Gebt her eure Daten

14. April 2011, 13:56
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So oder so, die Debatte darum, was Privatsphäre im digitalen Leben bedeutet , wird uns noch lange begleiten

Zermürbt vom anhaltenden Widerstand gegen Street View gibt Google auf - so zumindest könnte man die Meldung lesen, dass Google in Deutschland seine Straßenansichten über die bisher 20 Städte nicht erweitern wird.

Dabei gab es in Deutschland für den Onlinekonzern erst vor kurzem einen Etappensieg: Ein Berliner Gericht nannte den Dienst rechtmäßig und sah keine Verletzung der Privatsphäre. In der Schweiz hingegen ein Rückschlag, da muss die Anonymisierung nachgebessert werden - unter anderem soll man auch die Hautfarbe verpixelter Gesichter nicht erkennen dürfen. Wahrscheinlich muss man sie marsgrün machen, um dies sicherzustellen.

Ein schlechtes Beispiel

So oder so, die Debatte darum, was Privatsphäre im digitalen Leben bedeutet und wie sie zu schützen ist, wird uns - mit gutem Grund - noch lange begleiten. Street View ist dafür eigentlich ein schlechtes Beispiel, weil es um keine privaten, sondern öffentliche "Daten" geht - wie Häuser im öffentlichen Raum aussehen.

Aber Google hat durch sein Verhalten wiederholt den Kritikern Munition geliefert, zuletzt als seine unerklärliche (und unerklärte) Schnüffelaktion beim Vorbeifahren in privaten Wifi-Netzen aufflog. Das war tatsächlich ein grober Einbruch in unsere Privatsphäre, und selbst wenn er nicht illegal war (weil die Netze ungeschützt waren), war die Aktion höchst unangebracht.

In den USA arbeitet Google gerade einen anderen Fauxpas auf: die grobe Indiskretion, die der Konzern mit der Einführung von "Buzz" beging. Bei diesem patscherten Versuch, seinen Maildienst Gmail in eine Art soziales Netzwerk à la Facebook zu verwandeln, wurden Benutzerdaten ohne Zustimmung der Benutzer verwendet. Jetzt hat sich Google gegenüber der FTC (Federal Trade Commission) freiwillig verpflichtet, sich alle zwei Jahre einer Prüfung in Sachen Schutz der Privatsphäre zu unterziehen.

Solche Debatten sind nötig, aber sie bergen ein Risiko: zu übersehen, welcher Nutzen uns daraus entsteht, dass wir Daten preisgeben. Dabei müssen wir auch unterscheiden zwischen solchen, die uns als Person auch wirklich zugeordnet werden können - und Daten, die in anonymisierter Form und großer Zahl verwendet werden.

Bewegungsdaten von Handys

Nehmen wir Letzteres: Anonymisierte Bewegungsdaten von Handys können präzise Verkehrsinformation geben, da die Bewegung vieler tausender Geräte das Verkehrsgeschehen abbildet und so dem Navi erlaubt, Staus zu umgehen. Oder Prognosen über die Ausbreitung von Krankheiten aufgrund der Häufigkeit von Suchanfragen - auch das ist aufgrund anonymisierter Daten möglich.

Die Kenntnis persönlicher Gewohnheiten ermöglicht es wiederum, Informationen zu personalisieren, wie dies etwa der Onlinehändler Amazon auf seinen Seiten macht, oder Medien wie die iPad-App Zite: Diese registriert, welche Arten von Geschichten wir lesen, und stimmt die Auswahl darauf ab.

Diese Fragen werden uns in den nächsten Jahren beschäftigen; einfache Antworten nach dem Muster "Das Recht, vergessen zu werden" werden dabei nicht ausreichen. (helmut.spudich@derStandard.at
PERSONAL TOOLS, DER STANDARD Printausgabe 14. April 2011)

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