"Ein Gedicht ist das Humanste, was es gibt"

14. April 2011, 17:01
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Der gelehrte Dichter Raoul Schrott denkt in seinem neuen Buch "Gehirn und Gedicht" über die Poesie als Mittel der Welterschließung nach

Was lässt uns dichten? Ein Gespräch mit Ronald Pohl.

STANDARD: Sie verknüpfen in "Gehirn und Gedicht" Einsichten der Neurologie mit der Darstellung der Poetologie, wobei die Wahrnehmungspsychologie als verbindendes Element fungiert. Welchen Gewinn versprechen Sie sich davon als Dichter und Poetologe?

Schrott: Zum Ersten dient es der Selbstvergewisserung. Ist das, was ich als Dichter mache, ein Artifizium, ein künstlicher, mentaler Kurzschluss, oder beruht es auf konkreten Bedingtheiten unserer Wahrnehmung - auf "Prädispositionen", wie man eigentlich sagen sollte? Mir erschien Letzteres immer der Fall zu sein, und die Recherchen haben das bestätigt. Zweitens empfand ich ein Unbehagen an den Poetologien vieler Kollegen, die davon erzählen, dass sie im Park spazierengehen, sehen, wie zwei Krähen auffliegen, und plötzlich sei das Gedicht da.

STANDARD: Haben moderne Poetologien nicht längst ein anderes Niveau erreicht? Über das Gedicht als Mysterium schreibt doch heute ernstlich niemand mehr.

Schrott: Teil, teils. Der Mythos ist noch immer so dominant, dass die Poesie zum einen als schwierig gilt. Sie wird in das idealistische Konzept der Philosophie eingeordnet, als "höchster geistiger Ausdruck des Menschen" und dergleichen mehr. Mir lag daran, das auf eine Ebene der Sprachpragmatik herunterzuholen und dem Gedicht eher Zugänglichkeit zu verschaffen, um den Diskurs über Gedichte breiter zu stecken. Poetologien von Dichter-Denkern wie Franz Josef Czernin sind doch eher marginale Phänomene.

STANDARD: Der Verbreitung nach?

Schrott: Poetologische Debatten über Gedichte finden kaum statt, Lyrikbände verkaufen sich schlecht, und es gibt kaum Zeitungen, die Gedichte abdrucken, von ein paar Ausnahmen abgesehen. Es gilt zu zeigen: Das Gedicht ist verhandelbarer und analysierbarer, als man glauben möchte. Dagegen ist das Moment der Inspiration natürlich nicht wegzudenken. Die Musen haben schon eine gewisse pragmatische Berechtigung. Bleibt die Frage: Unter welchem Gesichtspunkt lassen sich Gedichte kritisieren? Was ist eine gute Metapher, was eine schlechte? Welche Kriterien gibt es dafür? Da zeigt sich, dass unsere gestalthafte Wahrnehmung, sei es bei Musik, sei es bei visuellen Phänomenen, auch bei der Interpretation von Gedichten greift. Sie gibt Kriterien dafür ab, wie man dem Funktionieren von Poesie auf den Grund gehen kann.

STANDARD: Sie wollen dem Gespräch über Poesie die Beliebigkeit austreiben?

Schrott: Dieser steht auf der anderen Seite eine Art Geschmackskultur gegenüber. Das empfinde ich als umso ungerechter und inadäquater, als das Gedicht als Ausdrucksform letztlich das Humanste ist, was es gibt. In ihm verbindet sich die Musik mit dem Semantisch-Logischen, und das auf eine Weise, die keine andere Gattung leistet. Ich war während meiner Studien permanent überrascht. Schon allein die Frage: "Warum gibt es die Poesie?" Ich kann mich nicht erinnern, in einer herkömmlichen Literaturgeschichte jemals gelesen zu haben, dass die Poesie in Zeiten, in denen es noch keine Schrift gab, Informationen über längere Strecken hinweg aufzubewahren half. Poesie ist also weitaus älter als die Schrift. Warum wird sie mit Einführung der Schrift dann nicht überflüssig? Weil sie jene Stufe der Selbstreflexivität durchläuft, die sie bis heute auszeichnet.

STANDARD: Die Poesie erhöht durch diesen Schritt ihre Komplexität?

Schrott: Was nicht an irgendeiner Dogmatik liegt, sondern auf praktischen Überlegungen beruht.

STANDARD: Inwieweit ist das Sprechen über Neurologie und Naturwissenschaften nicht seinerseits "gefährdet", bloß ein weiteres Sprachspiel zu etablieren, eine Art Ersatzpoesie?

Schrott: Das ist die Königsfrage, an der die Neurologen und Hirnforscher am meisten laborieren. Ich bin überzeugt, dass das, was die Neurologie leistet, auf denselben sprachlichen Konzeptionen beruht, auf denen unser Denken und unsere Wahrnehmung aufgebaut sind. Die Frage wäre jetzt, inwieweit dies positiv oder negativ ist. Speisen sich alle Sprachebenen aus demselben Fundus, aus der Vorstellung einer "natürlichen Gegebenheit", die das Fundament für alle unsere Artikulationen bildet? Oder handelt es sich um ein Spiegelkabinett, in dem ein Sprachliches auf ein anderes Sprachliches verweist? Man kann sagen, dass sich die Neurologen der Problematik äußerst bewusst sind, es mit Konstruktionen zu tun zu haben. Zweitens sind ihre empirischen Versuchsanordnungen derart aufgebaut, dass es sich um konkrete Fragestellungen handelt, aus denen konkrete Daten resultieren. Was zur Mythenbildung der Neurologie beiträgt, die schönen Hirnbilder und das Sprechen über die Neuronen, das ist letztlich mittelbar.

STANDARD: Solange die Neurologie Daten auswirft, mit denen man arbeiten kann, muss man über ihre Sprachspiele nicht besorgt sein?

Schrott: Weil es auch abgestufte Arten von Erkenntnis gibt. Wenn mir ein Experiment erklärt, dass das Gehirn Metaphern schneller verarbeitet als denselben Sinn wörtlich, ohne die Zuhilfenahme figurativer Sprache, dann sagt das im hohen Grade etwas über unser Sprachverständnis aus. Wenn ich weiters zeigen kann, welche Gehirnstellen beim Wirksamwerden von Metaphorik aufleuchten, dann ist das eine Erkenntnis zweiter Stufe. Die ließe sich mit anderen Einsichten verbinden, und man hat eine Wissenschaft, die aufgrund neuer Experimente ihre Thesen wiederum überprüft. (Ronald Pohl, DER STANDARD - Printausgabe, 15. April 2011)

Raoul Schrott (47), aus Tirol gebürtig, hat als Lyriker wie als Übersetzer (zuletzt die "Ilias", 2008) Traditionslinien der Weltpoesie zu bestimmen versucht. Sein gemeinsam mit Arthur Jacobs verfasstes Werk "Gehirn und Gedicht" (Hanser) wird heute im Kasino des Wiener Burgtheaters (20 Uhr) vorgestellt.

  • Raoul Schrott präsentiert seine Studie gemeinsam mit Ko-Autor Arthur 
Jacobs, einem Psychologen, heute im Kasino des Burgtheaters.
    foto: standard/christian fischer

    Raoul Schrott präsentiert seine Studie gemeinsam mit Ko-Autor Arthur Jacobs, einem Psychologen, heute im Kasino des Burgtheaters.

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