Ein großer Fisch oder ein kleiner Fischer

Philipp Hedemann
14. April 2011, 18:06
  • Pirat Farah (46, links) im neueröffeneten Gefängnis in der 
somaliländischen Hauptstadt Hargeisa
    foto: philipp hedemann

    Pirat Farah (46, links) im neueröffeneten Gefängnis in der somaliländischen Hauptstadt Hargeisa

Somalilands Küstenwächter erzählen von Piraten, die sich als Fischer ausgeben - Verdächtige beteuern, noch nie eine Waffe in der Hand getragen zu haben - Ein Besuch bei den Jägern und Gejagten in der abtrünnigen Region Somalias

Hargeisa / Addis Abeba - "Mein Name ist Omar Abdullahi Abdi. Ich bin ein einfacher Fischer. Ich wollte mit meinen Männern am Korallenriff fischen, da kam die Küstenwache und nahm uns fest", sagt der Mann mit dem Wickelrock im Gefängnis. "Sein Name ist Omar Abdullahi Abdi. Er ist einer der ganz großen Fische unter den Piraten. Wir jagen ihn seit Jahren, endlich haben wir ihn erwischt", sagt der uniformierte Mann im Hauptquartier der somaliländischen Küstenwache.

Zwei Geschichten, ein Hauptdarsteller, ein Problem: Piraten machen den Indischen Ozean vor der Küste Somalias zu den gefährlichsten Gewässern der Welt. Somaliland, eine international nicht anerkannte Republik im Norden des gescheiterten Landes, hat den Seeräubern den Kampf angesagt. Ende März wurde ein mithilfe der Uno renoviertes Gefängnis eröffnet. Wenn es nach dem Chef der Küstenwache geht, soll Omar Abdullahi Abdi dort mindestens die nächsten 15 Jahre verbringen.

Das Meer vor Rabish, einem kleinem Fischernest an der Grenze zwischen Somaliland und der teilautonomen somalischen Republik Puntland, ist spiegelglatt. Hochsaison für die Piraten mit ihren schnellen, aber wenig seetüchtigen Booten. Um 16.40 Uhr an einem Märztag tauchen zwei graue Boote der somaliländischen Küstenwache am Horizont auf, steuern mit voller Kraft voraus auf das neun Meter lange Boot von Omar Abdullahi Abdi zu.

Abdi sieht auf ihn gerichtete Maschinengewehre und Kalaschnikows, langsam hebt er die Hände, wenige Minuten später liegt er mit gefesselten Händen an Deck des Schnellboots der Küstenwächter.

80 Schiffe angegriffen

Laut Internationalem Schifffahrtsbüro wurden in diesem Jahr bislang weltweit rund 120 Schiffe angegriffen, mehr zwei Drittel davon in somalischen Gewässern. Derzeit sind mehr als 30 Schiffe und 700 Geiseln in der Hand somalischer Piraten. Am Donnerstag meldete die australische Marine die Befreiung dreier Seeleute. An Bord fanden die Marinesoldaten zahlreiche Waffen. Das ist nicht immer so.

"Hirten haben uns den Hinweis gegeben, dass Omar Abdullahi Abdi und seine Männer sich an der Küste ein Versteck eingerichtet haben, um von dort aus auf Kaperfahrt zu gehen. Sie behaupten, sie seien Fischer, doch an Bord fanden wir keine Fischerausrüstung. Ihre Kalaschnikows und schweren Maschinengewehre warfen sie über Bord, bevor wir sie festnehmen konnten", berichtet Ahmed Osman Abdi, Chef der somalischen Küstenwache.

"Ich habe noch nie eine Waffe in Händen gehalten. Wir wollten Fische mit bloßen Händen fangen", behauptet der Häftling im Gefängnis des somaliländischen Küstenstädtchens Berbera. Nach seinem Prozess soll der mutmaßliche Pirat ins neue Hochsicherheitsgefängnis in der Hauptstadt kommen.

925.000 Euro hat das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) für die Renovierung des baufälligen Gefängnisses gegeben. Rund 40 der 250 Insassen des Hochsicherheitsgefängnisses sind verurteilte Piraten. Farah ist einer von ihnen. "Ja, ich war an der Entführung eines Öltankers beteiligt, habe 20.000 Dollar erhalten. Kurz danach wurde ich festgenommen, zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Sobald ich hier raus bin, werde ich wieder in meinen alten Job zurückkehren", erzählt der 46-Jährige. Er sieht sich selbst als Küstenwächter, der die somalischen Gewässer vor ausländischen Schiffen schützt, die hier Giftmüll verklappen. "Wir holen uns nur zurück, was uns zusteht", sagt der Häftling.

"Somaliland bekämpft die Piraterie an Land und auf See. Wir werden Sie dabei weiter unterstützen", verspricht UNODC-Chef Yury Fedotov Somalilands Präsident Ahmed Mohammed Mahamoud Silanyo nach der Gefängniseröffnung im Präsidentenpalast.

