer Zeit entlassen. Bestechliche Richter sollen dafür verantwortlich sein. "Korruption gibt es überall", sagt Justizminister Ismail Moummin Aar, um nach kurzer Bedenkzeit hinterher zu schieben, "Aber mir ist kein solcher Fall bekannt."

Die somaliländische Regierung hofft, mit der Verfolgung, Verurteilung und Inhaftierung von Piraten dem Tag X, dem Tag der internationalen Anerkennung als unabhängiger Staat, einen Schritt näher kommen. Bis dieser Tag da ist, wird Omar Abdullahi Abdi vielleicht noch immer hinter Gittern sitzen. (Philipp Hedemann, STANDARD-Printausgabe, 15.04.2011)

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