Die Quadratur des "Ringes"

14. April 2011, 17:58
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Wagners "Götterdämmerung" an der Wiener Staatsoper

Wien - Die Erneuerung des Repertoires ist der Knackpunkt jedes Opernhauses, das seine Tradition lebendig halten will. Andererseits braucht auch jede einzelne Repertoirevorstellung ein Quantum an frischem Wind. An beidem wird das weitere Geschick von Staatsoperndirektor Dominique Meyer zu messen sein - und nicht nur an den traumhaften Auslastungszahlen, die er jüngst vorlegen konnte.

Den Ring des Nibelungen hat Meyer noch von seinem Vorgänger geerbt. Das "Bühnenfestspiel" stellt jeden Repertoirebetrieb vor Anforderungen, die einer Quadratur des Kreises gleichen. Nach der Götterdämmerung, dem letzten Teil der Wiederaufnahme von Wagners Tetralogie, lässt sich sagen, dass sich nicht nur Sven-Eric Bechtolfs Inszenierung als repertoiretauglich erwiesen hat.

Unzählige Details hatte der Regisseur im Jahr 2008 Wagners Musik abgelauscht. Obgleich manche kleine Gesten inzwischen ein wenig vergröbert oder ungenau erscheinen, tut dies der Wirkung des Ganzen nur wenig Abbruch. In der schlüssigen Auswahl der Stimmen lässt sich das Aufgebot an der Staatsoper derzeit kaum überbieten. Die Art, wie da gesungen und mit dem Orchester interagiert wird, stellt größtenteils eine mehr als brauchbare Alternative zur üblichen Wagner-Kraftmeierei dar. Franz Welser-Möst sorgt nach seiner krankheitsbedingten Pause für so viel Zurückhaltung, dass sich das Ensemble selbst mit leichtem Parlando Gehör verschaffen kann; größtenteils verfügen die Sängerinnen und Sänger auch über den passenden Tonfall.

Dies gilt cum grano salis für alle: für die Nornen und Rheintöchter, für Eric Halfvarson als mächtigen, zynischen Hagen oder für Tomasz Konieczny als skurril agierenden, markigen Alberich. Geradezu schlank legt Eva Johansson die Brünnhilde an, zeigt Verletzlichkeit statt Hysterie und nach Anlaufschwierigkeiten nuancierte Expressivität statt Dauervibrato.

Auch wenn ihm nicht jeder Juchzer gelang, fügte sich Stephen Gould als Siegfried in dieses Kammerspiel ebenso stimmig ein wie Caroline Wenborne als aufgeregte Gutrune. Mehr als beachtliche Rollendebüts glückten Markus Eiche als Gunther und Michaela Schuster als Waltraute.

Als Walter über die Sache des Werks wirkte Welser-Möst mit weitestgehender Kontrolle über Balance und dynamische Nuancen. Ergebnis war weitestgehende Klarheit über harmonische und motivische Verläufe. Dass der Generalmusikdirektor dabei nicht allzu viel an Emphase hineinprojizierte, mag erklären, dass es zuweilen doch ein bisschen an Linie fehlte. Doch bei so viel behutsamer Prachtentfaltung wie jener des Staatsopernorchesters gab das zum Sudern wenig Grund. (Daniel Ender, DER STANDARD - Printausgabe, 15. April 2011)

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