Doch für diesen Kampf fehlen dem Chef der Küstenwache Geld, Männer und Material.

14 Boote, ein paar Raketenwerfer, schwere Maschinengewehre und Kalaschnikows, Funkgeräte, 14 von den Engländern gespendete Geländewagen und 615 Mann hat Ahmed Osman Abdi an der 860 Kilometer langen Küste zur Verfügung. Umgerechnet rund 93 Euro kann er seinen Männern, die für ihr Arbeit ihr Leben riskieren, pro Monat zahlen. Die Piraten ködern ihren Nachwuchs mit Zehntausenden von Dollars für die Teilnahme an einer einzigen erfolgreichen Schiffsentführung. Omar Abdullahi Abdi soll früher mit dem Küstenwächtern Piraten gejagt haben, bis er die Seiten wechselte.

Die immer höheren Lösegelder, die für entführte Schiffe gezahlt werden, machen Chef-Küstenwächter Ahmed Osman Abdi zu schaffen. "Die Piraten haben nach jeder Entführung viel Geld, das sie in schwerere Waffen, bessere Kommunikationstechnologie und schnellere Boote investieren. Wir kommen mit unseren langsamen Booten kaum noch hinterher.

"Statt Milliarden in Atalanta zu investieren, sollte die internationale Gemeinschaft lieber uns etwas geben", sagt der ehemalige Admiral der somliländischen Marine. Er macht kein Hehl daraus, dass er von der EU-Anti-Piraterie-Mission nicht viel hält.

Lebensgefahr gehört dazu

"Die meinen es doch gar nicht ernst! Die nehmen die Piraten nur fest, wenn sie sich auf frischer Tat ertappen. Wenn wir auf Piraten stoßen, jagen wir sie", sagt der ehemalige Soldat. Dass dabei auch Piraten und Küstenwächter auf See sterben, gehört für ihn dazu.

Kann einem Piraten ein Mord nachgewiesen werden, droht ihm die Todesstrafe durch Erschießen. Doch tatsächlich werden viele Piraten nach Berufungsverfahren oft schon nach kurzer Zeit entlassen. Bestechliche Richter sollen dafür verantwortlich sein. "Korruption gibt es überall", sagt Justizminister Ismail Moummin Aar, um nach kurzer Bedenkzeit hinterher zu schieben, "Aber mir ist kein solcher Fall bekannt."

Die somaliländische Regierung hofft, mit der Verfolgung, Verurteilung und Inhaftierung von Piraten dem Tag X, dem Tag der internationalen Anerkennung als unabhängiger Staat, einen Schritt näher kommen. Bis dieser Tag da ist, wird Omar Abdullahi Abdi vielleicht noch immer hinter Gittern sitzen. (Philipp Hedemann, STANDARD-Printausgabe, 15.04.2011)

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Hm...

...leider wurde bei der Rechnung vergessen, dass die Leute (so wie in Österreich überraschenderweise) in Somalia auch essen müsen und leben wollen.

Ursache/Wirkung/Ursache/Wirkung....

Völlig richtig erkannt:

Sie haben nur die falschen Schlüsse gezogen.
Warum hungern die Menschen in Somalia ? Weil westliche Schiffe vorbeifahren oder weil die Leute (im Gegensatz zu Österreich) permanent Krieg gegen sich selber führen. Die Ursache können also nur die Somalis selber beheben. Frieden = Wohlstand.

externe Kriegsfaktoren

Dass sich die modernen Piraten von "Robin Hoods" wegentwickelt haben, die das Geld von den Reichen zu den Armen transferieren ist eine Sache. Was mich aber beschämt ist dass viele externe Faktoren (reiche Länder beteiligt) ausgeklammert werden. Waffenhandel oder Giftmüllverklappung werden da noch manchmal so nebenbei erwähnt. Die Auswirkungen der von der Weltbank vorgesetzten Liberalisierungen hab ich noch nie gefunden. Vorschiften dass Impfungen für Tierherden nicht mehr vom Staat gehandhabt werden sondern von privaten gewinnorientierten; Exportauslegung, Tierkrankheiten, Exportstandards nicht mehr einhaltbar, Nahrungsmittel u. Devisenknappheit. Ohne Rindfleisch, Fisch und Devisen ist es nicht einfach ein "Gutmensch" zu bleiben.

Auf die Gefahr hin

dass ich der 20. bin der dieses Video empfiehlt:

http://vimeo.com/18915020

Sehr aufschlussreich!

äh, auf Spanisch....

Die machen moralisch nix Schlimmeres.....

.....als die westlichen Alliierten in Libyen....

.....sie rauben!

...

