Leises Schnäuzen, lautes "Schmieren"

19. April 2011, 13:38
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Viele Geschäfte scheitern an interkultureller Inkompetenz - Welches Know-How hilfreich ist, wurde beim HR Circle thematisiert

"In ein fremdes Kloster geht man nicht mit den eigenen Regeln." Viktoriya Zipper bemüht ein russisches Sprichwort, um die Bedeutung von interkultureller Kompetenz zu vermitteln. Zipper ist Gründerin und Geschäftsführerin von Viccc (Victory cross culture consulting). Ein Unternehmen mit Sitz in Wien, das Betriebe und ihre Mitarbeiter auf internationale Aufgaben vorbereitet. Über die Schwerpunkte ihrer Arbeit und welche Faktoren bei Internationalisierungsbestrebungen eine wichtige Rolle spielen, referierte Zipper beim jüngsten HR Circle.

Rucksack ablegen

Gute Vorbereitung auf die länderspezifischen Eigenheiten ist für sie das A und O, sonst sei die Mission meist zum Scheitern verurteilt. "Jeder hat einen kulturellen Rucksack, den er mitnimmt", sagt sie: "Man muss es schaffen, diesen Rucksack abzulegen und sich für neue Perspektiven zu öffnen." Laut einer Umfrage unter Managern sehen 65 Prozent das Meistern der kulturellen Differenzen als sehr große Herausforderung. Kultur, so Zipper, besteht aus mehreren Schichten, sie durchflutet den gesamten Lebensbereich. Neben der familiären Ebene, der Sozialisation, sei auch die Firma ein entscheidendes Kriterium, das die Identität mitbestimmt.

"Vier Fünftel einer fremden Kultur bleiben anfangs im Verborgenen." Zipper verweist auf das "Eisberg-Modell", um Unterschiede zu veranschaulichen: "Erst wenn man den tiefen Teil, der sich unter der Oberfläche befindet, versteht, kann man Erfolg haben." Indem man sich die Normen und Werte, die eine Gesellschaft prägen, bewusst macht. Natürlich, räumt sie ein, gibt es auch innerhalb eines Landes zum Teil sehr große kulturelle Unterschiede. Eine Schulung könne nie alle Aspekte umfassen, dennoch: "Man weiß danach, wie die Mehrheit denkt."

Phasen der Entfremdung

Wenn Mitarbeiter in ein fremdes Land ziehen, herrscht am Anfang Aufbruchsstimmung. "Die hält zumeist zwischen vier und sechs Wochen an", erläutert Zipper und beruft sich dabei auf Studien, die diesen Prozess untersuchten. "Dann beginnt der Alltag und die Phase der Ernüchterung setzt ein." Heimweh und der Wunsch nach einer Rückkehr sind die Folgen. Im Idealfall arrangiere man sich nach im Schnitt sechs Monaten mit den neuen Gepflogenheiten. "Bis man angekommen ist." Um den Tapetenwechsel zu erleichtern, sollte die neue Umgebung schon vorher inspiziert werden. "Ins Land reisen, Literatur besorgen, sich mit der neuen Situation konfrontieren."

Gastfreundschaft

Neben der Sprache als Schlüssel zum Erfolg ist für Zipper auch die nonverbale Komponente von entscheidender Bedeutung. "Zu verstehen, was der andere sagt, heißt nicht unbedingt, dass man weiß, was er meint." Obwohl Unterschiede einen anziehenden Effekt haben können, gibt es Länder, die mit dem persönlichen kulturellen Code inkompatibel sind, warnt Zipper und erzählt von einem Verkäufer aus Deutschland, der in Argentinien mit seinen Produkten ins Geschäft kommen wollte. Der Deutsche beschränkte sich rein auf die Präsentation seiner Ideen und schlug die Einladung des Argentiniers zum gemeinsamen Abendessen mit der Familie aus. Das Geschäft kam nicht zustande, weil die persönliche Basis nicht gegeben war. In Südamerika, erzählt Zipper, ist Vertrauen essenzieller Bestandteil einer jeden geschäftlichen Beziehung. "Interkulturelle Kompetenz kann man nicht von der fachlichen und sozialen Kompetenz trennen."

Zipper ist gebürtige Ukrainerin, die Schwerpunkte ihrer Agentur sind Osteuropa und Russland. "Hier ist es sehr wichtig, Macht zu demonstrieren", sagt sie über Russland: "Prestige und Statussymbole wie Autos, Chauffeure oder Luxusartikel zählen sehr viel." Ein weiterer Punkt ist der Aberglaube. Während dieser bei uns im Esoterikeck angesiedelt wird, sei er in Russland tief verwurzelt. Weitere Differenzen sind etwa, dass man Frauen nicht per Handschlag begrüßt und dass lautes Schnäuzen in der Öffentlichkeit verpönt ist: "Entweder man geht raus oder man macht es ganz leise." Akademische Titel werden nicht genannt.

Bestechung

Geschäftsbeziehungen in Russland spielen sich sehr stark auf der persönlichen Ebene ab. "Russen sind sehr beziehungsorientiert." Dazu gehört auch das gemeinsame Feiern, eine gewisse Trinkfestigkeit ist sicher kein Nachteil: "Getrunken wird viel, aber nicht so viel, wie wahrscheinlich viele glauben." Bestechung sei quasi Teil der Geschäftswelt. Die Business-Trainerin rät, so manche Prinzipien ad acta zu legen: "Das hat sich seit der Zarenzeit so eingebürgert."

Zeitwahrnehmung

Die häufigste Ursache, warum Geschäfte scheitern, ist laut Zipper die Zeitwahrnehmung. Diskrepanzen ergäben sich aus den Unterschieden zwischen monochroner und polychroner Zeitkultur. In den meisten europäischen Ländern, ebenso wie etwa in Japan, herrsche ein strenges Verständnis. "Die Zeit wird linear gesehen und sehr stark kontrolliert." Ein Termin nach dem anderen wird absolviert, eine Aufgabe nach der anderen erledigt. Im Gegensatz zur polychronen Wahrnehmung - wie sie beispielsweise in Russland, Thailand oder Lateinamerika dominant ist - und die nicht diesen restriktiven, den Tagesablauf regulierenden Charakter habe. "Die Leute leben mehr im Heute", sagt Zipper: "Darauf muss man sich einstellen."

Weitere Parameter, die über interkulturellen Erfolg oder Misserfolg entscheiden, sind Spiele von Macht und Hierarchie, ob Individuen oder das Kollektiv prioritär sind oder ob der direkten Kommunikation gegenüber der indirekten Ausdruckweise der Vorzug gegeben wird. Sachen, die man wissen und ins Geschäftsleben integrieren sollte. "Wir verstehen unter interkultureller Kompetenz nicht das Überwinden, sondern das Nutzen von Andersartigkeit." (om, derStandard.at, 19.4.2011)

Link
www.hrcircle.at

Nächster Vortrag:

Elisabeth Gimm (Gimm - Betriebliches Gesundheitsmanagement) spricht über das Thema "Burnout-Prävention - Freude und Leistungsfähigkeit statt auszubrennen". Am 12. Mai um 18.00 Uhr.

  • Viktoriya Zipper lehrt als Gründerin und Geschäftsführerin von Viccc interkulturelle Kompetenz.
    foto: derstandard.at/mark

    Viktoriya Zipper lehrt als Gründerin und Geschäftsführerin von Viccc interkulturelle Kompetenz.

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    Lautes Schnäuzen ist in Russland verpönt.

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