Armenisches Boxtalent darf bleiben

14. April 2011, 17:54
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Laut Fremdenbehörden sollte Boxer Sakul H. Österreich verlassen – Die Asylbehörden hatten den Fall rekordverdächtige neuneinhalb Jahre verschleppt – für die Verfassungsrichter ein Bleibegrund

Wels/Wien - Über die vielen Jahre der Ungewissheit hat Sakul H. (19) vor allem das Boxen hinweggeholfen. Seit 2004 ist der junge Armenier, der mit seinen Eltern in Oberösterreich lebt, beim Boxverband in Wels aktiv: "Talent hat er eindeutig", sagt sein dortiger Trainer Karl Steger. Talent und auch bereits Erfolg: 2010 wurde H. oberösterreichischer Landesmeister im Federgewicht bis 57 Kilo. Landeshauptmann Josef Pühringer gratulierte den Gewinnern - so auch ihm.

In dieser Zeit stand Sakul H. vor der Zwangsausreise nach Armenien. Doch das wussten unter den oberösterreichischen Boxfans nur wenige. Tatsächlich hatte die Sicherheitdirektion Oberösterreich am 7. Oktober 2010 eine Berufung Familie H.s gegen ihre Ausweisung abgelehnt. Die Rückreise ins ehemalige Heimatland, das Sakul H. zuletzt als Siebenjähriger gesehen hatte, schien bevorzustehen.

Dass es dazu letztendlich nicht gekommen ist, ist einzig dem Verfassungsgerichtshof (VfGH) zuzuschreiben. In einem dem Standard vorliegenden Spruch hob er im März 2011 den Sicherheitsdirektionsbescheid auf. Die armenische Familie sei in ihrem Menschenrecht auf Privat- und Familienleben verletzt worden: Ein Spruch als Endpunkt eines Asyl- und Fremdenrechtsverfahrens, in dem die Behörden rekordverdächtige neuneinhalb Jahre keinen Schritt gesetzt hatten - und die in Österreich inzwischen Integrierten am Ende dennoch außer Landes schicken wollte.

Ihren Asylantrag hatten die H.s im August 2000 eingebracht. Die Asylablehnung in erster Instanz durch das Bundesasylamt erfolgte im Jänner 2001. Danach herrschte durchgängiges Schweigen. Sakul besuchte die Hauptschule, schloss sie ab - und ging regelmäßig Boxen. Seine Eltern richteten sich in ihrer Asylwerberexistenz mehr schlecht als recht ein: "Arbeiten durften sie nicht - und auch ich habe bisher mit keiner Lehre anfangen können", schildert der junge Boxer.

Durchwachsene Freude

Seine Freude über den befreienden Höchstrichterspruch ist daher durchwachsen: "Was uns jetzt passiert ist, ist schon das Größte. Aber wir haben davor jahrelang nicht gewusst, wie es mit uns weitergeht." Laut dem Wiener Rechtsanwalt Wilfried Embacher sind die H.s damit nicht allein. In den vergangenen zehn Jahren habe er "dutzende Fälle vertreten, wo nach fünf Jahren Behördenschweigen und mehr eine Ausweisung verfügt wurde".

Den Verfassungsgerichtshofspruch ordnet Embacher in eine Reihe neuer Höchstgerichtentscheide in Langzeitasylverfahren ein: Im Oktober 2010 habe der VfGH erstmals das Verschulden der Behörden bei derartigen Verschleppungen in den Mittelpunkt einer Entscheidung gerückt. Seither "wird in solchen Fällen das Recht auf Familienleben ernster als davor genommen."

Aktuelle Abschiebung

In einem akuten Abschiebeverfahren nach Armenien herrschte am Donnerstag Verwirrung. Familie T. war Mittwoch aus Vöcklabruck ins Familienanhaltezentrum in die Wiener Zinnergasse gebracht worden. Der 17-jährige Sohn S. hatte bei Freunden übernachtet und war nicht dabei.

Der Flug nach Eriwan sollte - ohne S., der unbekannten Aufenthalts ist - Donnerstag um 22 Uhr gehen, schilderte ein Familienmitglied dem Standard telefonisch. Bei der Polizei hieß es, man wisse von keinem solchen Plan. (Irene Brickner, DER STANDARD, Printausgabe, 15.5.2011)

  • Beim Sesselmeer fürs Bleiberecht im Jahr
 2010 blieben viele Plätze leer. 
Sprüche des VfGH sorgen in manchen Fällen jetzt für steigende 
Bleibechancen.
    foto: der standard/newald

    Beim Sesselmeer fürs Bleiberecht im Jahr 2010 blieben viele Plätze leer. Sprüche des VfGH sorgen in manchen Fällen jetzt für steigende Bleibechancen.

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