Jaja... so viel zu den friedlichen Fischern:

http://www.youtube.com/watch?v=H... re=related

der Giftmüll, den ausländsiche Schiffe dort "abladen"

wird in diesem Artikel nur ein Mal kurz erwähnt. Herr Omar Abdullahi Abdi war sicher mal ein kleiner Fischer, aber in den von - meistens europäischem Giftmüll - verseuchten Gewässern lässt sich halt nix mehr holen, ausser ausländische Schiffe. Da wird mal wieder versucht das offensichtliche und medial spannend zu verkaufende Problem zu beseitigen (zumindest tut man so), aber die gut vertuschte Ursache des Problems bleibt bestehen. Soviel zur europäischen Müllhalde, Afrika.

Ahem.

Verklappung ist natürlich übel und sehr schlecht für ein Gewässer.

Trotzdem bezweifle ich, dass vor Somalia auch nur annähernd so viel reingeschüttet wurde wie das über JahrZEHNTE in der Nordsee praktiziert wurde. Und dort ließ sich über dieselben Jahrzehnte durchaus noch EINIGES an Fisch holen.

...da wurde aber auch nicht von anderen Nationen...

...organisiert und gefördert alles rausgestohlen und strategisch leergefischt, wie vor den Küsten Afrikas.

natürlich ist das nicht die einzige Ursache. Hier mehr dazu:

http://europa-magazin.ch/europamag... audience.D

mal ganz ehrlich: wenn ich dort leben wuerde, wuerd ich das wahrscheinlich auch machen

das mit den zehntausenden dollar pro raubzug ist uebrigens so eine sache: da haengt an jedem mann eine grossfamilie, oft ein ganzes dorf ohne einkommen, der typ behaelt das ja nicht nur fuer sich, und die kapern ja nicht woechentlich ein schiff...

Und jetzt ergänzenS das noch um den Zusatz, dass der Typ früher sein ganzes Dorf mit Fischfang ernährt hat.

in Somalia?

niemals; Fischfang war dort nie bedeutend!

Das sind schlichte Kriminelle.

wenn jeder der eine familie zu versorgen hat sich auf raubzüge begibt und dann recht für sich biegt, wird am ende halt der stärkere siegen. das sind sicher nicht die somalier. wenns aug um aug und zahn um zahn geht, bleiben die dort über.

Die Postings zu diesen Artikel sind zu 90% von menschenverachtenden, turbokonsumierenden Menschen geschrieben.

Kein Wunder, dass der HC in unserem Land soviel Zuspruch findet.

Würg

seit das mit der piraterie dort angefangen hat haben sich die fischbestaende erholt

die internationalen fangflotten die dort illegal gefischt haben trauen sich nicht mehr vor die kueste, hat also auch wenigstens einen guten aspekt, die sache

dann könnten sie ja jetzt wiedermal fischen gehn.

aber ich glaube sie verstehen von internationalen verbrechensorganisationen nicht sehr viel sondern glauben an allem ist halt der kapitalismus schuld und die anderen sind alle so brav. Ob taliban, pastachran, oder südamerikanische drogenguerillas alle verdienen gutes geld mit verbrechen, seien es entführungen, drogen oder einfach schmuggel von zigaretten und alkohol. als rechtfertigung nehmen sie halt den kolonialismus . naja wers glaubt ?....

lesen sie mein posting einfach noch einmal

Aufklärung

Zuerst schicken wir Europäer die Mega-Fischfang-Schiffe nach Afrika, fischen denen vor der Nase alles weg, kippen unseren Müll vor deren Küste ins Meer.

Und wenn sie sich dann wehren?

Alles nur damit derStandard von Piraten in Afrika schreiben kann.

nein, nicht nur Europa, die ganze Welt fängt, verkappt und bereichert sich an der staatlichen Unsicherheit eines Landes ohne Regierung, ohne einheitlicher Stimme, ohne Möglichkeit sich international zur Wehr zu setzen.

kaum verständlich dass die sowas tun

immerhin gibt es ja so tolle uno hilfsprojekte.
wie zB. händisch betriebene Fleischwölfe für Afrika, damit sie sich gegen die große Tomatenindustrie wehren können.

am korallenriff wollt er fischen.
so, so.
da macht er cirka 10 - 1000 mal soviel kaputt, als er fischen koennte, ist aber eh wurscht, nur so, auf die potentielle frage, warum menschen in der dritten welt so arm sind.
ansonsten: verpflichtend 1 russischer unteroffizier und 5 soldaten von irgendwo auf jedes schiff, das dort durchfahrt, feuererlaubnis auf alles, kost fast nix und es herrscht wieder frieden im land. und die leut haben einen job.

Eine der wirklich wenigen

internationalen Vereinbarungen, an die sich alle Staaten der Welt halten, ist die, daß Waffen jeglicher Art ( mit Ausnahme derer die u.U. Fracht als Solche darstellen natürlich ) auf Handelsschiffen nichts verloren haben. Da gibts maximal eine alte Pistole im Tresor des Kapitäns. Und das ist gut so.
Sagt Ihnen der Begriff Eskalation etwas ???

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