Hohes Burnout-Risiko bei Ärzten

    15. April 2011, 08:52
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    Mehr als die Hälfte der österreichischen Ärzteschaft ist Burnout-gefährdet

    Wien - Das Thema Burnout beschäftigt seit einiger Zeit auch die Ärzteschaft - auch als unmittelbar Betroffene. Die Universitätsklinik für Psychiatrie der Medizinuniversität Graz hat im Auftrag der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) eine Studie zu diesem Thema durchgeführt, welche die Basis für weiterführende Untersuchungen bilden wird. Das Projekt unter der Leitung von Peter Hofmann lief vorerst von November 2010 bis Februar 2011 unter Beteiligung von österreichweit insgesamt 6.249 Ärztinnen und Ärzten. Das Ergebnis: Knapp 54 Prozent der Befragten befinden sich in unterschiedlichen Phasen des Burnouts.

    "Das Ergebnis der Umfrage führt uns vor Augen, unter welchem Druck Ärzte tagtäglich stehen", resümierte Präsident der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK), Walter Dorner am Donnerstag bei einer Pressekonferenz. Mehr als die Hälfte der Befragten befindet sich in unterschiedlichen Phasen des Burnouts, der Großteil davon in der harmlosen Phase 1. "Phase 1 zeichnet sich durch emotionale Erschöpfung sowie die Unfähigkeit zur Entspannung aus und ist temporär", so Studienleiter Hofmann. Dieses "tägliche Burnout" sei durch entsprechende Regeneration rasch kompensierbar und betreffe in erster Linie Frauen.

    Phase 2 ist geprägt durch ein Abstumpfen gegenüber privaten Interessen und Beziehungen sowie durch Hilflosigkeit und körperliche Beschwerden. Diese Symptome verstärken sich in Phase 3 noch weiter, in der von einer behandlungswürdigen Krankheit gesprochen werden muss. Ärzte seien im Unterschied zu anderen Hochleistungsberufen überdurchschnittlich gefährdet: Bei Richtern, Notaren, Wirtschaftstreibenden oder Wirtschaftstreuhändern liege die Zahl der belasteten Personen deutlich niedriger, nämlich bei rund 40 Prozent, so Hofmann. 

    Ärzte in Ausbildung

    Besonders gefährdet sind laut Hofmann männliche Spitalsärzte bis 47 Jahre, vor allem jene, die sich in einer Ausbildung zum Facharzt befinden sowie Turnus- und Fachärzte. Nachtdienste und Notarzttätigkeit lassen das Burnout-Risiko weiter steigen. Auch Singles, denen der soziale und emotionale Rückhalt einer Partnerschaft bzw. einer Familie fehlt, sind deutlich stärker gefährdet.

    "Dass speziell Spitalsärzte betroffen sind, ist leider nicht weiter verwunderlich", führte Dorner aus. Überlange Dienstzeiten, Nachtdienste, überbordende Bürokratie und Administration, die verbesserungswürdige Zusammenarbeit der einzelnen Berufsgruppen sowie Personalmangel würden der Spitalsärzteschaft schon seit Jahren das Leben schwer machen und seien als Hauptursachen für Burnout zu sehen. Dorner: "Neben den beruflichen sind auch private Stressfaktoren zu berücksichtigen - jüngere Kollegen, die sich mitten in der Familienplanung befinden, sind einer doppelten Belastung ausgesetzt." Ein schwerwiegendes Problem seien ungeklärte Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten in den Spitälern. Hier erweise sich die kollegiale Führung als "elementarer Stressfaktor" für die Ärzte. 

    Bisher kosmetische Maßnahmen

    Dorner: "Wir müssen die Führungsverantwortung im patientennahen Bereich überdenken und neu strukturieren. Spitalsärte sind zunehmend mit dem Umstand konfrontiert, dass sie die Letztverantwortung etwa auch für den Pflegebereich übernehmen müssen. Das ist aus organisatorischer Sicht und aufgrund der konkreten Anforderungen an die Führung eines medizinischen Betriebes kontraproduktiv." Es bedürfe daher einer umsichtigen Spitalsreform, die das Hauptaugenmerk auf die im Spital tätigen Menschen lege anstatt auf die bloße Ökonomie. "Es sind nicht zuletzt Ökonomisierung, Rationalisierung und Effizienzsteigerung, die den aktuellen Zustand mitverschuldet haben", betonte der Ärztechef. Oberflächliche Maßnahmen zur Entlastung der Betroffenen seien reine Kosmetik, die Streichung von Dienstposten und extreme Rationalisierungen würden die Problematik weiter verschärfen. Dorner: "Dienstposten zu eliminieren mag zwar in der Jahresbilanz gut aussehen, aber für die verbliebenen Ärzte bedeutet die Entlassung von Kollegen zusätzlichen Stress und ein wachsendes Arbeitspensum.

    Die ÖÄK bringt für die belastenden Zustände in den Krankenhäusern seit Jahren Lösungsvorschläge zur Sprache, aber angesichts der aktuellen Pläne der Spitalsreform scheint es, als seien unsere Forderungen bislang ungehört verhallt." Es brauche flexible Arbeitszeitmodelle, spitalseigene Betreuungsplätze für Kinder und den Ausbau des niedergelassenen Bereichs. Auch die Führungsstrukturen in den Spitälern müssten angepasst werden: Die faktische Letztverantwortung der Ärzte im patientennahen Bereich müsse sich in den Führungsaufgaben klar niederschlagen und geregelt werden. Zur Entlastung der Spitalsärzteschaft von Administration und Dokumentation bedürfe es der flächendeckenden Installation von Administrationsassistenten; schließlich dürfe die durchgehende Dienstzeit 25 Stunden nicht überschreiten. Die Umsetzung dieser Maßnahmen bedeute einerseits eine Entlastung für die Spitalsärzte, andererseits auch mehr Qualität für die Patienten, so Dorner. 

    Präventionsprojekt in Wien

    Auch im niedergelassenen Bereich ist Burnout ein Thema. Speziell Journaldienste und Rufbereitschaft erweisen sich als Risikofaktoren, und auch hier ist man gegen überbordende Bürokratie und Dokumentation als Mitverursacher von Burnout nicht gefeit. Von Journaldiensten sind vor allem Landordinationen betroffen, deren gegenwärtige existenzielle Gefährdung man nicht hinnehmen dürfe, so Dorner. Der Beruf des Landarztes müsse aufgewertet und attraktiver gemacht werden, es bedürfe einer ausgewogenen Balance zwischen Niederlassungen und Spitälern, um die medizinische Versorgung der Bevölkerung flächendeckend zu sichern - ohne dass Ärzte an den Rand des Burnout gedrängt würden. Auf Wiener Ebene soll ein breit angelegtes Präventionsprojekt, durchgeführt von Wolfgang Lalouschek, MedUni Wien, das Burnout-Risiko der niedergelassenen Ärzte nachhaltig reduzieren. (red)

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      Überlange Dienstzeiten, Nachtdienste, überbordende Bürokratie und Administration machen Spitalsärzten das Leben schwer.

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