Schlafen mit System

18. April 2011, 16:48

Nach dem Vorbild der Billigairlines arbeiten auch Billighotels. Der Föhn, die Aircondition oder frische Bettwäsche kosten extra

Und jetzt das "Tune" von Big Ben. Zehn Meter von der Tube Station Lambeth North, gerade vier Stationen von Piccadilly, eine Prime Location in der teuren Londoner Innenstadt - schon gar für ein Billighotel. Schlurft man die finalen Westminster-Bridge-Road-Meter zum Eingang, versteht man den Stolz des Tony Fernandes durchaus: zuerst der Steilflug seiner Low-Cost-Airline AirAsia, und jetzt das Londoner Kronjuwel seiner "Tune Hotels", der malaysischen Billighotel-Kette, die nicht nur an der ersten Europa-Location von sich reden macht, sondern dank eines innovativen Konzepts auch in Asien. "Demand pricing" heißt das System - man zahlt nur, was man auch bestellt.

Das kommt einem bekannt vor. Vielleicht sogar von der Anreise mit einer Billigairline, und es muss keinesfalls Fernandes' AirAsia sein. Der Prozess des Weglassens, der Slalom durch Webmask-Kästchen, die längst zur Internet-Flugbuchung gehören, ist vertraut. Genau: No reserved gourmet meal. Eine Anreise als schwebender Verzicht, bei Ryanair steht sogar die WC-Benutzungsgebühr im Raum. Und bei so gut wie allen anderen die Folterwerkzeuge zusammengepferchter Sitzreihen. Auch sie gehören zur vertrauten Abspeck-Radikaldiät der Low-Cost-Airlines - die nun von der Hotellerie aufgegriffen werden. Genauer: Die "Tune Hotels" interpretieren die Hotelzimmer als Service-Baukasten neu.

Spiegel über dem Betthaupt, zwei Pölster, braunes Bodenfurnier, das kein Eckhaus gekostet haben mag. Dafür ist der Raum des Londoner 35 Pfund-City-Hotels (Promos um 9!) denn doch zu knapp. Überflüssiges wie Minibar, Schreibtischchen, Stühle, Telefon wird aus dem Raum verbannt. Viel mehr als das Doppelbett, eine Minigarderobe, das gläserne Nachtkästchen haben im Mini-Zimmer des Londoner Tune-Hotels nicht Platz. Aber solide wirkt die City-Enklave dennoch. Das "Tune London" hat seine Qualitäten, auch jenseits der Preiskampfzone. Die Mini-Dusche punktet mit ungewöhnlich starkem Brausestrahl, die gute Qualität der Betten - Hochqualitätsmatratzen der Firma King Koil - lässt Tune Hotels mit "One Star Hotels with Five Star Beds" werben. Das TV-Gerät nutzt immerhin die Raumdiagonale zum Polsterrand konsequent aus. Wer die soeben eingefahrene Hotelzimmer-Ersparnis davor verprassen möchte, knipst den Bildschirm vielleicht ja sogar an. Macht zwei Pfund extra.

Womit wir beim Hotel-Menüzettel angekommen wären, der genuinen Spezialität der Tune Hotels. Den Platz für größeres Gepäck stellt der Locker Room des Hotels - gegen den kleinen Aufschlag von zwei Pfund pro Koffernacht. Genauso viel kostet der Safe und der Leih-Föhn, während man Handtücher schon um einen Pound Stirling das Stück reibt. Bei weiteren Posten scheiden sich vielleicht die Gäste-Geister: Neue Bettwäsche nach nur einer Nacht? Kann man sich und der Umwelt eigentlich ersparen. Auf die Komplettreinigung - Kostenpunkt happige 7,50 Pfund - greifen ohnehin nur hoffnungslose Billighotel-Schnösel zurück. Zero Seife und Shampoo? Wer verabsäumt hat, all das im letzten Hotel vorsorglich zu klauen, den straft nun das Tune-Management - und streift für die Kopfwäsche weitere One-Fifty ein.

Je früher man bucht, desto günstiger sind die Preise. 12.566 Personen gefällt das, wie man von der Tune-Hotel-eigenen Facebook-Community erfährt. Allein fürs hochpreisige London sind 14 weitere "Tunes" geplant, weltweit rund hundert Häuser - zwei Drittel davon in Indien. Drei Dollar pro Nacht reichen nicht selten, zumal in den asiatischen Hotels, die die malaysische Billigkette bereits aus dem Boden stampfen ließ: in Manila, Bangkok und Pattaya, in Jakarta und an Balis Kuta Beach.

