Somalilands Küstenwächter erzählen von Piraten, die sich als Fischer ausgeben - Verdächtige beteuern, noch nie eine Waffe in der Hand getragen zu haben - Ein Besuch bei den Jägern und Gejagten in der abtrünnigen Region Somalias
Hargeisa / Addis Abeba - "Mein Name ist Omar Abdullahi Abdi. Ich bin
ein
einfacher Fischer. Ich wollte mit meinen Männern am Korallenriff
fischen, da kam die Küstenwache und nahm uns fest", sagt der Mann mit
dem Wickelrock im Gefängnis. "Sein Name ist Omar Abdullahi Abdi. Er ist
einer der ganz großen Fische unter den Piraten. Wir jagen ihn seit
Jahren, endlich haben wir ihn erwischt", sagt der uniformierte Mann im
Hauptquartier der somaliländischen Küstenwache.
Zwei Geschichten, ein Hauptdarsteller, ein Problem: Piraten machen
den
Indischen Ozean vor der Küste Somalias zu den gefährlichsten Gewässern
der Welt. Somaliland, eine international nicht anerkannte Republik im
Norden des gescheiterten Landes, hat den Seeräubern den Kampf angesagt.
Ende März wurde ein mithilfe der Uno renoviertes Gefängnis eröffnet.
Wenn es nach dem Chef der Küstenwache geht, soll Omar Abdullahi Abdi
dort mindestens die nächsten 15 Jahre verbringen.
Das Meer vor Rabish, einem kleinem Fischernest an der Grenze zwischen
Somaliland und der teilautonomen somalischen Republik Puntland, ist
spiegelglatt. Hochsaison für die Piraten mit ihren schnellen, aber wenig
seetüchtigen Booten. Um 16.40 Uhr an einem Märztag tauchen zwei graue
Boote der somaliländischen Küstenwache am Horizont auf, steuern mit
voller Kraft voraus auf das neun Meter lange Boot von Omar Abdullahi
Abdi zu.
Abdi sieht auf ihn gerichtete Maschinengewehre und Kalaschnikows,
langsam hebt er die Hände, wenige Minuten später liegt er mit
gefesselten Händen an Deck des Schnellboots der Küstenwächter.
80 Schiffe angegriffen
Laut Internationalem Schifffahrtsbüro wurden in diesem Jahr bislang
weltweit rund 120 Schiffe angegriffen, mehr zwei Drittel davon in
somalischen Gewässern. Derzeit sind mehr als 30 Schiffe und 700 Geiseln
in der Hand somalischer Piraten. Am Donnerstag meldete die australische
Marine die Befreiung dreier Seeleute. An Bord fanden die Marinesoldaten
zahlreiche Waffen. Das ist nicht immer so.
"Hirten haben uns den Hinweis gegeben, dass Omar Abdullahi Abdi und
seine Männer sich an der Küste ein Versteck eingerichtet haben, um von
dort aus auf Kaperfahrt zu gehen. Sie behaupten, sie seien Fischer, doch
an Bord fanden wir keine Fischerausrüstung. Ihre Kalaschnikows und
schweren Maschinengewehre warfen sie über Bord, bevor wir sie festnehmen
konnten", berichtet Ahmed Osman Abdi, Chef der somalischen Küstenwache.
"Ich habe noch nie eine Waffe in Händen gehalten. Wir wollten Fische
mit
bloßen Händen fangen", behauptet der Häftling im Gefängnis des
somaliländischen Küstenstädtchens Berbera. Nach seinem Prozess soll der
mutmaßliche Pirat ins neue Hochsicherheitsgefängnis in der Hauptstadt
kommen.
925.000 Euro hat das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und
Verbrechensbekämpfung (UNODC) für die Renovierung des baufälligen
Gefängnisses gegeben. Rund 40 der 250 Insassen des
Hochsicherheitsgefängnisses sind verurteilte Piraten. Farah ist einer
von ihnen. "Ja, ich war an der Entführung eines Öltankers beteiligt,
habe 20.000 Dollar erhalten. Kurz danach wurde ich festgenommen, zu
sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Sobald ich hier raus bin, werde ich
wieder in meinen alten Job zurückkehren", erzählt der 46-Jährige. Er
sieht sich selbst als Küstenwächter, der die somalischen Gewässer vor
ausländischen Schiffen schützt, die hier Giftmüll verklappen. "Wir holen
uns nur zurück, was uns zusteht", sagt der Häftling.
"Somaliland bekämpft die Piraterie an Land und auf See. Wir werden
Sie
dabei weiter unterstützen", verspricht UNODC-Chef Yury Fedotov
Somalilands Präsident Ahmed Mohammed Mahamoud Silanyo nach der
Gefängniseröffnung im Präsidentenpalast.
Doch für diesen Kampf fehlen dem Chef der Küstenwache Geld, Männer
und
Material.
14 Boote, ein paar Raketenwerfer, schwere Maschinengewehre und
Kalaschnikows, Funkgeräte, 14 von den Engländern gespendete Geländewagen
und 615 Mann hat Ahmed Osman Abdi an der 860 Kilometer langen Küste zur
Verfügung. Umgerechnet rund 93 Euro kann er seinen Männern, die für ihr
Arbeit ihr Leben riskieren, pro Monat zahlen. Die Piraten ködern ihren
Nachwuchs mit Zehntausenden von Dollars für die Teilnahme an einer
einzigen erfolgreichen Schiffsentführung. Omar Abdullahi Abdi soll
früher mit dem Küstenwächtern Piraten gejagt haben, bis er die Seiten
wechselte.
Die immer höheren Lösegelder, die für entführte Schiffe gezahlt
werden,
machen Chef-Küstenwächter Ahmed Osman Abdi zu schaffen. "Die Piraten
haben nach jeder Entführung viel Geld, das sie in schwerere Waffen,
bessere Kommunikationstechnologie und schnellere Boote investieren. Wir
kommen mit unseren langsamen Booten kaum noch hinterher.
"Statt Milliarden in Atalanta zu investieren, sollte die
internationale
Gemeinschaft lieber uns etwas geben", sagt der ehemalige Admiral der
somliländischen Marine. Er macht kein Hehl daraus, dass er von der
EU-Anti-Piraterie-Mission nicht viel hält.
Lebensgefahr gehört dazu
"Die meinen es doch gar nicht ernst! Die nehmen die Piraten nur fest,
wenn sie sich auf frischer Tat ertappen. Wenn wir auf Piraten stoßen,
jagen wir sie", sagt der ehemalige Soldat. Dass dabei auch Piraten und
Küstenwächter auf See sterben, gehört für ihn dazu.
Kann einem Piraten ein Mord nachgewiesen werden, droht ihm die
Todesstrafe durch Erschießen. Doch tatsächlich werden viele Piraten nach
Berufungsverfahren oft schon nach kurzer Zeit entlassen. Bestechliche
Richter sollen dafür verantwortlich sein. "Korruption gibt es überall",
sagt Justizminister Ismail Moummin Aar, um nach kurzer Bedenkzeit
hinterher zu schieben, "Aber mir ist kein solcher Fall bekannt."
Die somaliländische Regierung hofft, mit der Verfolgung, Verurteilung
und Inhaftierung von Piraten dem Tag X, dem Tag der internationalen
Anerkennung als unabhängiger Staat, einen Schritt näher kommen. Bis
dieser Tag da ist, wird Omar Abdullahi Abdi vielleicht noch immer hinter
Gittern sitzen. (Philipp Hedemann, STANDARD-Printausgabe, 15.04.2011)