Viele Geschäfte scheitern an interkultureller Inkompetenz - Welches Know-How hilfreich ist, wurde beim HR Circle thematisiert
"In ein fremdes Kloster geht man nicht mit den eigenen Regeln."
Viktoriya Zipper bemüht ein russisches Sprichwort, um die Bedeutung von
interkultureller Kompetenz zu vermitteln. Zipper ist Gründerin und
Geschäftsführerin von Viccc (Victory cross culture consulting). Ein
Unternehmen mit Sitz in Wien, das Betriebe und ihre Mitarbeiter auf
internationale Aufgaben vorbereitet. Über die Schwerpunkte ihrer Arbeit
und welche Faktoren bei Internationalisierungsbestrebungen eine wichtige
Rolle spielen, referierte Zipper beim jüngsten HR Circle.
Rucksack ablegen
Gute Vorbereitung auf die länderspezifischen Eigenheiten ist für sie
das A und O, sonst sei die Mission meist zum Scheitern verurteilt.
"Jeder hat einen kulturellen Rucksack, den er mitnimmt", sagt sie: "Man
muss es schaffen, diesen Rucksack abzulegen und sich für neue
Perspektiven zu öffnen." Laut einer Umfrage unter Managern sehen 65
Prozent das Meistern der kulturellen Differenzen als sehr große
Herausforderung. Kultur, so Zipper, besteht aus mehreren Schichten, sie
durchflutet den gesamten Lebensbereich. Neben der familiären Ebene, der
Sozialisation, sei auch die Firma ein entscheidendes Kriterium, das die
Identität mitbestimmt.
"Vier Fünftel einer fremden Kultur bleiben anfangs im Verborgenen."
Zipper verweist auf das "Eisberg-Modell", um Unterschiede zu
veranschaulichen: "Erst wenn man den tiefen Teil, der sich unter der
Oberfläche befindet, versteht, kann man Erfolg haben." Indem man sich
die Normen und Werte, die eine Gesellschaft prägen, bewusst macht.
Natürlich, räumt sie ein, gibt es auch innerhalb eines Landes zum Teil
sehr große kulturelle Unterschiede. Eine Schulung könne nie alle Aspekte
umfassen, dennoch: "Man weiß danach, wie die Mehrheit denkt."
Phasen der Entfremdung
Wenn Mitarbeiter in ein fremdes Land ziehen, herrscht am Anfang
Aufbruchsstimmung. "Die hält zumeist zwischen vier und sechs Wochen an",
erläutert Zipper und beruft sich dabei auf Studien, die diesen Prozess
untersuchten. "Dann beginnt der Alltag und die Phase der Ernüchterung
setzt ein." Heimweh und der Wunsch nach einer Rückkehr sind die Folgen. Im
Idealfall arrangiere man sich nach im Schnitt sechs Monaten mit den
neuen Gepflogenheiten. "Bis man angekommen ist." Um den Tapetenwechsel
zu erleichtern, sollte die neue Umgebung schon vorher inspiziert werden.
"Ins Land reisen, Literatur besorgen, sich mit der neuen Situation
konfrontieren."
Gastfreundschaft
Neben der Sprache als Schlüssel zum Erfolg ist für Zipper auch die
nonverbale Komponente von entscheidender Bedeutung. "Zu verstehen, was
der andere sagt, heißt nicht unbedingt, dass man weiß, was er meint."
Obwohl Unterschiede einen anziehenden Effekt haben können, gibt es
Länder, die mit dem persönlichen kulturellen Code inkompatibel sind,
warnt Zipper und erzählt von einem Verkäufer aus Deutschland, der in
Argentinien mit seinen Produkten ins Geschäft kommen wollte. Der
Deutsche beschränkte sich rein auf die Präsentation seiner Ideen und
schlug die Einladung des Argentiniers zum gemeinsamen Abendessen mit der
Familie aus. Das Geschäft kam nicht zustande, weil die persönliche
Basis nicht gegeben war. In Südamerika, erzählt Zipper, ist Vertrauen
essenzieller Bestandteil einer jeden geschäftlichen Beziehung.
"Interkulturelle Kompetenz kann man nicht von der fachlichen und
sozialen Kompetenz trennen."
Zipper ist gebürtige Ukrainerin, die Schwerpunkte ihrer Agentur sind
Osteuropa und Russland. "Hier ist es sehr wichtig, Macht zu
demonstrieren", sagt sie über Russland: "Prestige und Statussymbole wie
Autos, Chauffeure oder Luxusartikel zählen sehr viel." Ein weiterer
Punkt ist der Aberglaube. Während dieser bei uns im Esoterikeck
angesiedelt wird, sei er in Russland tief verwurzelt. Weitere
Differenzen sind etwa, dass man Frauen nicht per Handschlag begrüßt und
dass lautes Schnäuzen in der Öffentlichkeit verpönt ist: "Entweder man
geht raus oder man macht es ganz leise." Akademische Titel werden nicht
genannt.
Bestechung
Geschäftsbeziehungen in Russland spielen sich sehr stark auf der
persönlichen Ebene ab. "Russen sind sehr beziehungsorientiert." Dazu
gehört auch das gemeinsame Feiern, eine gewisse Trinkfestigkeit ist
sicher kein Nachteil: "Getrunken wird viel, aber nicht so viel, wie
wahrscheinlich viele glauben." Bestechung sei quasi Teil der
Geschäftswelt. Die Business-Trainerin rät, so manche Prinzipien ad acta
zu legen: "Das hat sich seit der Zarenzeit so eingebürgert."
Zeitwahrnehmung
Die häufigste Ursache, warum Geschäfte scheitern, ist laut Zipper die
Zeitwahrnehmung. Diskrepanzen ergäben sich aus den Unterschieden
zwischen monochroner und polychroner Zeitkultur. In den meisten
europäischen Ländern, ebenso wie etwa in Japan, herrsche ein strenges
Verständnis. "Die Zeit wird linear gesehen und sehr stark kontrolliert."
Ein Termin nach dem anderen wird absolviert, eine Aufgabe nach der
anderen erledigt. Im Gegensatz zur polychronen Wahrnehmung - wie sie
beispielsweise in Russland, Thailand oder Lateinamerika dominant ist - und
die nicht diesen restriktiven, den Tagesablauf regulierenden Charakter
habe. "Die Leute leben mehr im Heute", sagt Zipper: "Darauf muss man
sich einstellen."
Weitere Parameter, die über interkulturellen Erfolg oder Misserfolg
entscheiden, sind Spiele von Macht und Hierarchie, ob Individuen oder
das Kollektiv prioritär sind oder ob der direkten Kommunikation
gegenüber der indirekten Ausdruckweise der Vorzug gegeben wird. Sachen,
die man wissen und ins Geschäftsleben integrieren sollte. "Wir verstehen
unter interkultureller Kompetenz nicht das Überwinden, sondern das
Nutzen von Andersartigkeit." (om, derStandard.at, 19.4.2011)
Link
www.hrcircle.at
Nächster Vortrag:
Elisabeth Gimm (Gimm - Betriebliches Gesundheitsmanagement) spricht über das Thema "Burnout-Prävention - Freude und Leistungsfähigkeit statt auszubrennen". Am 12. Mai um 18.00 Uhr.