Das große Sterben für das große Fressen

15. April 2011, 07:05
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Eintagskücken als Abfallprodukt in der Hochleistungszucht: Millionen männliche Kücken enden im Häcksler oder werden erstickt

Tierfreunde wissen so etwas: Es gibt nicht nur Eintagsfliegen, sondern auch Eintagskücken. Während der Eintagsfliege, wie der Name schon sagt, von Natur aus ein ziemlich kurzes Leben beschieden ist, fallen die Eintagskücken quasi als Abfallprodukt in der Hochleistungszucht an. In Deutschland haben jährlich rund 40 Millionen Kücken - europaweit soll die Zahl bei 300 Millionen liegen - direkt nach dem Schlüpfen ihr Leben schon wieder verwirkt. "Eintagskücken zählen zu den großen dunklen Löchern der landwirtschaftlichen Nutztierethikdiskussion", sagt Reinhard Geßl vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (Fibl). Die Konsumenten hätten keine Ahnung, dass in Österreich für die 7,8 Millionen Legehennen ebenso viele männliche Eintageskücken sterben müssen, ist Geßl überzeugt. Während die weiblichen Kücken in den Zuchtbetrieben in die Versandbox "wandern", geht es mit den männlichen ab in den Tod. In eine Kiste, in der sie mit Gas erstickt oder mit einem Häcksler zerstückelt werden, einige enden auch als Schlangen-Futter für den Zoo.

In den Brütereien werden die Hähnchen sofort von ihren Schwestern getrennt: Beschäftigte erkennen sie beispielsweise an ihrem helleren Flaum oder am speziellen Wuchs der Federn und sortieren sie aus. In Spezialmaschinen - auch Homogenisator genannt - zerschlagen rotierende Messer die Kücken zu Brei. Glücklich ist man auch bei den Großbetrieben mit dem großen Sterben nicht, ist Nadja Brodmann von der Schweizer Tierschutzorganisation "KAG Freiland" überzeugt. Man habe vor einigen Jahren in einem Betrieb die Erlaubnis für einen Filmdokumentation erhalten, "wir mussten uns aber verpflichten, den Drehort nicht bekannt zu geben."

Hoch rationalisierte Legehennen-Industrie

Das Problem ist eines, das mit der modernen, hoch rationalisierten Legehennen-Industrie entstand, an deren Rändern aus ökonomischen Gründen eben auch "Abfall" entsteht. Das Drama beginnt quasi am Ursprung mit der Frage: Was ist drin in dem Ei - eine Henne oder ein Hahn? Weil man diese Frage erst beantworten kann, wenn die Tiere geschlüpft sind, nimmt das Drama seinen Lauf. Aus etwa jedem zweiten Ei kommt ein Hahn. Für das männliche Geflügel hat man aber keine Verwendung. Den Brütereien und den Legehennen-Haltern geht es nur um die weiblichen Tiere: Sie sind innerhalb kürzester Zeit hoch gezüchtet, legen je nach Rasse und Fütterung bis zu 300 Eier pro Jahr. Mit den Legehennen lässt sich gutes Geld verdienen.

Früher, als die Hühnerzucht- und haltung noch nicht dem Gesetz der ökonomischen Maximierung unterlag, landete der Hahn gut gemästet im Kochtopf. Heute versprechen die männlichen Kücken keinen Profit: Sie werden niemals Eier legen - und als Brathähnchen sind sie eher ungeeignet. Die Tiere, die sich rund, breitbrüstig und knusprig am Grill-Spieß drehen sind zwar auch Spezialzüchtungen, aber eben Rassen, die besonders schnell Fleisch und Muskeln ansetzen. Nicht umsonst werden sie in der Branche auch "Arnold Schwarzenegger-Hähnchen" genannt. Die Brüder der Legehennen haben einen eher schmalen Körperbau, fühlen sich muskulöser an und setzen vor allem kaum wertvolles Brustfleisch an. Um sie auf Schlachtgewicht zu mästen, braucht es mehr Futter und viel mehr Zeit als bei den Spezialrassen. Vier-Pfoten-Mann Jürgen Faulmann ist sich gar nicht sicher, ob er den männlichen Kücken ein längeres Leben wünschen soll. "Wenn man bedenkt, dass die Masthühner in wenigen Wochen zur Schlachtreife gebracht werden, ist die Frage, ob nicht der schnelle Tod, das gnädigere Schicksal ist. Den Tieren brechen schon lange vor ihrem Ableben die Knochen."

