Ein Hoffnungsträger auf halbem Weg

13. April 2011, 18:43
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Jähes Ende einer logischen Karriere: Josef Pröll war angetreten, um Land und Partei zu erneuern - Gescheitert ist er nicht nur an seiner Krankheit

Sein Schritt wirkt fest und entschlossen. Gut gebräunt tritt Josef Pröll ans gläserne Rednerpult, er ist schlank wie selten zuvor. Immer wieder kommt dem Vizekanzler ein Lächeln aus, als er erzählt, wie er dem Tod von der Schaufel gesprungen ist und deshalb die Politik ad acta legt. Wehmut lässt Pröll in keiner Sekunde erkennen. Eher Erleichterung.

Josef Pröll - 42 Jahre, drei Kinder - hat die vielleicht letzte Chance genützt, um aus einer Karriere auszubrechen, die geradezu unausweichlich schien. Was sonst hätte einer mit seinen Wurzeln auch werden sollen? In die Politik gestoßen wurde der "Sepp" schon in Kindesjahren am elterlichen Hof im Weinviertler Ort Radl-brunn, wo Onkel Erwin Gott und die Welt an den Küchentisch lud. Als angenehm hat der Junior die "endlosen Debatten" nicht immer empfunden - genauso wie später die Nachrede, nur Neffe des mächtigen niederösterreichischen Landeshauptmannes zu sein. Bis zuletzt wurde Josef Pröll diese Punze nie ganz los.

Dabei sei die Familienbande für seinen Aufstieg, der über Boku, Bauernbund und den Posten des Landwirtschaftsministers führte, "völlig wurscht" gewesen, wie Raiffeisen-Generalanwalt Christian Konrad, vielleicht Prölls künftiger Arbeitgeber, einmal dem Standard versicherte. Nicht nur Mentoren wie Konrad bescheinigen dem politischen Frühpensionisten ein überdurchschnittliches Maß an einschlägigen Begabungen: Organisationstalent, Gespür für Stimmungen und eine unaufgesetzte Leutseligkeit, die ihn von verkrampft wirkenden Kollegen wie dem Bundeskanzler abhebt.

Nimbus des Reformers

Als rhetorischer und intellektueller Überflieger ist Pröll nicht aufgefallen, wohl aber als "Macher- und Machttyp" (Ex-EU-Kommissar Franz Fischler), der mit lockerem Pragmatismus auch unkonventionelle Strömungen aufsaugt. Den Ruf des Erneuerers erwarb er sich nach Verlust der schwarzen Kanzlerschaft im Jänner 2007 als Leiter der ÖVP-Perspektivengruppe; obwohl manche Idee versandet ist, hat Pröll seiner Partei immerhin eine Art Pseudo-Ehe für Schwule und Lesben zugemutet. Und als sich der ein Jahr später zum Vizekanzler, Finanzminister und ÖVP-Chef avancierte Hoffnungsträger in einer klug inszenierten Rede zum Schrittmacher in der Koalition stilisierte, breitete sich tatsächlich so etwas wie Aufbruchstimmung aus.

Im Hype um "Prölls Paukenschläge" (Kurier) ging unter, dass seine Agenda weitgehend aus Bruchstücken bestand. Prölls Projekt blieb über die drei Jahre seiner Amtszeit diffus. Ob Familienbesteuerung oder Schulpolitik - oft schien der Wahlwiener mit bäuerlicher Erdung zwischen Moderne und Tradition, zwischen Liberalität und Konservativismus hin- und hergerissen. Als Finanzminister setzte er die klassische ÖVP-Linie "Sparen statt Steuern" in markigen Ankündigungen fort, mit denen die Realität nicht Schritt hielt. Während mit den Familien eine schwarze Kernklientel die härtesten Einschnitte hinnahm, blieb die von Pröll forcierte Staatsreform ein Luftschloss.

Misslungene Mission

Schwer enttäuscht sei Pröll, heißt es aus seiner Umgebung. Nicht nur über Koalitionspartner Werner Faymann, der sich, statt die Verwaltungsreform gemeinsam durchzufechten, lieber mit den Gegnern verbünde. Der jüngste ÖVP-Obmann aller Zeiten weiß, dass ihm auch die Länderchefs aus den eigenen Reihen und eben auch sein Onkel die Tour vermasselt haben. Auf eine Machtprobe mit den Granden ließ er sich aber nie ein. Als Parteichef blieb Pröll unangreifbar, als Vizekanzler jedoch verlor er Autorität. Nach einer quälenden Budgetdebatte war die Popularität des einstigen Wählerlieblings im Keller.

Bei seinem Abgang versucht Pröll gar nicht, das Scheitern der eigenen Mission wegzureden. "Zu wenig von Aufbruch und Optimismus" spüre er, dafür zunehmenden "Stillstand" : bei der Gesundheitsreform, der Pensionsreform, dem Abbau der Schulden. Um gegen diese Blockade etwas auszurichten, sagt Pröll, müsste er mehr Kraft investieren, als er nach seinen Krankheiten besitzt.

Es ist nicht untypisch für seine drei Jahre an der Spitze, dass Pröll bei der finalen Abrechnung auf halbem Weg stehenbleibt. "Wesentliche Teile der Politik verharren im bequemen Populismus und Opportunismus" , kritisiert er. Zweifellos meint Pröll damit auch so manchen Parteikollegen. Ausgesprochen hat er es nicht. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.4.2011)

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    Minister in Hemdsärmeln.

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