"Portugals junge Generation fühlt sich betrogen"

14. April 2011, 17:34
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Was bringt die EU- und IWF-Hilfe? Nichts Gutes, meint João das Neves. Die junge Generation fühle sich betrogen

Standard: Wie laufen derzeit Ihre Unterrichtsstunden auf der Uni ab? Ist die drohende Pleite Portugals das zentrale Thema?

Neves: Die Debatten über Portugals Schicksal füllen derzeit meine Stunden. Unter den Studenten herrscht eine Mischung aus Angst, Wut und Aufregung. Die junge Generation fühlt sich betrogen. Sie sagen, dass es nach der demokratischen Revolution von 1974 und dem Zusammenbruch der Diktatur einen Aufschwung auf ihre Kosten gab. Ein oder zwei Generationen konnten sich nach 1974 ein gutes Leben leisten. Aber die Jungen haben das Gefühl, dafür jetzt die Rechnung begleichen zu müssen. Deswegen sind sie wütend. Die Wut richtet sich nicht gegen Menschen. Portugal ist ein friedliches Land, griechische Zustände gibt es hier nicht. Aber das diffuse Gefühl der Wut ist da.

Standard: Es ist ein Rätsel: Irland brauchte Hilfe, weil der Staat die Banken retten musste. Griechenland hat das Vertrauen wegen seiner Bilanztricks verloren. Und Portugal?

Neves: Wir haben die griechische Krankheit - nur in abgeschwächter Form. Portugal kämpft seit seiner Existenz unentwegt mit Budgetkrisen, auch in seiner modernen Geschichte. Hinzu kommt unser traditionelles Handelsdefizit. Zwei Faktoren haben diese Probleme lange überlagert. In den 70er-Jahren sind tausende Portugiesen als Arbeiter ausgewandert. Sie haben jede Menge Geld zu ihren Familien nach Hause geschickt, diese Rückflüsse waren enorm wichtig. Mit unserem EU-Beitritt 1986 kamen die Gelder aus Brüssel hinzu. Inzwischen sind die EU-Förderungen geringer geworden, und Auswanderer gibt es nicht mehr. Deswegen stecken wir in der Krise.

Standard: Wie hat der Eurobeitritt die Situation beeinflusst?

Neves: Mit dem Euro kamen die niedrigen Zinsen ins Land. Alle sahen nur das billige Geld. Noch vor 15 Jahren lag die gesamte Verschuldung Portugals, also jene der Haushalte und des Staates, bei 60 Prozent unserer Bruttowirtschaftsleistung. Heute sind es 130 Prozent. Zugleich hat sich die Struktur unserer Verschuldung geändert. Vor 15 Jahren war der Staat fast nur bei Inländern verschuldet. Heute finanziert uns zu zwei Drittel das Ausland. Diese Auslandsverschuldung ist verantwortlich dafür, dass Portugal in die Schlagzeilen geraten ist. Man muss ja nur nach Japan sehen: Japan ist das höchstverschuldete westliche Land. Aber die Gläubiger Japans sind Japaner - also ist es kein wirkliches Problem.

Standard: Derzeit verhandeln der Internationale Währungsfonds (IWF) und die EU-Kommission über ein Notpaket mit Portugal. Werden die Einschnitte schmerzlich?

Neves: Wenn der IWF in Portugal eines seiner traditionellen Programme durchpeitscht, also Einsparungen auf allen Linien, werden wir ein großes Problem bekommen. Portugal ist ein Land, das sich gut auf die Globalisierung eingestellt hat. Unser Arbeitsrecht ist im Gegensatz zu Griechenland flexibel. Die Industrie hat sich in den vergangenen 15 Jahren umgestellt, die Exporte wachsen. Wenn der IWF hart reinfährt, wird das Land stranguliert. Das Defizit muss langsam und nachhaltig beseitigt werden, ohne dass die Wirtschaft zu stark leidet.

Standard: In Irland und Griechenland funktioniert gerade das nicht: Die Wirtschaft wurde in beiden Staaten abgewürgt.

Neves: Die Märkte vertrauen weder Griechenland noch Irland - trotz der Einsparungen. Portugal ist also das dritte Land, dass einem Mechanismus beitritt, von dem wir wissen, dass er nicht funktioniert. Dafür gibt es auch einen guten Grund: Griechenland ist wie Irland schon lange bankrott. Ohne eine Umschuldung werden sie es nicht schaffen. Ich denke, dass das leider auch für Portugal gilt. Unsere Chance, der Pleite zu entgehen, ist sehr klein.

Standard: Ist für Spanien das Schlimmste überstanden?

Neves: Solange Portugal, Griechenland und Irland straucheln, muss auch Spanien kämpfen. Die vergangenen Tage war es ruhig, das ist gut. Portugal ist ja unwichtig. Aber wenn die Probleme auf Spanien übergreifen, wird es für die ganze Eurozone eng. (András Szigetvari, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.4.2011)

JoÃo CÉsar das Neves unterrichtet an der Katholischen Universität Lissabon, einer der renommiertesten Unis des Landes. In den 90er-Jahren war er Berater von Premier Aníbal António Cavaco Silva, dem jetzigen Staatspräsidenten.

  • Geht's aufwärts oder abwärts in Lissabon? Ökonom Neves fürchtet, dass Portugal 
wie Griechenland und Irland abstürzen wird.
    foto: standard/urban

    Geht's aufwärts oder abwärts in Lissabon? Ökonom Neves fürchtet, dass Portugal wie Griechenland und Irland abstürzen wird.

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