Rebellion in Lederhosen

14. April 2011, 18:46
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Die "Werther" -Kurzfassung am Linzer Eisenhand-Theater bietet dem jungen Publikum viel zu lachen, aber wenig zum Nachdenken

Linz - In Unterhose und Bademantel begrüßt Werther (Bastian Dulisch) das Publikum von der Bühne aus. Wie eine menschliche Beatbox schnalzt und knackst er sein Leid ins Mikrofon, wartet, bis alle auf dem Platz sind und macht gleich einmal klar: Dieser Werther will mit aller Gewalt seine Legitimität ins 21. Jahrhundert retten.

Die Frage ist, ob er die-sen 60-minütigen Versuch wirklich nötig hätte: Bastian Dulisch singt zu zeitgenössischer Popularmusik - etwa Peter Fox' Der letzte Tag -, schmettert via Megafon Goethezitate ins Publikum, trinkt Bier aus Dosen oder filmt sich in exhibitionistischer Manier selbst, während er Lotte sein "Wohlsein" darbringt. Inszenatorische Verweise darauf, dass Goethes Werther als Briefroman verfasst wurde - wenn man so will eine erste, über 200 Jahre alte Reality-Show.

Zwischendurch muss Werther eine Lederhose anziehen, schließlich befindet man sich auf dem Land. Lotte (Katharina Halus) trägt sowieso die ganze Zeit Dirndl und findet es lustig, wenn der "Piefke" Werther "Leinwand" statt "leiwand" versteht. Darstellerisch leisten Katharina Halus und Bastian Dulisch Beachtliches: Sie switchen zwischen der Sprache Goethes, der durch Slangausdrücke aktualisierten Bühnenfassung von Regisseur Karsten Dahlem und zeitgenössischen Songtexten.

Dahlem macht aus Werther in erster Linie einen aus unerwiderter Liebe in den Wahnsinn Getriebenen, lässt ihn Lotte in einem angedeuteten Hochzeitskleid sogar knebeln und spart sich den Umweg, aus Werther eine positive Identifikationsfigur zu machen.

Jugendlicher, romantischer Schmerz einer aufbegehrenden Sturm-und Drang-Generation, das Einfordern von Gefühl anstelle des aufklärerischen Ideals der Ratio, Werther als Rebell gegen Autorität und Tradition - heruntergebrochen auf eine Stunde Unterhaltung, in der das jugendliche Publikum zwar viel zu lachen findet, dafür aber wenig Raum, um über eine eigene rebellische Haltung nachdenken zu müssen. Vielleicht finden heutige Jugendliche das aber eh "voi leiwand". (Wiltrud Hackl, DER STANDARD - Printausgabe, 15. April 2011) 

  • Sturm und Drang in neuem Gewand: Werther (Bastian Dulisch) und Lotte 
(Katharina Halus).
    foto: christian brachwitz

    Sturm und Drang in neuem Gewand: Werther (Bastian Dulisch) und Lotte (Katharina Halus).

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