Der lange Weg an Land

13. April 2011, 19:01
31 Postings

Die ersten komplexeren Organismen verließen das Wasser womöglich viel früher als gedacht

Sheffield/Wien - Die Landschaft muss einen desolaten Anblick geboten haben. Ein riesiger See mit ringsum nichts als nackter Erde, Sand, Schlamm. Kein grün, kein Leben. Oder doch. Am schlickigen Ufer hätte ein Beobachter einen seltsamen Belag entdecken können. Grünlich vermutlich, und vielleicht schleimig. Und belebt.

Den See gibt es allerdings seit über einer Milliarde Jahre nicht mehr. Seine Sedimente wurden zu Schiefer, eingebettet in massiven Felsen, die so genannten Torridonischen Schichten, die weite Teile West-Schottlands bedecken. Die besten Aufschlüsse findet man direkt an der Küste, sagt der Biologe Charles Wellman von der englischen Universität Sheffield im Gespräch mit dem STANDARD.

Verblüffende Vielfalt

Wellman hat das Gestein zusammen mit Kollegen aus Oxford und Boston auf die Anwesenheit von Mikrofossilien hin untersucht. Das Team entdeckte dabei eine verblüffende Vielfalt an bis zu einem Millimeter großen Lebensformen - anscheinend auch solche, die zumindest zeitweilig an der Luft überleben konnten.

Bislang glaubte man, die ersten Eukaryoten, also komplexere Lebensformen mit Zellkernen, hätten erst vor rund 550 Millionen Jahren vom Meer aus das Land erobert. Vorher wäre dies höchstens Cyanobakterien gelungen. Die Forschungsergebnisse von Wellman und Kollegen, die im Wissenschaftsmagazin "Nature" veröffentlicht wurden, stellen dies nun in Frage. Details der Studie wurden heuer vom Fachmagazin "Nature" online veröffentlicht.

Die Wissenschafter entdeckten unter anderem diverse eukaryotische Mikrofossilien in den Überresten von Bakterienkolonien. Soweit nichts Ungewöhnliches, wenn letztere nicht verräterische Risse aufweisen würden. "Es sind cyanobakterielle, mikrobielle Matten, die eindeutig austrockneten", sagt Charles Wellman. Der Forscher vermutet, dass solche Lebensgemeinschaften direkt am Ufer siedelten und immer wieder trocken fielen. Die Matten wären demnach so etwas wie eine primitive Sumpf-Pflanzengesellschaft in Miniatur gewesen.

Da der Torridonische See den geologischen Hinweisen nach ein Süßwasser-Lebensraum war, ging die Jahrmillionen dauernde Kolonialisierung des Landes wahrscheinlich nicht vom Ozean aus, meint Wellman. "Diese Geschichte fängt hier an." Eine halbe Milliarde Jahre früher als gedacht.

Ganz neu ist die Entdeckung der Torridonischen Acritarchen, wie die fossilen Kleinstlebewesen auch genannt werden, gleichwohl nicht. Der Naturforscher J. J. H. Teall hat sie schon 1907 erstmalig beschrieben. Seitdem aber, so Charles Wellman, "sind sie weitgehend ignoriert worden".

Neue anatomische Details

Die neuen mikroskopischen Studien offenbaren jedoch eine Fülle bisher unbekannter anatomischer Details. "Die Techniken sind heute viel besser. Wir sehen viel mehr." Manche der Mini-Kreaturen bestanden aus kugeligen Ansammlungen von Zellen und könnten vielleicht Vorstufen von mehrzelligen Organismen gewesen sein. Andere weisen thallusartige Strukturen auf, wie urtümliche Algen. Besonders skurril ist ein relativ großer Acritarch mit zwei stumpfen Tentakeln.

Offensichtlich scheint jedenfalls, dass der Torridonische See und seine Ufer bereits über diverse ökologische Nischen verfügte, die von speziell angepassten Eukaryoten-Arten besetzt wurden. (Kurt de Swaaf/DER STANDARD, Printausgabe, 14. 4. 2011)

  • Die Küste von Loch Torridon in Schottland - vor über einer Milliarde Jahre gab es in der Gegend einen ganz anderen See. Die Kolonialisierung des Landes könnte hier begonnen haben; und wesentlich früher als gedacht.
    f.: oxford university/martin brasier

    Die Küste von Loch Torridon in Schottland - vor über einer Milliarde Jahre gab es in der Gegend einen ganz anderen See. Die Kolonialisierung des Landes könnte hier begonnen haben; und wesentlich früher als gedacht.

  • Große sphaeromorphe Acritarche mit 0,2 Millimeter (oben) und 0,5 Millimeter Durchmesser.
    foto: charles wellman

    Große sphaeromorphe Acritarche mit 0,2 Millimeter (oben) und 0,5 Millimeter Durchmesser.

  • Artikelbild
    foto: charles wellman
  • Manche der entdeckten Lebewesen bestanden aus kugeligen Ansammlungen von Zellen und könnten vielleicht Vorstufen von mehrzelligen Organismen gewesen sein.
    foto: paul k. strother, boston college

    Manche der entdeckten Lebewesen bestanden aus kugeligen Ansammlungen von Zellen und könnten vielleicht Vorstufen von mehrzelligen Organismen gewesen sein.

Share if you care.