Kroatisch ist nicht giftig

14. April 2011, 15:04
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Warum der im Fremdenrechtspaket verordnete Sprachzwang viel kostet und das Zusammenleben schwieriger macht, anstatt es zu verbessern

Ende April stimmt das Parlament über ein neues Fremdenrechtspaket ab. In diesem Paket finden sich verschärfte Anforderungen, was die Sprachkenntnisse betrifft. Für einen dauerhaften Aufenthalt in Österreich muss man Deutsch auf Fremdsprachen-Maturaniveau sprechen. Wer die Hürden nicht schafft, kommt nicht nach Österreich rein bzw. fliegt aus Österreich wieder raus.

 Wer an dieser Stelle „gut so" sagt und sich an Gesetzen erfreut, die auf das Scheitern von Menschen ausgelegt sind, braucht nicht weiter zu lesen. Wer aber bereit ist, sich Gedanken darüber zu machen, was es braucht, um das Zusammenleben zu stärken, findet im Folgenden ein paar Überlegungen.

Ohne Zwang geht nix, oder?

Ohne Zwang geht nichts weiter. Man muss die Industrie dazu zwingen, Filteranlagen einzubauen. Man muss die AutofahrerInnen dazu zwingen, nicht zu schnell zu fahren. Man muss die HausbesitzerInnen dazu zwingen, den Schnee von den Gehsteigen wegzuräumen. Also muss man Menschen, die nicht deutsch als Muttersprache haben, auch dazu zwingen, Deutsch zu lernen, richtig?

Nein, falsch. Denn es geht beim Sprachzwang nicht darum, einen Schaden für andere abzuwenden. Kroatisch ist nicht giftig. Chinesisch fährt niemanden nieder. Und auf Türkisch rutscht man nicht aus. Darüber hinaus ist das Sprechen ganz eng mit unserer Identität verbunden. Sprach-Zwangsmaßnahmen bedeuten daher einen direkten Eingriff in unserer Identität und in unser Selbstwertgefühl. Deshalb hat der Sprachzwang auch ganz besondere und besonders hohe Kosten.

Das kostet der Sprachzwang:

  • Sprachkurse zu absolvieren und für Sprachprüfungen zu lernen kostet Zeit - logisch. Was aber, wenn die Leute, die gezwungen werden, nicht die erforderliche Zeit haben? Was, wenn sie voll im Berufsleben stehen und/oder Kinder betreuen müssen? Was, wenn Menschen gerade genug Zeit haben, um sich so viel Sprache anzueignen, dass sie gut durch ihren Alltag kommen? Und ist es nicht wichtiger, gut durch den Alltag zu kommen, als gut durch eine Prüfung?
  • Laut dem Sprachexperten Hans-Jürgen Krumm vom Institut für Germanistik der Universität Wien werden 50% an den verschärften Deutschhürden scheitern. Nicht aus Faulheit oder Unwillen, sondern weil die geplanten Hürden realitätsfremd und viel zu hoch angesetzt sind, und weil die Fristen zur Erlernung der Sprache viel zu kurz sind. Darüber hinaus hält Sprachexperte Krumm fest: „Die Deutschhürden zielen nicht auf die Deutschkenntnisse ab, die man im Alltag braucht, sondern es wird Prüfungsdeutsch gelehrt, das vielen Menschen nicht weiterhelfen wird."
  • Sprachzwang kostet auch Nerven und Lebensfreude. Wir alle kennen die Frustration, die sich in uns breit macht, wenn wir merken, dass wir trotz größter Anstrengung etwas nicht schaffen, was wir unbedingt schaffen wollen. Im vorliegenden Fall geht es aber nicht nur ums Wollen, sondern auch ums Müssen, weil schwere Sanktionen bei Nichtbewältigen der Sprachhürden drohen. Auch hierzu vertritt der Sprachexperte Krumm eine klare Ansicht: „Es wird eine Politik betrieben, die nur die Peitsche kennt. Damit kommt man nicht weit."
  • Es kostet die von der Sprachpeitschenpolitik Betroffenen darüber hinaus auch ein Stück an Würde zu wissen, dass man zu der kleinen Gruppe an Menschen gehört, die einem Sprachzwang unterliegen. Die meisten Menschen in Österreich sind nämlich frei in ihrer Wahl, ob und für welche Sprache sie Kurse besuchen und ob sie Prüfungen ablegen möchten. Denn nur so genannte Drittstaatsangehörige unterliegen dem Sprachzwang. Alle anderen genießen in ihrem Alltag Sprachselbstbestimmung.
  • Sprachzwang kostet die Betroffenen natürlich auch Geld. Denn Österreich trägt nur einen kleinen Teil der Kurskosten mit. Warum sollten die SteuerzahlerInnen auch was beitragen, werden sich manche fragen. Ganz einfach: weil es im Interesse von uns allen sein sollte, unsere Mitmenschen bei der Aneignung von Sprachkenntnissen zu unterstützen.
  • Zu guter Letzt kann Sprachzwang auch Existenzen, Familienleben und Beziehungen kosten. Denn zahlreiche Familienzusammenführungen werden durch die Sprachhürden verhindert werden bzw. Menschen, die in Österreich Fuß gefasst haben, werden außer Landes gedrängt. Sprachbedingte Ausweisungen sind nicht nur eine Tragödie für einzelne Menschen, Sprachkompetenzgrenzen und damit auch Sprachausweisungen können mitten durch Freundschaften und Familien gehen.

Erstaunlicherweise werden die ExpertInnenmeinungen von der Politik seit Jahren ignoriert. Wollen wir sie weiter auf Kosten der Menschen und des Zusammenlebens ignorieren? Wollen wir mehr Sprachzwang, nur weil sich's gut anhört? Hören sich Hürden, an denen viele Menschen scheitern werden, wirklich so gut an?

Die Kosten des Sprachzwangs sind also hoch, sehr hoch sogar. Demgegenüber ist der Nutzen von Zwangsmaßnahmen im Vergleich zu zwanglosen Sprachförderangeboten umstritten. Es ist auch höchst umstritten, ob es wirklich gescheit ist, allein Deutschkenntnisse zu fördern und einzufordern, anstatt in erster Linie einmal bei allen Menschen die Muttersprachenkenntnisse sicher zu stellen, die eine wichtige Vorraussetzung für das Erlernen neuer Sprachen sind.

Sprachfrüh- und -weiterförderung, die zuerst bei der Muttersprache ansetzt, egal ob das Deutsch oder eine andere Sprache ist, würde unsere Gesellschaft am meisten weiter bringen. Viele Eltern lernen von und mit ihren Kindern Deutsch. Es wäre hoch an der Zeit, dass die Regierung auf die ExpertInnen hört. (derStandard.at, 14.4.2011)

ALEXANDER POLLAK

ist Sprecher von SOS Mitmensch

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