Keine Lösung in Sicht

"Niemand hat ein ehrliches Interesse, dass sich das ändert", sagt Fibl-Mann Reinhard Geßl etwas resigniert und hat auch keine Lösung parat. Brauchbare Lösungsansätze gäbe es derzeit einfach nicht. "KAG Freiland" hat von ihren Vertragslandwirten mehrere Tausend männliche "Bibeli", wie man in der Schweiz sagt, zu Junghähnen großziehen lassen. Diese wurden dann geschlachtet und als Biohähnchen verkauft. Ein großes Geschäft entwickelte sich in dieser Nische aber nicht. Gesucht wäre jetzt das so genannte Zwei-Nutzungshuhn: „Da müssten große Zuchtbetriebe wie Lohmann ein paar Jahre forschen und einige Millionen investieren, um ein Huhn zu züchten, das dann auch für die Betriebe wirtschaftlich ist", sagt Nadja Brodmann im Gespräch mit derStandard.at. 

Hochproduktives Legehuhn und Masthuhn in einem - das bieten die derzeitigen "Modelle" alle nicht: "Das schließt sich genetisch aus", sagt Brodmann. In der KAG Freiland verkauft man derzeit rund 1000 Masthähnchen an die Konsumenten. Eine kleine Nische für jene, die bereit sind, rund ein Fünftel mehr als für die Biomasttiere in der Schweiz zu zahlen und auch das Fleisch zu schätzen wissen: Dunkler, muskulöser sei es als das gewohnte Geflügel, selbst die Knochen sind härter. Man tut sich schwer, sie mit der Geflügelschere zu durchtrennen." Für die große Geflügelindustrie sei die Sache derzeit einfach keine wirtschaftliche Alternative.

Hoffnung Pränataldiagnostik

In Deutschland wird nun daran geforscht, bereits im Ei das Geschlecht des Geflügels feststellen zu können. Katharina Reuter war viele Jahre im Bochumer Tierschutzfonds engagiert und hat versucht, die unterschiedlichen Parteien im Kücken-Dilemma auf Fachkonferenzen ins Gespräch zu bringen. Eine schnelle Lösung gibt es laut Reuter nicht. Auch nicht, wenn die Pränataldiagnostik einmal einsatzbereit ist. "Die Technik ist sehr teuer, für mittelgroße und kleine Betriebe wird das ohnedies nicht leistbar sein." Aber immerhin gäbe es derzeit einige kleinere deutsche Landwirte, die sich der Weiterentwicklung alter Rassen widmen. Möglicherweise würden sich daraus gangbare Wege entwickeln. Die Biobranche müsse vorangehen, sagt Reuter, Versuche im kleinen Rahmen starten und sagen, das wolle man nicht. Demeter hat laut Reuter in Deutschland schon einmal ein entsprechendes Bekenntnis abgegeben. Gerade für die Biobetriebe, die gezwungenermaßen genau wie die konventionellen Ei-Produzenten ihre Hennen aus den Brütereien beziehen, sei das Kückentöten ein wunder Punkt. (Regina Bruckner, derStandard.at, 15.4.2011)

Starkoch Jamie Oliver führte das Kücken-Vergasen einmal bei einem Promidinner vor - Youtube-Video

Hier geht es zum KAG-Video: Tiere sind keine Wegwerfware

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    Männliche Kücken werden auf Fließbändern in einen Apparat geleitet, dessen Leistung ausreichen muss, "um eine große Zahl von Tieren unverzüglich zu töten" - so die EU-Richtlinie 93/119/EG. Schnell wirksames Drehen von Klingen und Kohlenmonoxid sind die derzeit praktizierten Methoden.

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    Ein langes Leben ist heute aber dem konventionellen Durchschnittshuhn ohnedies nicht beschieden. Ein Masthuhn bringt es nach sieben Wochen auf das 60fache seines Schlüpf-Gewichts.

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    grafik: statistik austria
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