Wobei: andere Städte, andere Tunes. In manchen Häusern sorgen Werbeposter statt Hotelbildern für Extraeinnahmen, schnurrt die AirCon nur gegen Zusatzmiete, während das Airport Tune Hotel des malaysischen LCCT Airports nicht nur den Hotelraum, sondern auch die Nachtruhe in etwas kleinere Einheiten zerstückelt - und Kurznacht-Tarife anbietet. Schnell mal duschen, sich ganz wenige Stunden ausstrecken, bevor die ermüdende Fernreise weitergeht - zunehmend wissen gelernte Traveller auch das Halbnacht-Zimmer zu schätzen. (Robert Haidinger/DER STANDARD/Rondo/15.04.2011)

Kommentar posten
13 Postings
cannery row
01
20.4.2011, 01:29
privatappartement in soho..

um 70 pfund pro nacht, mit küche und bad. endreinigung inkl., geräumig, grosse fenster. vermieter ward nach der geld und schlüsselübergabe nicht mehr gesehen-also helige ruhe. da pfeif ich auf solche geilgeiznummern.

Billy the Mountain
00
20.4.2011, 22:39

würd mich auch interessieren...

= 8-b......
00
20.4.2011, 09:46

link? adresse? ich plane eben eine london-woche, da kaem das gerade recht! danke!

yasujiro
00
19.4.2011, 19:12
hat das zimmer ein Fenster?

Hatte schon welche mit nur Oberlichte.

doko
00
27.4.2011, 07:13
nicht alle

fenster gibts gegen aufpreis (kein scherz)...

Juusto Hampurilainen
52
18.4.2011, 20:29

jaja, eh alles sehr super für die "geiz ist geil!"-gesellschaft. ich muss es nicht haben. wenn ich mir kein richtiges hotel leisten kann, bleib ich daheim.

billigairlines habe ich nach anfänglicher euphorie auch wieder aufgegeben. es nervt mich einfach zu sehr, wenn alles krankhaft auf superbillig getrimmt wird. da macht reisen einfach keinen spaß mehr...

romero69
010
19.4.2011, 10:46
Kommt drauf an was man unter "richtiges hotel" versteht und wie man Urlaub machen definiert!

Ich will in meinem Urlaub halbwegs ruhig und sauber schlafen udn duschen können. Der Rest ist mir persönlich EGAL! Ich bin NUR zum Schlafen und Duschen im Hotel. Dafür leiste ich mir dann teures Essen in tollen Restaurants, Ausstellungen, gute Opernkarten, etc. etc. um das Geld dass ich für abgeschmackte "gute" Hotels zahlen müsste (und in London sind das schon weit jenseits der 200 Pfund/Person/ Nacht! - und wofür?!?!).
Dafür dass das Zimmer "schön" ausschaut (was ich beim Schlafen eh nicht sehe!) und man - angeblich - guten Service kriegt (von dem man nie was merkt)?!

Das ist doch in den teuren Hotels oft nur eine Masche bzw. man zahlt einen bekannten Namen teuer. Nein danke!

Friend of Merkur
11
19.4.2011, 15:59
Probieren Sie mal das "Copthorne Tara" in London

War gerade Ende März dort um (relativ) schlanke 150EUR für ein Doppelzimmer inkl. Frühstück & ist deutlich weniger als 200GBP/Person.
Das Hotel ist OK, Zimmer für London sehr groß aber schon etwas abgewohnt & Lage ist ausgezeichnet (Kensington).
Bekommt auch rechtgute Bewertungen bei TripAdvisor. Wie O5 schon sagte, kann man sich auf deren Bewertungen recht gut verlassen.

romero69
00
20.4.2011, 10:46
Danke für den Tipp!

Stimmt, TripAdvisor ist sehr gut!

rote Lola2
01
19.4.2011, 09:18

das konzept mag neu sein. daß es billige hotels gibt mag ihnen neu sein. da gibt es durchaus auch gute. und es gibt auch teure hotels die ausgesprochen schlecht sind...

zeamount
01
18.4.2011, 23:36

na ja - reisen ist, wenn ich durch einen fremden ort spaziere, andere speisen ausprobiere, neue bekanntschaften mache, neues entdecke ... im hotel bin ich grade mal zum schlafen und meist so erschöpft, dass ich dort keinen großen komfort brauche - gleiches gilt für die anreise, zumindest, wenn sie nur ein paar stunden dauert ...

O5
09
18.4.2011, 22:07

Ich find Billigfluglinien herrlich. Ich erkenne einfach keine nennenswerten Unterschiede zu "normalen" Fluglinien. Ob ich im voraus einen Sitzplatz zugewiesen bekomme (aussuchen kann man ihn sich ohne Zuzahlung eh kaum) oder ob ich vor Ort um einen "kämpfen" muss ist mir einfach völlig schnurz. Solche Marginalitäten sind mir definitiv keine mehrere hundert Euro wert. Billighotels sind auch sehr zu begrüßen, dank Tripadvisor kann man heute ohnehin sehr leicht herausfinden ob ein Hotel gut ist oder nicht. Ich war schon in vielen Hotels um 35-40 Euro die exzellent waren und teilweise leider auch in Hotels um 100 Euro die mittelmäßig waren (nicht selbst ausgesucht, Arbeitgeber ausgesucht). Die Tripadvisor-Bewertungen waren jedes Mal präzise.

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